Ursachen von Gewalt
Gewalt tritt in unterschiedlichen Formen auf, dabei sind die Ursachen dafür unterschiedlich. Sie entwickeln sich auf Grund struktureller Rahmenbedingungen oder auf der zwischenmenschlichen Ebene. Schule bietet besondere Situationen die zur Gewaltausschreitung beitragen können.
So vielfältig wie die Erscheinungsformen von Gewalt, so verschiedenartig sind auch deren Ursachen. Gewalt zeigt sich in der Familie, im Freundeskreis, im Fußballstadion, in der Schule und in vielen anderen Kontexten und Räumen. Gewalt ist in der Regel ein soziales Phänomen, also ein auf das menschliche Miteinander - in diesem Falle das menschliche Gegeneinander - gerichtetes Handeln. Die Konflikte, die im Kontext Schule manifest werden und sich in gewalttätigen Auseinandersetzungen offenbaren, haben Ursachen aus den unterschiedlichsten Bereichen und Ebenen.
Eine übergeordnete Ebene der Gewaltentstehung ist die der
strukturellen Rahmenbedingungen als mögliche Gewalt begünstigende Faktoren:
- bauliche Faktoren (zum Beispiel zu enge Flure, wenig Lichteinfall, steile Treppen, verwinkelte Bauten, kalte Pausenhöfe)
- kulturelle Verankerungen (Gewalt als anerkanntes Erziehungsmittel, politische Gewalt und Willkür als Normalität)
- hierarchische Strukturen (formales Lehrer-Schüler-Verhältnis, Machtgefälle zwischen Eltern und Kindern)
- Leistungsethos westlicher Gesellschaften (Konkurrenz, Antrieb durch Gewinnstreben, Zielvorgaben durch Medien)
Eine direktere Ebene der Gewaltentstehung (mit mehr Einfluss auf den Einzelnen) bildet die Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen:
- soziale Krisen in den Familien
- qualitativ schlechtes Verhältnis zu Lehrerinnen und Lehrer, Mitschülerinnen und Mitschüler, Freunden
- wenig Anerkennung der eigenen Leistungen
- keine Reflexion über die eigenen Fähigkeiten und Wünsche
- Beziehungslosigkeit / Bindungslosigkeit
- unstrukturiertes Freizeitverhalten
- fehlende oder erhöhte soziale Kontrolle
Neben den Bereichen Struktur und Beziehung spielen weitere unterschiedlichste Faktoren eine Rolle, wenn es darum geht, die Ursachen von Gewalt (beziehungsweise Gewaltbereitschaft) zu ergründen. Individuelle psychische Traumata, der Mangel an alternativen Handlungsmöglichkeiten, eine geringe Frustrationstoleranz, permanente Provokationen - all das kann dazu beitragen, dass Menschen gewalttätig werden.
In der Schule gelten zudem noch einige Besonderheiten, die zu Gewaltausschreitungen beitragen können:
- Unterricht, der nicht schülerbezogen gestaltet ist (häufige Über- beziehungsweise Unterforderung, Methodenarmut)
- Bewegungsmangel
- Anonymität (große Schülerzahlen, geringe soziale Kontrolle)
- mangelnde Mitsprache- und Gestaltungsmöglichkeiten
- Leistungsversagen (Gewalt als Ventil für Unzulänglichkeiten, Ersatz für intellektuelle Überlegenheit)
- überlastete Lehrerinnen und Lehrer (mangelnde soziale Unterstützung, Resignation, keine Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit "schwierigen" Schülerinnen und Schülern)
- nicht bearbeitete Konflikte
- unangemessene Reaktionen auf Konfliktsituationen (gegenseitige Vorwürfe, Beleidigungen)
Die Beweggründe für die Wahl der Gewalt als Mittel zur Problemlösung sind individuell und lassen sich allenfalls kategorisieren. Die eben genannten Faktoren gelten daher als mögliche Einflussvariablen niemals jedoch als alleinige Ursache von Gewalt. Das Phänomen Gewalt lässt sich nur multifaktoriell - also strukturell, zwischenmenschlich und individuell - erklären. Im Kontext Schule lassen sich zumindest einige Gewalt fördernde Strukturen verändern und gewaltpräventiv wenden. Die Gestaltung der Schulhöfe und Gebäude, die Implementierung von Streitschlichter-Programmen oder das Erlernen eines sozialen Miteinanders sind sicherlich gute Ansätze für eine effektive Verminderung der Gewaltbereitschaft.
Nachhaltig orientierte Gewaltprävention muss diese Faktoren berücksichtigen und kann so auf mögliche Gewalt fördernde Aspekte einwirken. Eine Unterrichtsgestaltung, die das Handlungsrepertoire der Schüler erweitert und die sozialen Kompetenzen fördert, bietet eine realistische Chance Konflikte dauerhaft mit gewaltfreien Mitteln zu lösen.
Bei der notwendigen Sanktionierung von auftretenden Gewalttaten sollten stets auch die Ursachen und Bedingungen, die die Tat ermöglichten, Beachtung finden. Verständnis für Täter (nicht für die Tat) und Hilfe und Unterstützung für Opfer müssen dabei parallel aufgebracht werden.