Sucht
 
Dr. med. Eckhard Schiffer
Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde
Der 1. Oldenburger Präventionstag im PFL, veranstaltet vom Präventionsrat Oldenburg, war ein voller Erfolg. Hauptreferent der Veranstaltung war Dr. med. Eckhard Schiffer, Chefarzt des Christlichen Krankenhauses in Quakenbrück.

Sein lebendiger, informativer und ausgesprochen humorvoller zweistündiger Vortrag trug den Titel "Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde".

Wie jeder weiß, hatte der gute Huck nicht die besten sozialen Voraussetzungen, um einen guten Start ins Leben zu bieten. Er ist bekanntlich ohne Mutter großgeworden, wurde von einem gewalttätigen Säufer erzogen, von dem er sich als Teenager jedoch trennte, um eigene Wege zu gehen. Die Gesellschaft meidet ihn aus Angst. Sie sieht in ihm nur einen faulen, verwahrlosten Jungen.

Warum ist Huck nun keinen Drogen verfallen, trinkt keinen Alkohol und nimmt keine anderen Substanzen zu sich, scheint er doch beste Voraussetzungen für eine klassische Drogenkarriere mitzubringen?
Die Antwort, so Schiffer,  ist die, dass er trotz seiner desolaten sozialen Situation mit sich selbst ganz gut klarkommt. Er kümmert sich nicht darum, was andere von ihm halten und verwirklicht das, was er für wichtig hält.

Wie schafft er das?

Dr. Schiffer betont in diesem Zusammenhang, die Wichtigkeit einer lebendigen, intakten Phantasie, die dem Menschen hilft, sein Leben reicher und intensiver zu gestalten. Gleichzeitig weist er auf die negative, destruktive Macht von Gedanken oder inneren Stimmen hin, die pausenlos bewerten, verurteilen und dem Menschen das Gefühl geben nichts zu können, minderwertig zu sein. Gott sei Dank scheint Huck nicht an starken Selbstzweifeln zu leiden, gleichzeitig verfügt er über eine bemerkenswerte Phantasie. Dafür leiden, so Schiffer, große Teile der Bevölkerung unter dem "Negativ-Denken" und können so ihr Potential, ihre Kreativität und ihre Visionen nicht verwirklichen. Der Konsum von Drogen (legale und illegale) sei dann eine fast logische Folge.

Wo fängt dieser negative Prozess an? Bereits in der Kindheit. Deshalb ist es Schiffer so wichtig auf Ursachen für den Drogenkonsum hinzuweisen.

Dabei sind bei ihm zwei zentrale Bereiche, wie bereits erwähnt, von starker Bedeutung:

1.)
Dem Kind müssen Raum und Möglichkeiten gegeben werden, um eine starke Phantasie zu entwickeln. Das geschieht, indem es sich und die Welt auf spielerische Weise erfahren kann.
Phantasiekiller ohne gleichen sind für Schiffer Fernsehen, Computerspiele und Video. Also Medien, die den jungen Menschen zwingen, still zu sitzen und passiv zu konsumieren. Elementar wichtig, um Phantasie und Kreativität zu entwickeln ist, so Schiffer, das sinnliche, spielerische Erleben der Materie. Sind die Kinder früherer Generationen zum Spielen in den Wald gegangen, wo sie toben, klettern und schnitzen konnten, haben sie sich heute "selbstverordneten Stubenarrest" verpasst, wie Schiffer die stundenlangen, täglichen Fernsehmarathons benennt. Diesem eigentlich atypischen Verhalten gilt es beizukommen, da es in großem Maße die Phantasie und Kreativität des Kindes verkümmern lässt, wie wissenschaftliche Studien belegen. Der daraus resultierende Mangel an innerer Wahrnehmung (Phantasie), müsse durch starke äußere Reize wettgemacht werden. Diese Kompensation erfolge in der Regel durch Action- und auch Horrorfilme, die dem jungen Betrachter den benötigten Kick geben, das Gefühl sich wieder spüren zu können. Gleichzeitig ist die Einnahme von unterschiedlichsten Drogen evident. Da an dieser Stelle ein Teufelskreis ansetzt, wird ganz augenscheinlich und spiegelt auch den Trend in den Medien wider. Sendungen wie "Jackass" und "I bet you will", oder aber die Reality-Shows haben in den letzten Jahren enorm an Popularität gewonnen. Es geht hierbei immer darum, aus der Fernsehdistanz heraus, intimste und persönlichste Dramen, Niederlagen und Peinlichkeiten anderer Mitmenschen als Voyeur zu beobachten. Die Dosis, um den gleichen emotionalen Kick zu erreichen, muss dabei ständig erhöht werden.      

2.)
Phänomene wie Konkurrenzbewusstsein, Der-Beste-sein-Müssen, u.s.w. sind schon unter Kindern stark ausgeprägt, da sie laut Schiffer von der Erwachsenenwelt  stark gefördert werden. Auf diese Weise kommt es zu den berüchtigten "Win-loose-Situationen". Auf solch einem System bauen Schule, Sport, Musik etc. auf, und erschaffen dadurch wenige glückliche, dafür aber viele traurige und enttäuschte Kinder. Das von den Erwachsenen übergestülpte System ist, so Schiffer, dafür verantwortlich, dass die natürliche Freude des Kindes am bloßen Spielen verloren geht, da nun Erwartung und Ergebnisfixiertheit die so wertvolle Begeisterung des Kindes überlagern. Das unbeschwerte Spielen, das Aufgehen im Moment wird durch den Druck des Gut-sein-Müssens verdrängt.
Erfolg oder Nichterfolg entscheidet darüber, was für ein Selbstwertgefühl das Kind entwickeln kann. Negative Gefühle wie Scham und Schuldbewusstsein sind deshalb nach Schiffer schon bei Kleinkindern häufig anzutreffen und führen schließlich zur Selbstverachtung. Der Schritt nach Drogen zu greifen, um die negativen Gefühle zu kompensieren, ist nur noch ein ganz kleiner.  
 
Wie kann ein Lösungsansatz aussehen?

Nach Schiffer müssen vor allem die schöpferischen Ressourcen der Kinder gefördert werden, während die leiderzeugenden Faktoren, wie Entwertung und Verachtung auf ein Minimum reduziert werden müssen.
Schiffer rät, den massiven Fernsehkonsum bei Kindern extrem einzuschränken. Stattdessen müssen Möglichkeiten geschaffen werden, dass sich das Kind mit allen Sinnen erlebend erfahren kann. Um diesen Aspekt zu verdeutlichen, fügt er folgendes Beispiel ein:

Kinder werden bei Brombeermarmelade, die sie selbst eingekocht haben, deren Beeren sie eigenhändig mit der Familie zusammen gepflückt haben, dabei vielleicht ihre Arme zerkratzt haben, einen viel größeren Genuss verspüren, als bei der teuersten Marmelade aus dem Feinkostladen. Das liegt darin begründet, dass das Kind bei jedem Bissen an den sinnlich erlebten Pflück- und Einkochtag erinnert wird. Gleichzeitig hat ein Ball, den das Kind nur aus dem Fernsehen her kennt, eine ganz andere "Phantasie-Intensität" als einer, mit dem es auf dem Rasen gebolzt hat. Durch das aktive Erleben resultiert, laut Schiffer, eine lebendige Innenwahrnehmung, die gleichzeitig für eine gesteigerte Außenwahrnehmung sorgt. Das Kind bedarf nicht mehr der ständigen "Kicks" und äußeren intensiven Reize, um etwas zu erleben.

Große Wichtigkeit misst Schiffer des Weiteren dem Gespräch, dem Dialog in der Familie bei. Da ganz offensichtlich die Dialogkultur vertrocknet, haben die Kinder kaum noch Möglichkeit darüber zu reden, was sie emotional bewegt. Dabei führe das Miteinander-Reden und das empathisches Zuhören der Eltern zu Ruhe, Gelassenheit und Vertrauen des Kindes. Unterbleibt der regelmäßige, aufeinander bezogene verbale Kontakt, führe dies laut Schiffer zu dauerhafter, emotionaler Anspannung und stark erhöhter Kortisonausschüttung. Studien belegen, dass sich unter dieser "Vergiftung" das Kurzzeitgedächtnis nicht voll entwickeln kann. Dieses Defizit könne sich dann auf schulischer Ebene zeigen.

Am Ende seines Vortrages gab Schiffer seinem Publikum noch zwei wichtige Ratschläge mit auf den Weg. Man solle seinen Kindern doch regelmäßig am Abend vorsingen oder auch gemeinsam singen. Gesang produziere Endorphine, die sich positiv auf den Gemütszustand des Menschen auswirken und ihn beruhigen. Die Klänge wirkten sich auch schon förderlich auf das Ungeborene im Mutterleib aus, so Schiffer. Wenn dann noch regelmäßig eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen werden würde, hätten die Eltern schon einen ganz guten Beitrag zur Suchtprävention geleistet.

 
Buchtipp:

Eckhard Schiffer
Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde
Beltz-Verlag, 1999