Prävention
 
Achim Salge
Frühe Prävention ist wichtig
Achim Salge arbeitet beim Jugendamt im Landkreis Aurich. Ein besonderes Augenmerk legt er dabei auf den Bereich der Prävention. Mit der Sign-Redaktion sprach er über seine Arbeit und darüber, was Präventionsarbeit für ihn ausmacht.

Herr Salge, Sie arbeiten im Jugendamt des Landkreises Aurich. Was sind Ihre Aufgaben?

Beim Jugendamt des Landkreises Aurich decke ich den Bereich des Jugendschutzes ab. Das bedeutet, dass ich auch den so genannten gesetzlichen Jugendschutz mache. Dazu gehört beispielsweise das Kontrollieren von Läden, Diskotheken und Videotheken. Aber auch die Kontrolle von Kneipen, ob dort bei der Vergabe von Alkohol Altersbeschränkungen beachtet werden. Das fällt alles unter den Begriff des Jugendschutzes. Das bindet natürlich auch viele Kapazitäten. Für eine Kontrolle in einer Diskothek bin ich nämlich nicht alleine zuständig. An diesen Einsätzen sind immer Polizeikräfte und Mitarbeiter vom Jugendamt beteiligt. Dazu braucht es auch immer eine gute Organisation.

Darüber hinaus gehört auch der erzieherische Jugendschutz zu meinen Aufgaben. Diese Aufgabe vermischt sich ein wenig mit der Prävention, denn auf Präventionsprojekte legen meine Kollegin und ich ein besonderes Augenmerk. Außerdem beschäftige ich mich auch noch mit Präventionsarbeit. Der Präventionsrat im Landkreis Aurich ist stark sozialpädagogisch ausgerichtet. Das heißt, wir machen weniger Kriminalprävention, sondern setzen uns vor allem für die Verbesserung der Situation von Kindern und Jugendlichen ein. Am Anfang haben wir noch nach dem Gießkannen-Prinzip gearbeitet und hier und da unterschiedliche Projekte unterstützt. Auch unsere Präventionswochen kamen gut an. Wir hatten gute Referenten, die Leute kamen dorthin und haben interessiert zugehört, aber es fehlte einfach die Nachhaltigkeit. Seitdem ist uns die Nachhaltigkeit von Projekten sehr wichtig. Deshalb setzen wir inzwischen vermehrt im Elementarbereich an - also in Kindergarten und Grundschule. Zuerst haben wir erfolgreich das Faustlos-Projekt flächendeckend im Landkreis Aurich implementiert.

Wie hat sich Ihr Weg dorthin gestaltet?

Das hat sich eigentlich so entwickelt. Ich habe Erzieher gelernt und im Kindergarten gearbeitet. Dann habe ich gedacht, dass das noch nicht alles sein kann. Daraufhin habe ich Sozialwesen studiert und bin letztendlich über die Straffälligenhilfe zu meinem heutigen Job gekommen. Ich wollte nicht mehr nur reaktiv arbeiten, sondern gerne auch in Projekten, die früher ansetzen. Es war mir wichtig Kindern möglichst frühzeitig Fähigkeiten mitzugeben, damit sie gar nicht erst in solche Situationen geraten. Als sich die Möglichkeit ergab, in das Jugendamt zu wechseln, habe ich das wahrgenommen und bin seitdem in der Kinder- und Jugendförderung tätig. Ich arbeite besonders stark im erzieherischen Jugendschutz und bin daher auch viel in Schulen - auch im Rahmen des Sign-Projekts. Wir machen aber auch Projekte außerhalb von Sign.

Wie sehen diese Projekte aus?

Ich gehe beispielsweise in 8., 9. und 10. Klassen, um mit den Jugendlichen über Alkohol und Drogen zu sprechen. Wir reden darüber, welche Drogen besonders gefährlich sind und was beispielsweise bei übermäßigem Alkoholkonsum passieren kann. Dafür habe ich Powerpoint-Vorträge für die Mädchen und Jungen. Ich mache zu diesen Themen aber auch spezielle Elternabende. Für diese Arbeit ist der Wissenschaftsbereich auf den Sign-Internetseiten auch immer wieder eine gute Unterstützung. Zum Beispiel die Kurzfassungen von Studienergebnissen, die man dort findet, bringe ich häufig in die Arbeit an Schulen mit ein. Das finde ich sehr wichtig und es findet auch immer reges Interesse. Gerade auch die Eltern lassen sich über diesen Bereich immer wieder sehr gut ansprechen.

Natürlich rede ich mit den Schülerinnen und Schülern auch über Gewalt. Wie kommt es zu gewalttätigen Handlungen und was sind die Ursachen?

Gibt es weitere Projekte, die Sie betreuen?

Unser kostenintensivstes aber auch bestes Präventionsprojekt sind unsere so genannten Lesenester. Dieses Projekt richtet sich speziell an Kinder, die Probleme beim Lesen- und Schreibenlernen haben. Das können Kinder nicht-deutscher Herkunft sein, das können aber auch Kinder mit einer Lese-Rechtschreibschwäche sein. Sie können diese Lesenester besuchen, die wir inzwischen in Aurich und Norden, aber auch in anderen Gemeinden, wie beispielsweise in Hage, auf Norderney, in Pewsum, Wiesmoor und Großheide haben.

Mädchen und Jungen, die zum Ende des 1. Schuljahres große Probleme beim Lesen und Schreiben haben, können in diese Lesenester kommen. Hier lernen sie anhand einer Fingerzeichenmethode Lesen und Schreiben. Dabei wird jedem Buchstaben ein festgelegtes Fingerzeichen zugeordnet und diese erlernen die Kinder in diesem Lesenest. In den Lesenestern sind ehrenamtliche Mitarbeiter tätig. Das sind Leute, die gerne mit Kindern arbeiten möchten: ehemalige Lehrer, Hausfrauen, Verwaltungsangestellte und ähnliches. Wichtig bei diesen Lesenestern ist, dass es ein außerschulisches Angebot ist, das nicht in der Schule stattfindet. Die Kinder kommen freiwillig zu uns und erlernen die Buchstaben über diese speziellen Fingerzeichen. Diese Zeichen dienen ihnen als Eselsbrücke, über die sie sich die Buchstaben merken. Dabei werden die Finger zum Lesen benutzt, um sich neue Texte selbstständig erarbeiten zu können. Das funktioniert hundertprozentig. Wir hatten bisher kein Kind, das nicht mit Hilfe dieser Methode Lesen gelernt hat. Damit sind wir unglaublich erfolgreich und deshalb möchten wir dieses Angebot gerne flächendeckend anbieten.

Wie sind Sie auf die Idee mit den Lesenestern gekommen?

Der Kinderschutzbund in Aurich hat uns auf diese Idee gebracht und auch das erste Lesenest eingerichtet. Wir fanden das so gut, dass wir das unterstützen wollten. Die Fingerzeichenmethode als solche stammt bereits aus den 20er Jahren und wurde weiterentwickelt. Dieses Konzept haben wir aufgegriffen und versuchen es jetzt flächendeckend einzuführen. Ich muss sagen, dass es sehr erfolgreich ist.

Wie wird es von den Kindern angenommen?

Sehr gut, weil sie nicht in der Schule sind. Das finden sie toll. Die Kinder kommen nachmittags in die Lesenester. Man muss auch bedenken, dass nicht alle Kinder nach der Schule in ein warmes geborgenes zu Hause kommen. Viele finden es einfach toll, dass ihnen die Lesenester einen anderen Rahmen bieten. Sie kommen hierher, haben ihr eigenes Fach, in dem sie ihre Materialien aufbewahren können, und fühlen sich einfach wohl und geborgen. Sie können hier mit anderen beisammen sein und miteinander reden. Nebenbei werden mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Übungen durchgenommen und die Kinder lernen in einer angenehmen und entspannten Atmosphäre. Einige der Kinder kommen wirklich viermal in der Woche hierher und sie kommen gerne.

Gibt es weitere aktuelle Projekte im Landkreis Aurich?

Ich übernehme noch Aufgaben der Jugendgerichtshilfe, aber irgendwo ist der zeitliche Rahmen leider auch ausgeschöpft. Wir versuchen den Kindern und Jugendlichen gute und effiziente Arbeit anzubieten. Deshalb gehen wir auch verstärkt in den Elementarbereich. Da können wir einfach noch besser und nachhaltiger ansetzen. Ich denke, dass der Bereich Kindergarten in den kommenden Jahren auf jeden Fall noch effektiver ausgebaut werden kann und auch sollte. Im Rahmen unserer Präventionsarbeit haben wir einfach gemerkt, dass man damit möglichst früh anfangen sollte. Um Kinder gegen Sucht stark zu machen, muss ich ihr Selbstwertgefühl schon früh stärken. Ich kann mich nicht vor 13-Jährige stellen und sie fragen, warum sie rauchen.

Was ist Ihrer Meinung nach besonders wichtig in der Präventionsarbeit?

Unser Slogan lautet: "Besser unsicher anfangen, als sicher abwarten." Meine Kollegin und ich haben viele Projekte gemacht, bei denen wir am Anfang nicht wussten, was am Ende dabei herauskommt. Dabei sind wir hin und wieder auch mal auf die Nase gefallen, aber meistens hat es doch geklappt und wir konnten unsere Ideen entwickeln. Meiner Meinung nach werden Projekte viel zu häufig evaluiert. Ich denke es ist manchmal besser auf sein Bauchgefühl zu hören. Wenn man meint, das könnte eine gute Maßnahme sein, sollte man auch versuchen, diese umzusetzen.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit Eltern aus?

In punkto Alkoholprävention haben wir vor kurzem gemeinsam mit den Schulen eine Veranstaltung für Eltern gehabt. Hierbei sollte Müttern und Vätern näher gebracht werden, wie sie mit ihren Kindern über Alkohol und Sucht reden können. Diese Veranstaltungen waren sehr gut vorbereitet und wurden groß angekündigt. Letztendlich ließ die Beteiligung jedoch trotz allem sehr zu wünschen übrig. Aber so ist das leider. Es kommt auch immer darauf an, was in den Medien gerade aktuell ist und was weniger. Ist es ein aktuelles Thema, dann ist in der Regel auch die Beteiligung sehr gut.

Wie wichtig sind Ihrer Meinung Vernetzungen und Kooperationen in der Jugendarbeit?

Für mich sind Kooperationen und Netzwerke in diesem Bereich sehr wichtig. Es erleichtert uns beispielsweise gewisse Projekte umzusetzen. Ein Beispiel hierfür sind die Lesenester. Durch eine gute Zusammenarbeit mit der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft konnten wir dieses Projekt recht kostengünstig umsetzen. Ähnlich kann es auch mit Jugend- und Nachbarschaftstreffpunkten laufen. Auch die Jugendschutzkontrollen, die ja auch in meinen Aufgabenbereich fallen, wären ohne diese Netzwerke gar nicht möglich.

Welche Fähigkeiten sollte man mitbringen, wenn man in der Jugendarbeit tätig werden möchte?

Bei mir war es damals so, dass ich wusste, dass ich handwerklich nicht besonders begabt bin. Mir war aber auch klar, dass ich nicht den ganzen Tag im Büro sitzen wollte. Daraufhin habe ich mich für eine Ausbildung zum Erzieher entschieden. Danach habe ich gemerkt, dass ich mich gerne weiterbilden würde, weshalb ich mich für ein Studium entschieden habe. Letztendlich muss aber jeder für sich selbst wissen, ob das ein Job für ihn ist oder nicht. Ich denke, da sollte jeder für sich schauen, wo die persönlichen Vorlieben und Neigungen liegen.

Was wünschen Sie sich für Ihre berufliche Zukunft im Bereich der Präventions- und der Jugendarbeit?

Eines meiner zentralen Mottos lautet: "Ohne Bildung kein Weiterkommen." Das bedeutet, Kinder die keine Bildung erfahren oder ihren Schulabschluss nicht schaffen, werden es auch in Zukunft immer schwer haben. Sie finden häufig keinen Ausbildungsplatz, finden keine Jobs und sind oft auf soziale Unterstützung angewiesen. Die ganze Zukunft basiert auf Bildung und deshalb sollte der Fokus meiner Meinung nach viel stärker auf diesen Bereich gerichtet werden. Es ist wichtig, Kinder frühzeitig zu fördern, wie beispielsweise in den Lesenestern. Bildung sollte ihnen schon frühzeitig ermöglicht werden.

Bei allen Sparmaßnahmen sollte daran gedacht werden, was ein Mensch, der seinen Schulabschluss nicht schafft und deshalb keine Arbeit findet, den Staat zukünftig kosten wird. Wäre es da nicht sinnvoller, etwas mehr in Bildung, in Förder- und Forderprogramme zu investieren, damit jeder die Chance hat, später einmal einen Job zu finden? Diese Überlegung kommt, so finde ich, häufig viel zu kurz. Das sehe ich auch häufig bei den Jugendlichen. Viele haben Zukunftsängste. Sie haben sich schon lange aufgegeben und wissen nicht, was sie machen sollen. Die Bereiche Bildung und zu Hause, aber auch diese ganze Werte- und Normendiskussion sind ganz wichtige Aspekte, die viel stärker beachtet werden sollten.

Vielen Dank für das Gespräch.