Kinder abhängiger Eltern
In Deutschland leben etwa 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche mit einem suchtkranken Elternteil zusammen. Häufig bestehen Spannungen und Streitigkeiten in diesen Familien. Die Kinder versuchen so angemessen wie möglich darauf zu reagieren.
Suchtbelastete Familien
Kinder süchtiger Eltern
Was Kinder in dieser Situation machen
Die Situation der Kinder muss sich bessern
Kinder abhängiger Eltern leiden unter der Suchterkrankung ihrer Mütter und Väter. Sie sind häufig sozialen, psychischen oder körperlichen Belastungen ausgesetzt. In Deutschland lebten im Jahr 2003 etwa 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren mit mindestens einem suchtkranken Elternteil zusammen, so Angela Kalicki in ihrem Vortrag zur 14. Trierer Woche der Suchtprävention. Je nachdem welcher Elternteil von der Erkrankung betroffen ist, wirkt sich dies unterschiedlich auf die Mädchen und Jungen aus.
Suchtbelastete Familien
In suchtbelasteten Familien bestehen häufig Streitigkeiten und Spannungen zwischen den Familienmitgliedern. Die Krankheit eines Elternteils beziehungsweise beider Eltern wird von den anderen Familienmitgliedern getragen. Bisher ist Suchterkrankung in der Familie jedoch ein Tabuthema. Das Thema Sucht und die Einsicht, dass eine Sucht in der Familie besteht, werden nicht selten verdrängt beziehungsweise tabuisiert. So sprechen viele Lebens- oder Ehepartner in der Öffentlichkeit nicht über ihre familiären Probleme und versuchen die Erkrankung nach außen zu vertuschen. Der Partner wird bei Nichtanwesenheit am Arbeitsplatz oder bei Verabredungen entschuldigt. Nicht selten werden dem suchtkranken Familienmitglied Probleme und Verantwortung genommen und versucht, die Suchterkrankung innerhalb der Familie zu therapieren. Das kann dazu führen, dass Alkohol weggekippt, Tabletten weggeworfen oder Drogen versteckt werden. Nach fehlgeschlagenen Therapieversuchen folgen in der Regel Enttäuschung, Wut, Schuldgefühle oder Trauer.
Ist der Familienvater das suchtkranke Familienmitglied, übernimmt häufig die Frau die leitende Funktion in der Familie und setzt alles daran, dass das Familienleben nach wie vor funktioniert. Ist die Mutter selbst von der Sucht betroffen, versorgen sich die Kinder nicht selten selbst und übernehmen zusätzliche Arbeiten im Haushalt. Kinder in solchen Familienkonstellationen wachsen häufig mit nur einem Elternteil auf, denn suchtkranke Frauen werden häufiger von ihrem Partner verlassen, als suchtkranke Männer.
Kinder süchtiger Eltern
Kinder leiden besonders in einer suchtbelasteten Familie. Sie lernen ihre Mütter und Väter von zwei unterschiedlichen Seiten kennen. Drogenabhängige zeigen gegenüber ihrem sozialen Umfeld Desinteresse oder Ablehnung und neigen nicht selten zu aggressivem Verhalten. Dieses Verhalten wird auch gegenüber den Kindern gezeigt. Mutter und Vater sind somit abwechselnd distanziert und genervt, mal fürsorglich und geben Versprechungen ab. Mädchen und Jungen werden durch das widersprüchliche Verhalten ihrer suchtkranken Eltern verunsichert und versuchen die Situation zu Hause positiv zu beeinflussen. Häufig beobachten sie die jeweilige Situation und versuchen eigene aktuelle Gefühle auszublenden, um sich der Situation entsprechend verhalten zu können.
Kinder suchtkranker Mütter und Väter leiden häufig unter instabilen Familiensituationen in denen sie emotionale Kälte spüren können. Grenzen und Regeln in der Familie sind oftmals unklar. Der suchtkranke Elternteil zeigt meist mangelndes Interesse an den Kindern. Zudem sind Kinder aus suchtbelasteten Familien häufiger von Gewalt und sexuellem Missbrauch betroffen, als Kinder aus anderen Familienverhältnissen.
Was Kinder in dieser Situation machen
Kinder suchtkranker Eltern laden in der Regel keine Freunde zu sich nach Hause ein, damit das Familienproblem nicht nach draußen dringt. Auch schämen sie sich häufig für das Verhalten und Betragen ihrer Eltern. Wie Kinder mit dieser Situation umgehen, ist unterschiedlich.
Der Wissenschaftler Sharon Wegscheider entwickelte 1988 vier Typen, die das Verhalten von Kindern in suchtbelasteten Familien beschreibt: Der Held, der Sündenbock, das verlorene oder stille Kind und das Maskottchen oder der Clown. Diese vier Typen sind nicht immer, wie folgend dargestellt, voneinander trennbar. Die Verhaltensmerkmale können auch ineinander verschwimmen.
Der Held in einer suchtbelasteten Familie ist meist die Älteste oder der Älteste. Helden kümmern sich um ihre Familie und sorgen dafür, dass alles "gut" läuft. Für ihre Familie arbeiten sie hart, pflichtbewusst und ernsthaft: Dadurch erhoffen sie sich Anerkennung und Lob. Der Sündenbock verhält sich völlig gegensätzlich. Sündenböcke sind meistens jüngere Geschwister. Die Position des Helden ist bereits durch Ältere belegt. Sündenböcke verhalten sich nach Wegscheider unnahbar und aggressiv. Sie lenken so von den Problemen der Familie ab und ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Das verlorene oder stille Kind verhält sich unauffällig. Es ist eher ein Mitläufer und zeichnet sich weder durch besonders gute noch besonders schlechte Leistungen aus. Die Eltern stellen wenige Erwartungen an das verlorene oder stille Kind. Nach Wegscheider neigen diese Kinder häufiger zu Krankheiten wie Allergien und Asthma und haben auch häufiger Unfälle, da sie nur so Aufmerksamkeit erlangen können. Das jüngste Kind ist meist der Clown oder das Maskottchen der Familie. Um die verkrampfte Familiensituation aufzulösen versucht es meist komisch, lustig und unterhaltsam zu sein. Probleme werden vor den jüngsten Geschwistern versteckt, die Spannungen innerhalb der Familie sind aber auch für den Clown oder das Maskottchen spürbar. Diese Kinder unterdrücken ihre Ängste und ihren Ärger.
Die Situation der Kinder muss sich bessern
Kinder aus suchtbelasteten Familien haben wenig Raum, um ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen freien Lauf zu lassen. Ihnen fehlt in der Familie häufig Verlässlichkeit. Zudem haben sie ein erhöhtes Risiko als Erwachsener selbst suchtkrank zu werden. Daher ist es wichtig, die Situation von Kindern und Jugendlichen in suchtbelasteten Familien zu verbessern, so auch das ehemalige Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherheit (nun BMG Bundesministerium für Gesundheit). Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien haben ein Recht auf eigene Unterstützung und persönliche Hilfe, auch wenn die Eltern bereits Hilfe erhalten. Ihnen muss zudem vermittelt werden, dass sie selbst keine Schuld an der Suchterkrankung der Eltern haben. Kinder und Jugendliche brauchen Informationen über die Krankheit ihrer Eltern, nur so kann ihnen die "Schuld" an der Erkrankung genommen und ihnen Möglichkeiten zur Hilfe und Selbsthilfe aufgezeigt werden. Damit einher geht ein offener Umgang mit der Krankheit, um die Scham- und Schuldgefühle der Mädchen und Jungen zu nehmen beziehungsweise sie nicht entstehen zu lassen.
Nicht zu vergessen ist allerdings, dass es sich bei Drogenabhängigkeit um eine Krankheit handelt. Die Mütter und Väter sind zwar suchtkrank, doch auch sie wollen gute Eltern sein. Daher benötigen sie im Besonderen Unterstützung und Ermutigung, um ihre Elternrolle wahrzunehmen. Bei der Behandlung einer Suchterkrankung geht es demzufolge um die Behandlung einer Krankheit, die die gesamte Familie belastet. Ziel der Behandlung dieser Krankheit ist zum einen der Verzicht auf den Drogenkonsum, zum anderen - langfristig gesehen - eine Stärkung der Familie, die Geborgenheit und Verlässlichkeit an alle Familienmitglieder vermittelt.
Wenn Sie Probleme und Fragen zu diesem Thema haben, können Sie sich an die Beratungsstelle in Ihrer Region wenden. Die Anschrift über die Beratungsstellen im Sign-Gebiet erhalten Sie hier.