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Wie wachsen Kinder heute auf?
Wie wachsen Kinder heute auf?
Der technische Fortschritt und veränderte familiale Lebensformen machen auch vor der Welt unserer Kinder nicht Halt. Viele von ihnen sind schon in jungen Jahren gefordert, selbstständig zu handeln und soziale Beziehungen zu gestalten. Doch wie kommen sie damit zurecht?

Wie setzt sich das Kinderpanel zusammen?

Glückliche Kinder?

Schulalltag und Leistungsstress

Kinder und Freundschaften

Taschengeld

Wohnumgebung

Kinder wachsen heutzutage in einer Zeit des ökonomischen, familienstrukturellen und gesellschaftlichen Wandels auf. Wie es ihnen gelingt, sich in dieser schnelllebigen Welt zurechtzufinden, wie sie ihren Lebensraum und soziale Beziehungen gestalten, ist vor allem von der Entwicklung ihrer Persönlichkeit und ihrer jeweiligen Lebenslage abhängig. Das Deutsche Jugendinstitut in München hat mit Hilfe des Kinderpanels versucht, mehr über die Lebenslagen von Kindern herauszufinden. Im Fokus stand die Frage, wie sich unterschiedliche Lebenslagen auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern auswirken.

Kinder entwickeln ihre Kompetenzen vor allem durch Interaktionen in ihrem nahen sozialen und räumlichen Umfeld. Wesentlichen Einfluss haben hierbei die sozialstrukturellen Merkmale in den verschiedenen Lebensbereichen der Kinder. Vor allem Eltern und andere Erziehungspersonen beeinflussen die Kompetenzentwicklung von Kindern maßgeblich. Zu den wichtigsten Sozialisationsinstanzen in der Kindheit gehören neben der Familie auch Gleichaltrige sowie Betreuungsinstitutionen wie Kindergarten und Schule.

Wie setzt sich das Kinderpanel zusammen?

Die Daten für das Kinderpanel ergeben sich aus einer prospektiven Längsschnittstudie mit zwei bundesweit repräsentativen Kohortenstichproben. Die eine Personengruppe bilden fünfjährige Kinder im letzten Kindergartenjahr, die andere setzt sich aus Mädchen und Jungen der 2. Klasse im Alter von 8 bis 9 Jahren zusammen.

Bundesweit wurden hierfür jeweils 1.100 Interviews mit Müttern, Vätern und ihren Kindern durchgeführt. Diese wurden über drei Erhebungswellen im Abstand von etwa eineinhalb Jahren untersucht. Die erste Erhebung fand im Herbst 2002 statt. Darauf folgten zwei weitere Erhebungswellen im Frühjahr 2004 und im Herbst 2005. Dabei wurden jeweils beide Eltern befragt. Auch die Kinder der älteren Kohorte wurden von Beginn an anhand altersgerechter standardisierter Instrumente miteinbezogen. Die jüngeren Kinder wurden erst zum dritten Erhebungszeitpunkt in die Befragung aufgenommen.

Neben persönlichen Angaben und Fragen nach der Zusammensetzung des Haushalts wurde auch nach den Erziehungszielen, den Freiräumen des Kindes sowie nach dem Verhalten im Konfliktfall gefragt. Darüber hinaus waren Probleme und problematische Ereignisse in der Familie, die Freundschaften und Kontakte des Kindes zu anderen Kindern sowie seine Interessen und Aktivitäten, die Kinderbetreuung in Kindergarten und Schule sowie die persönliche Beurteilung der jeweiligen Institution von Bedeutung.

Glückliche Kinder?

Die Befragungsergebnisse der Kinder zeigen, dass sie ein ausgesprochen positives Bild von sich selbst haben. 98 Prozent der Acht- bis Neunjährigen finden sich selbst "okay" und fast ebenso viele (94 Prozent) sind meist gut gelaunt. Auch in Bezug auf ihre Kontaktfreudigkeit und ihren Wissenshunger zeigen sie sich aufgeschlossen: 94 Prozent der Befragten probieren gerne etwas Neues aus, 89 Prozent lernen gerne neue Kinder kennen, 80 Prozent haben viele Ideen und 68 Prozent glauben, dass sie sich gut in andere hineinversetzen können. Diesen Aussagen stimmen die Eltern zu.

Doch auch die glücklichsten Kinder kennen Gefühle wie Trauer und Einsamkeit. So gaben 78 Prozent der Acht- bis Neunjährigen in der ersten Befragungswelle an, hin und wieder traurig zu sein. 71 Prozent von ihnen sind manchmal ängstlich und gut die Hälfte (51 Prozent) fühlt sich manchmal allein. Die Eltern hingegen schätzen ihre Kinder weniger traurig, einsam und ängstlich ein. Anders ist die Einschätzung der Emotionen, welche die Kinder nach außen zeigen: Motorische Unruhe stellen 44 Prozent der Kinder bei sich selbst fest, Wut auf andere geben 23 Prozent von ihnen an. Lust am Raufen haben 26 Prozent der Kinder, wobei der Jungenanteil mehr als doppelt so hoch ist wie bei den Mädchen. Diese nach außen gezeigten Emotionen und Verhaltensweisen nehmen die Eltern ähnlich stark wahr wie ihre Kinder.

Gerade in der Persönlichkeitsentwicklung unterscheiden sich Mädchen und Jungen: Mädchen zeigen sich sozial und kognitiv aufgeschlossener. Sie neigen jedoch weniger dazu, ihre Gefühle nach außen zu zeigen. Im Gegensatz dazu sind Jungen motorisch unruhiger und aggressiver.

Schulalltag und Leistungsstress

Anhand einer Skala von 1 bis 4 sollten die Kinder ihre Schulleistungen selbst einschätzen. Die Auswertung zeigt, dass die Mittelwerte dieser Selbsteinschätzungen in allen Bereichen unter 2 liegen. Demnach bewerten die Acht- bis Neunjährigen ihre Leistungen in allen Schulfächern sehr positiv. Am besten schätzen sie sich im Bereich Sport ein (1,4). Die eigenen Rechtschreibleistungen werden mit einem Mittelwert von 1,8 hingegen vergleichsweise schlecht eingeschätzt. Die Selbsteinschätzung der Schulleistungen zeigt auch geschlechtsspezifische Unterschiede - das Fach Heimat- und Sachkunde ausgenommen. In den Fächern Mathematik und Sport schätzen die Jungen ihre Leistungen besser ein, in allen anderen Schulfächern wie Rechtschreiben, Lesen, Musik und Zeichnen schätzen sie sich jedoch schlechter ein als die Mädchen. Die Ergebnisse zeigen auch schichtspezifische Unterschiede. So schätzen Kinder aus höheren sozialen Schichten ihre Leistungen in den Bereichen Mathematik, Rechtschreiben und Lesen besser ein als Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten.

Bereits in der Grundschule empfinden mehr als 40 Prozent der befragten Acht- und Neunjährigen Leistungsstress. Sie haben Angst davor, zu viele Fehler zu machen. Hier zeigen sich zwar keine Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen, jedoch zwischen den sozialen Schichten: Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten haben häufiger Angst vor zu vielen Fehlern als Kinder statushöherer Familien. Ähnliches zeigt auch die Elternbefragung: 15 Prozent der Mütter nehmen zwei und mehr Belastungssymptome bei ihrem Kind wahr. Als Grund nennen sie die Mehrfachbelastung in der Schule. Genannte Belastungssymptome sind Kopf- und Bauchschmerzen, Angst vor der Lehrerin oder dem Lehrer, Sorge um die erbrachte Leistung und starke Aufregung beim Aufrufen im Unterricht. Diese schulischen Belastungen betreffen Mädchen und Jungen gleichermaßen. Die schichtspezifische Betrachtung zeigt, dass vor allem Mütter aus niedrigeren sozialen Schichten ihr Kind als mehrfach belastet beschreiben.

Kinder und Freundschaften

Bei der Frage nach Kindern, mit denen die Acht- bis Neunjährigen "öfter etwas zusammen machen", nannten die Befragten im Durchschnitt sechs Gleichaltrige (Peers). Drei Prozent der Grundschüler nannten keinen einzigen gleichaltrigen Spielkameraden. Im Gegensatz zu den Jungen gaben die Mädchen etwas mehr Peers an (Mädchen: 6; Jungen: 5,5 Peers). Die meisten Kinder sind mit der Größe ihres gleichaltrigen Freundeskreises zufrieden: Zwei Dritteln der Befragten reichen die bestehenden Kontakte. Jedes dritte Kind wünscht sich mehr Spielkameraden.

Etwa drei Viertel der Kinder haben ausschließlich gleichgeschlechtliche Freunde. Freundschaften zwischen Mädchen und Jungen sind die Ausnahme. Die Untersuchung zeigt jedoch, dass Einzelkinder dem anderen Geschlecht gegenüber etwas aufgeschlossener sind. Weiterhin fällt auf, dass Kinder im Grundschulalter in der Regel mit nur einem Spielpartner zur Zeit spielen. Mit mehr als einem Kind gleichzeitig spielen vor allem Kinder aus Familien der unteren Einkommensgruppen. Sie spielen häufiger mit drei und mehr Kindern.

Bei der Frage nach einem besonders guten Freund gab jedes zehnte Kind an, keinen zu haben. Zwei Drittel der genannten Gleichaltrigen werden als "gute Freunde" bezeichnet, ein Drittel sind hingegen nur Spielkameraden. Auch hier zeigen sich geschlechts- und schichtspezifische Unterschiede. Vor allem Mädchen aus Haushalten mit niedrigem Einkommen gaben an, keine besonders engen Freundschaften zu haben.

Taschengeld und Freizeitgestaltung

Etwa die Hälfte aller Kinder erhält ein regelmäßiges Taschengeld. Hierbei werden vor allem die schichtspezifischen Unterschiede deutlich: Lediglich zwei Prozent der Mädchen und drei Prozent der Jungen aus sozial schwachen Familien erhalten ein regelmäßiges Taschengeld. Diese Zahl steigt mit zunehmendem Haushaltseinkommen.

Ein weiterer Unterschied zwischen den sozialen Schichten zeigt sich in der Nutzung öffentlicher Spielplätze. Diese werden vor allem von Kindern aus der Unterschicht genutzt. Dieser schichtspezifische Unterschied setzt sich in der Nutzung kostenpflichtiger Freizeitangebote fort und wird mit sinkendem Familieneinkommen geringer. Kostenfreie öffentliche Räume sind jedoch gerade für Kinder aus sozial schwachen Familien selten vorhanden. Auch gemeinsame Aktivitäten mit der Familie nehmen mit sinkendem Einkommen ab. Gemeinsame Familienaktivitäten erleben Kinder aus Familien mit besonders niedrigem Einkommen nur selten oder nie. Davon sind vor allem Mädchen betroffen. Gemeinsame Ausflüge mit der Mutter gibt lediglich jedes vierte Mädchen an. Mädchen und Jungen aus finanziell besser gestellten Familien nennen solche Aktivitäten zu 40 Prozent. Die Untersuchung zeigt, dass mit dem sozialen Status der Eltern auch die Anzahl der Freizeitaktivitäten von Kindern steigt.

Eine besonders beliebte Freizeitbeschäftigung bei Kindern aller sozialen Schichten ist das Fernsehen. Dies gaben 95 Prozent aller Befragten an. Nach Angaben der Mütter sitzt gut ein Viertel der Kinder im Vorschulalter allein vor dem Fernseher. Bei den acht- bis neunjährigen Kindern sind es sogar 38 Prozent. Hierbei zeigen sich deutliche schichtspezifische Unterschiede: Je niedriger der soziale Status der Familie, desto häufiger verbringen die Kinder die Zeit vor dem Fernseher alleine. Die Familienform und der Erwerbsstatus der Mutter spielen hierbei keine Rolle. Auch die Dauer der außerhäuslichen Betreuung und die Wohnumgebung wirken sich nicht auf die von Kindern ausgeübten Freizeitaktivitäten aus. Darüber hinaus lassen sich auch keine geschlechtsspezifischen Unterschiede feststellen.

Wohnumgebung

Fast ein Drittel der Kinder lebt in mehrfach risikobelasteten Wohnverhältnissen: Sie wohnen in einer kleinen Wohnung in schlechtem Zustand mit mangelhafter Ausstattung und haben kein eigenes Kinderzimmer. Zudem sind ihre Spielmöglichkeiten in der näheren Wohnumgebung sehr begrenzt, da die unmittelbare Wohnumgebung dicht bebaut und durch Lärm, Abgase und Verkehr stark belastet ist. Demgegenüber wachsen 35 Prozent der befragten Kinder in ausgesprochen günstigen und ressourcenreichen Verhältnissen auf: Sie verfügen über ein eigenes Kinderzimmer und haben ausreichend Platz in einer gut ausgestatteten und gepflegten Wohnung. Die verkehrssichere, lärm- und abgasfreie Wohnumgebung bietet ausreichend Spielmöglichkeiten. 48 Prozent der mehrfach risikobelasteten Wohnlagen befinden sich in stark verdichteten Städten, 43 Prozent der positiven Wohnlagen sind auf dem Land.

Mehr über das DJI-Kinderpanel erfahren Sie hier.

Quelle: www.dji.de