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Jugend
 
Mein unsichtbarer Freund
Häufig sehen Kinder Wesen, die Erwachsene mit bloßem Auge nicht erkennen können. Wenn Kinder mit ihren unsichtbaren Freunden reden sollte das für die Eltern jedoch kein Grund zur Beunruhigung sein. Sie sind keineswegs gefangen in ihrer Phantasiewelt.

"Ich sehe was, was du nicht siehst - und das ist mein Freund Bob", freut sich der kleine Philip. Seine Eltern stehen neben ihm und wissen, dass sie Bob nie zu Gesicht bekommen werden. Philip weiß hingegen alles über Bob und eins ist für ihn ganz klar: Bob ist einfach der Coolste. Bob kann vieles, was sich auch Philip gerne trauen würde. Er kann auf die höchsten Bäume klettern, er ist stark und feiert tolle Geburtstagspartys mit ganz vielen Freunden. Bob hat keine Mama, die ihm sagt, wann er zu Bett gehen soll, und keinen Papa, der aufpasst, dass er nicht zuviel Süßes isst und dann Bauchschmerzen bekommt. Bob kann tun und lassen was er will.

So wie bei Philip und seinen Eltern ist es in vielen Familien. Phantasiegestalten begleiten viele Kinder durch den Alltag. Sie erzählen ihren Eltern die tollsten Geschichten von ihren unsichtbaren Freunden, doch die Eltern werden diese neuen Freunde ihres Kindes niemals hören oder sehen. Doch die Kleinen profitieren von ihren neuen Bekanntschaften. Wer Phantasiefreunde hat, gilt als besonders kontaktfreudig.

Für Marjorie Taylor, Buchautorin und Psychologie-Professorin an der US-Universität Oregon, ist es nicht verwunderlich, wenn Kinder ihren Alltag mit ihren neuen Freunden verbringen. "Dass Kinder Phantasiegefährten erfinden, kommt relativ häufig vor", sagt sie. Die Wissenschaftlerin beschäftigt sich seit Jahren mit dem Phänomen "Imaginary Companions". Für ihre Untersuchungen hat sie vor allem Kinder im Alter von vier und fünf Jahren beobachtet. Dabei kam sie zu dem Ergebnis, dass Phantasiefreunde in dieser Altersphase in der Regel etwas völlig Gesundes und Positives sind. Elterliche Bedenken gegenüber diesen Phantasiefreunden sind ihrer Meinung nach unbegründet. Entgegen früherer wissenschaftlicher Ergebnisse vertritt sie zudem die Ansicht, dass Kinder, die neben ihren realen Freunden auch Freunde in ihrer Phantasiewelt haben, keinen Realitätsverlust erleiden. "Sie gestalten sich so schlicht und einfach ihren Alltag etwas bunter", so die Sicht der amerikanischen Psychologin.

In ihren Untersuchungen konnte Majorie Taylor zudem feststellen, dass Kinder mit Phantasiefreunden oft besonders kontaktfreudig sind. Sie sind weniger schüchtern und es fällt ihnen zudem leichter, sich in die Lage anderer zu versetzen. Kinder genießen diese aktiven Spiele mit ihren unsichtbaren Freunden, denn sie bereichern ihren Alltag. Dabei sind die Phantasiegefährten der Kinder recht unterschiedlich. In ihren Untersuchungen fand die Wissenschaftlerin heraus, dass etwa 27 Prozent der unsichtbaren Freunde eigentlich ganz normale, aber unsichtbare Mädchen und Jungen sind, mit denen es sich gut spielen lässt. Es ist auch nicht ungewöhnlich, so ihre Erkenntnisse, dass die Phantasiegefährten auf wirklichen Personen basieren. In ihren Forschungsergebnissen hatten 16 Prozent der Phantasiegestalten real existierende Personen als Vorbild. Jedoch haben die unsichtbaren Freunde oft auch übermenschliche Fähigkeiten: Sie können fliegen, sich verwandeln, haben besondere Kräfte oder ungewöhnliche physische Eigenschaften. Dieses zeigte sich in 17 Prozent der Fälle von Majorie Taylors Untersuchungen. Die Freunde in der kindlichen Phantasie können aber auch Tiere sein. Dieses war in 20 Prozent der Fälle so. Jedoch besteht auch hier häufig ein wesentlicher Unterschied zur Realität. Häufig können die Tiere mit dem Kind sprechen oder auf andere Weise mit ihm kommunizieren. Manchmal verfügen sie darüber hinaus über weitere magische Fähigkeiten oder über besondere Eigenschaften.

Eine geschlechterspezifische Betrachtung zeigt, dass Mädchen vor allem bis zum Alter von sieben Jahren Phantasiefreundschaften haben. Auch Jungen lassen ihrer Phantasie beim Spielen freien Lauf. Im Gegensatz zu Mädchen übernehmen sie die Rolle der in ihrer Phantasie entstandenen Person jedoch häufiger selbst. Diese geschlechterspezifischen Charakteristika im Rollenspiel zeigen auch wissenschaftliche Untersuchungen. Wissenschaftler fanden beispielsweise heraus, dass die von Mädchen erdachten Phantasiegefährten in höherem Maße Zuwendung und Betreuung nötig haben als die Phantasiefreunde der Jungen. Die Freunde in der Phantasie von Jungen sind vor allem stark und lassen sich gut von den Jungen nachspielen.

Die wissenschaftliche Forschung zeigt, dass sich Kinder häufig schon im Alter von vier Jahren mit ausführlichen Formen des Rollenspiels beschäftigen. Dabei sind den Gestalten in der Welt der kindlichen Phantasie keine Grenzen gesetzt. Obwohl viele dieser Phantasiefreunde zumindest zu einem gewissen Teil aus Büchern, Filmen und Fernsehen stammen, sind die Figuren trotzdem meist einmalig. Majorie Taylor konnte in ihrer Forschungsarbeit zudem feststellen, dass aktives Rollenspiel auch von der eigenen sozialen Entwicklung abhängig ist. Diese Ergebnisse widersprechen zwar dem gängigen Klischee, wonach sich vor allem scheue und in sich gekehrte Kinder eigene unsichtbare Freunde ausdenken, sie stimmen jedoch mit anderen neueren Forschungsergebnissen überein. "Wie sich herausgestellt hat, haben diese Kinder sogar weniger Hemmungen und genießen soziales Miteinander ausgesprochen", so die Psychologin.