Körperliche Gewalt
 
Gewalt von Jugendlichen
Gewalt von Jugendlichen
Um zu begreifen, wie Täterkarrieren entstehen können, hat Dr. Ferdinand Sutterlüty jugendliche Gewalttäter befragt. Im Mittelpunkt seiner Untersuchung standen die Erfahrungen des Gewaltleidens und der Gewaltausübung der Jugendlichen in ihrer Kindheit.

Erfahrung der Ohnmacht bei familiärer Gewalt

Erfahrungen der Missachtung in der Familie

Gewalt als epiphanische Erfahrung

Intrinsische Gewaltmotive

Die Studie des Theologen und Soziologen Dr. Ferdinand Sutterlüty, Wissenschaftler am Frankfurter Institut für Sozialforschung aus dem Jahr 2003, ergab, dass die Bereitschaft zur Gewalt in einem Zusammenhang mit den Gewalterfahrungen in der Kindheit gesehen werden muss. In seiner Untersuchung hat er jugendliche Mehrfachtäter interviewt und ihre konkreten Erfahrungen miteinander verglichen. Dabei konnte er feststellen, dass die Befragten fast ausnahmslos angaben, über einen längeren Zeitraum mit Gewalt innerhalb ihrer Familie in Kontakt gekommen zu sein. Opfer familiärer Gewalt zu sein heißt hierbei nicht nur, Gewalt am eigenen Körper erfahren zu haben. Mitzuerleben, wie anderen Familienmitgliedern Gewalt angetan wird, kann dieselben Gefühle bei Kindern auslösen. Dr. Ferdinand Sutterlüty macht deshalb zwei wesentliche Erfahrungen für den Verlauf einer Gewaltkarriere verantwortlich: zum einen das Gefühl der Ohnmacht und zum anderen das Gefühl der Missachtung.

Erfahrung der Ohnmacht bei familiärer Gewalt

Finden Misshandlungen innerhalb der Familie statt, so löst dies bei Kindern Gefühle des psychischen Ausgeliefertseins und der Wehrlosigkeit aus. Dies gilt besonders dann, wenn es keine Bezugsperson gibt, die dem Kind Schutz bieten kann. Bei einer "direkten Viktimisierung" erleiden die Kinder Gewalt am eigenen Leib. Häufig geschehen Gewalthandlungen in Verbindung mit Alkoholkonsum des Täters und werden daher als unberechenbar erlebt. Diese Unberechenbarkeit kann verstärkt werden, wenn die Anlässe der Gewaltanwendung von den Kindern nicht zu verhindern sind. Beispiele hierfür sind das unbeabsichtigte Kaputtgehen von Spielzeug oder Schwierigkeiten bei den Hausaufgaben. Die Folge von Gewaltanwendungen in solch ausweglosen Situationen ist, dass Kinder sich der Lage anpassen und selber glauben, dass sie es verdient hätten, geschlagen zu werden.

Erfahrungen der "indirekten Viktimisierung" sind Beobachtungen von Gewalt gegen andere Personen in der Familie, zum Beispiel wenn ein Elternteil oder Geschwister geschlagen werden. Kinder erleben sich in diesen Situationen als hilflose "zur Handlungsunfähigkeit verdammte Zeugen". Das Gefühl der Ohnmacht ist in diesen Fällen ebenso präsent wie bei einer direkten Viktimisierung. Die Kinder sind nicht in der Lage so zu handeln, wie sie es aus moralischer Sicht von sich selber erwarten würden: Aufgrund ihrer körperlichen Unterlegenheit können sie nicht eingreifen und der geschlagenen Person helfen. Als Folge kann sich ein tiefer Selbsthass entwickeln.

Immer wiederkehrende Gewalterfahrungen in der Familie (indirekt oder direkt) führen zu ständiger Angst vor weiterer Gewalt. Dadurch hält das Gefühl der Ohnmacht auch noch nach der Gewaltanwendung an und ist nicht nur auf den Zeitraum der eigentlichen Tat begrenzt. Bei Opfern von wiederkehrender Gewalt kann der Wunsch entstehen, einmal selber mit Gewalt die Handlungsmacht zu erlangen, um den Gewalttäter zur Rechenschaft ziehen zu können. Damit entwickelt sich bereits die Vorstellung, selber einmal gewalttätig zu sein.

Erfahrungen der Missachtung in der Familie

Die meisten jugendlichen Wiederholungstäter haben neben der Ohnmachtserfahrung auch massive Missachtung in der Familie erlebt. Während Ohnmachtserfahrungen unmittelbar an den Körper gebunden sind, beziehen sich Missachtungserfahrungen auf familiäre Interaktionen. Missachtung kann zum Beispiel dann erfahren werden, wenn eine Benachteiligung gegenüber anderen Geschwistern vorliegt, negative Zuschreibungen oder gar Erniedrigungsrituale stattfinden. Kinder, die auf diese Weise missachtet werden, fühlen sich ungeliebt, zurückgewiesen und nicht anerkannt. Werden die Bedürfnisse nach Liebe und Anerkennung dauerhaft abgewiesen, so fühlt sich das Kind gedemütigt. Es übernimmt die Abwertung durch die Eltern in sein eigenes Selbstbild. Ein Kind, dass immer wieder von den Eltern als Versager bezeichnet wird, sieht sich somit auch selbst als ein solcher und verhält sich schließlich dementsprechend (selbsterfüllende Prophezeiung). Die Erfahrung von Missachtung wird nach Ansicht Dr. Ferdinand Sutterlütys in einem typischen Muster in Gewalthandlungen übertragen.

Gewalt als epiphanische Erfahrung

Die Befragung von Dr. Ferdinand Sutterlüty ergab, dass bestimmte Gewaltakte der Jugendlichen eine entscheidende Bedeutung für ihr weiteres Leben hatten, die als eine epiphanische Erfahrung bezeichnet werden können. Sie sind als ein Erlebnis zu sehen, das das spätere Leben der Jugendlichen als Gewalttäter bestimmen. Nichts im Leben der Jugendlichen war nach diesem Erlebnis mehr so, wie es vorher war. Eine solche Erfahrung kann dann gemacht werden, wenn zum ersten Mal ein Wechsel von der Opfer- in die Täterrolle stattfindet und zum Beispiel selber Hand gegen den Gewalttäter in der Familie erhoben wird. Aber auch Gewalterlebnisse außerhalb der Familie können den Stellenwert einer epiphanischen Erfahrung einnehmen. Das Gefühl der Epiphanie kann aufgrund der langjährigen Opfererfahrung entstehen. Sogar bei weiteren Straftaten können noch über einen langen Zeitraum nach dem Wendepunkt Epiphanien in kleinerem Ausmaß erlebt werden.

Die Jugendlichen wollen ihre negativen Erfahrungen als Opfer vergessen. In der Täterrolle können sie das Gefühl der Demütigung abstreifen und stattdessen ein Gefühl der Macht und der Überlegenheit wahrnehmen. Sie sind besonders empfindlich in Situationen, die die Gefühle der Missachtung und Ohnmacht wieder wachrufen könnten. Diese Empfindsamkeit bestimmt auch ihre Wahrnehmung der Verhaltensweisen anderer. Sie erkennen vorschnell die Absicht anderer Personen, sie erniedrigen oder Gewalt gegen sie ausüben zu wollen. Dementsprechend reagieren sie auf das Verhalten anderer Personen vorschnell mit Gewalt.

Intrinsische Gewaltmotive

Gewalt lässt sich nicht ausschließlich biografisch erklären. Auch die Gewalt an sich kann besonders intensive Erfahrungen bei Jugendlichen auslösen. Gewalt wird dann zum Selbstzweck - die Motive zur Gewalt gehen in diesem Fall aus der Gewaltausübung selbst hervor. Dr. Ferdinand Sutterlüty unterscheidet drei Dimensionen der Gewalterfahrung: den Triumph der körperlichen Überlegenheit, die Schmerzen des Opfers und die Überschreitung des Alltäglichen. Die Erfahrung des Triumphes ist ein berauschendes Erlebnis, das den Jugendlichen ein Machtgefühl, wie auch das Gefühl der Freude am Sieg gibt. Der Gewalttäter kann sich in dem Moment der körperlichen Überlegenheit selbst als groß und stark wahrnehmen. Der Genuss an den Schmerzen des anderen kann den Täter in einen solchen Bann ziehen, dass er kaum mehr selber in der Lage ist, die Gewaltanwendung zu beenden. Wird ihm die eigene Freude am Leid des anderen bewusst, so ist vielen das eigene Verhalten unheimlich. Um ihr Verhalten zu rechtfertigen, wenden sie "Neutralisierungstechniken" an, indem sie zum Beispiel vorhandene Zuschauer für die Einhaltung der Grenzen der Gewalt verantwortlich machen. Die Überschreitung des Alltäglichen durch Gewalt als Gewaltmotiv bezieht sich sowohl auf die Gewaltausübung selbst, als auch auf die Verhöhnung der geltenden Regeln. Die Folgen für die Opfer sowie die strafrechtlichen Folgen für sie selbst sind den Tätern in den Momenten nicht bewusst.

Die Wirkung der Gewalt als Mythos

Durch die epiphanische Erfahrung bei der Gewaltausübung erhält diese für den Gewalttäter einen positiven Wert und wird somit zu etwas Erstrebenswertem. Dennoch lässt sich von Gewaltmythologien sprechen, denn der Gewalt wird eine positive Wirkung zugesprochen, die sie letztendlich nicht hat. Dies trifft vor allem dann zu, wenn die langfristige Wirkung betrachtet wird. Statt zu Macht und Stärke führt Gewalttätigkeit langfristig zu negativen Reaktionen des sozialen Umfeldes. Es kommt zu belastenden Konflikten mit der Familie sowie Lehrern und zur sozialen Ausgrenzung von nicht-delinquenten Jugendlichen.

Desweiteren idealisieren jugendliche Gewalttäter die Vorstellung, sich mit Gewalt Respekt zu erzwingen und andere zu ängstigen. Diese Ideale werden häufig von der Peer-Group geteilt und erzeugen so einen Druck, den Erwartungen der Gruppe durch Gewalttaten gerecht zu werden. Selbst wenn den Jugendlichen bewusst wird, dass eine erzwungene Anerkennung keine wirkliche Anerkennung ist, können sie ihr Verhalten nicht ändern. Das Bewusstsein steht der Angst gegenüber, abgelehnt zu werden. Wenn sie schon keine echte Anerkennung erhalten, so möchten sie wenigstens verhindern, die Ablehnung der anderen erdulden zu müssen, indem sie ihn mundtot machen.

Den vollständigen Fachartikel von Dr. Ferdinand Sutterlüty zum Thema "Was die Erfahrung der Gewalt erklärt - Gewaltkarrieren von Jugendlichen" können Sie hier als PDF herunterladen.

Quelle: www.stimmen-der-zeit