Körperliche Gewalt
 
Kind mit Händen vor dem Mund
Sexueller Missbrauch und Internet
Mit der Mediatisierung der Gesellschaft nutzen immer mehr Menschen das Internet. Das Netz birgt die Gefahr, Tätern den Zugang zu potenziellen Opfern zu erleichtern. Es bietet aber auch Chancen, über sexuellen Missbrauch aufzuklären und ihm präventiv entgegenzuwirken.

Cybercrimes

Verbreitung der Kinderpornografie im Internet

Schutz von Kindern und Jugendlichen

Prävention im Internet

Es gibt sehr unterschiedliche Wege, über das Internet mit dem Thema Sexualität in Kontakt zu kommen. Das World Wide Web bietet einerseits einen Raum für Austausch und Aufklärung, andererseits schafft es auch neue Möglichkeiten der Kriminalität. Nicht jeder, der mit sexuellen Inhalten konfrontiert wird, möchte diese auch erhalten. Das Internet als relativ anonymes Kommunikationsmedium kann besonders dann Gefahren bergen, wenn die Unwissenheit einiger Nutzer gezielt ausgenutzt wird oder sie bewusst in die Irre geleitet werden. Die Psychologin Dr. Christiane Eichenberger beschäftigte sich speziell mit dem sexuellen Missbrauch von Kinder und der diesbezüglichen Bedeutung des Internets.

Sie stellt fest, dass Menschen sowohl gewollt als auch ungewollt mit Online-Sexualität in Berührung kommen. Gewollt ist eine Konfrontation zum Beispiel dann, wenn gezielt Erotika und Pornografie im Internet konsumiert werden. Eine indirekte Konfrontation kann zum Beispiel dann entstehen, wenn der Partner exzessiv entsprechende Seiten im Internet aufsucht oder über das Internet eine Romanze aufbaut und den Partner betrügt. Es gibt jedoch auch völlig ungewollte Konfrontationen mit sexuellen Inhalten, zum Beispiel Online-Belästigungen in Form von pornografischen Spam-Mails oder Übergriffe in Online-Foren.

Cybercrimes

Kriminelle Taten im Internet werden in der Öffentlichkeit und Wissenschaft unter dem Begriff "Cybercrimes" zusammengefasst. Kinderpornografie gehört zu diesen Delikten, die im Internet vorzufinden sind. Nach Angaben von Kinderpornografie-Ringen ködern einige Täter ihre Opfer in Online-Chats. Das Medium Internet wird somit genutzt, um Kontakte zu potenziellen Opfern zu knüpfen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass das Internet als Medium sexuelle Vorlieben im Individuum erzeugt oder das Verhalten von bestimmten Personen verändert. Auch ohne das Internet finden pädophil veranlagte Menschen einen Weg, Material und Informationen auszutauschen. Allerdings vereinfacht das Internet diesen Informationsfluss. Nicht nur einfacher sondern auch schneller als in der realen Welt lassen sich dort Gleichgesinnte finden, werden potenzielle Opfer kontaktiert und Bild- sowie Textmaterial ausgetauscht.

Es wird in der Wissenschaft diskutiert, ob pädophil veranlagte Menschen über das Internet eher ihren Neigungen nachgehen, weil sie in der Realität mit ihren sexuellen Wünschen sozial isoliert würden. Hemmschwellen seien geringer, weil Gleichgesinnte gefunden werden und durch die Anonymität die Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen wegfällt. Dr. Christiane Eichenberger hält es jedoch für wichtig, den pauschalen Vorwurf des skrupellosen Kinderschändens über das Internet kritisch zu betrachten, um eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema zu ermöglichen. Nur wenn eine ehrliche Auseinandersetzung mit pädohilem Begehren stattfindet, können auch produktive Maßnahmen der Gewalt-Prävention getroffen werden.

Verbreitung der Kinderpornografie im Internet

Opfer werden häufig in die Irre geführt, indem Täter eine andere Identität vortäuschen und eine romantische Beziehung oder ein Vertrauensverhältnis als väterlicher Freund inszenieren. So gibt sich ein erwachsener pädophil veranlagter Mann beispielsweise in einem Chat als 14-jähriger Junge aus. Das Thema Sex wird meist erst angesprochen, wenn bereits Vertrauen aufgebaut wurde. Als "Freund" wird dann nach erotischen Fotos gefragt oder zu Cybersex aufgefordert. Es wird angenommen, dass es Tätern leichter fällt, über das Internet Opfer zu finden. Da mehr potenzielle Opfer gefunden werden könnten, würde sich wiederum auch die Anzahl der Straftaten erhöhen. Schätzungsweise werden 90 Prozent des kinderpornografischen Materials über das Internet vertrieben. Der Austausch findet über Tauschbörsen, Newsgroups und über E-Mail statt. Gleichzeitig lässt sich jedoch feststellen, dass es sehr unwahrscheinlich ist, kinderpornografisches Material über das Internet zu finden, wenn nicht gezielt danach gesucht wird.

Nach dem Modell von Quayle und Tyler teilt Dr. Christiane Eichenberger das strafbare Verhalten von pädophil veranlagten Menschen im Internet in fünf Ausprägungen ein:

  • Herunterladen von kinderpornografischem Material,
  • Handel mit kinderpornografischem Material,
  • Verbreitung und Produktion von Kinderpornografie,
  • Verführung minderjähriger im Internet und
  • Kontaktverbrechen.

Das Internet stellt sich damit als ein Medium dar, das pädophil motivierte Aktionen erleichtern kann, jedoch nicht ursächlich für diese Straftaten gesehen werden sollte. Es lassen sich unterschiedliche Nutzertypen feststellen. Einige der pädophil veranlagten Internetnutzer wurden selber als Kind missbraucht, einige wollen mit ihren Taten gesetzliche und soziale Tabus brechen, andere haben das Herunterladen von ganz unterschiedlicher Pornografie zum Ziel und wieder andere werden als pädophile Personen eingeordnet, die mit einer antisozialen Persönlichkeitsstörung diagnostiziert wurden. Befragungsstudien ergaben ein mangelndes Unrechtbewusstsein vieler Täter, die den Konsum von Kinderpornografie nicht als unrechtmäßig beziehungsweise schädlich für die Kinder einstuften. In der Öffentlichkeit ist kaum präsent, dass viele der Straftäter auch Frauen sind. Die Ursache hierfür sieht Dr. Christiane Eichenberger in den tradierten Rollenbildern.

Schutz von Kindern und Jugendlichen

Das Internet ist für viele Kinder und Jugendliche mittlerweile zum wichtigsten Informationsmedium geworden. Über 50 Prozent der Sechs- bis 13-Jährigen und 90 Prozent der zwölf bis 19-Jährigen nutzen das Internet. Laut einer empirischen Studie aus dem Jahr 2000 kamen 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen beim Surfen im Internet mit Bildern von nackten Personen in Kontakt, 20 Prozent erhielten ein unerwünschtes sexuelles Angebot und drei Prozent wurden danach gefragt, sich mit jemandem zu treffen, hatten mit jemandem telefoniert oder Geld- und Sachgeschenke erhalten. Nur 25 Prozent der Betroffenen fühlten sich hierdurch beunruhigt und berichteten ihren Eltern davon.

Um Kinder und Jugendliche vor pädophilen Straftätern zu schützen, ist vor allem eine entsprechende Internetkompetenz nötig. Es gibt außerdem die Möglichkeit, Filter einzubauen, um Seiten mit sexuellen Inhalten nicht aufrufen zu können. Aus sexualpädagogischer Sicht bietet das Internet jedoch auch viele gute Ressourcen, um Fragen rund um das Thema Sexualität zu klären, die in diesem Alter auftauchen. Auch können Kinder und Jugendliche hier Informationen zu brisanten Themen wie Abtreibung und Missbrauch einholen und online erfahren, wie und wo sie sich in der realen Welt Hilfe holen können. Um das Internet als seriöses Informationsmedium nutzen zu können, ist eine Anleitung zur produktiven Nutzung von Eltern, Lehrern und anderen Bezugspersonen Vorraussetzung.

Prävention im Internet

Der Vorteil des Internets liegt darin, dass es eine Möglichkeit bietet, sich auf einfache, schnelle und kostengünstige Weise einem großen Publikum mitzuteilen. Dr. Christiane Eichenberger unterscheidet verschiedene Formen der Prävention über das Internet. Primärpräventive Maßnahmen wollen die Entstehung sexuellen Missbrauchs verhindern. Hierfür bietet das Internet die Möglichkeit der sexuellen Aufklärung von Kindern und Jugendlichen sowie Informationen zum sexuellen Missbrauch. Sekundärpräventive Maßnahmen haben das frühe Aufdecken eines sexuellen Missbrauchs zum Ziel, um ein Fortdauern der Situation zu verhindern. Auch hierfür bietet das Internet Möglichkeiten. Es gibt zum Beispiel kostenlose E Mail Beratungen für Kinder und Informationen zum Umgang bei dem Verdacht auf sexuellen Missbrauch. Die tertiäre Prävention beinhaltet eine professionelle Behandlung missbrauchter Kinder. Dies kann das Internet nicht leisten. Allerdings lassen sich online Adressen für Behandlungsmöglichkeiten vor Ort in Erfahrung bringen. Das Internet bietet dementsprechend nicht nur die Gefahr, ungewollt Kontakte zu potenziellen Straftätern zu knüpfen, sondern auch die Chance, präventiv zum Schutz von Kindern und Jugendlichen zu wirken.

Den vollständigen Aufsatz von Dr. Christiane Eichenberg zum Thema "Sexueller Missbrauch und Internet: Zwischen Prävention und Kriminalität" können Sie hier als PDF herunterladen.

Quelle: http://www.christianeeichenberg.de