Prävention wird immer wichtiger
Im Interview mit der Sign-Redaktion erklärt Bundesfamilienministerin Dr. Ursula von der Leyen, wie Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden begleitet werden sollten. Prävention und Gesundheitsförderung kommt hierbei eine immer bedeutendere Funktion zu.
Frau von der Leyen, seit November 2005 sind Sie Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Was ist für Sie das Besondere an dieser Position?
Ich finde es hoch spannend dass die von mir verantworteten Themen den innersten Kern unserer Gesellschaft betreffen. Das beweist auch die große Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit, die unsere Arbeit seit geraumer Zeit begleitet. Wir stellen heute entscheidende Weichen dafür, wie wir in Zukunft als Gesellschaft miteinander leben werden.
Welche Themen sind Ihnen hierbei besonders wichtig?
Ich möchte zum einen, dass wieder mehr junge Menschen Mut fassen, die Kinder zu bekommen, die sie sich wünschen. Dafür müssen wir vor allem die Rahmenbedingungen für berufstätige Eltern in Deutschland weiter verbessern. Das Elterngeld ist hier ein erster wichtiger Schritt, der zweite ist der beschlossene breite Ausbau der Kinderbetreuung - zahlenmäßig, aber auch qualitativ. Wichtig ist auch, dass wir angesichts der demografischen Entwicklung den Zusammenhalt zwischen den Generationen wieder stärken - und das nicht nur innerhalb der Familie. Vom Wissen und den Erfahrungen der Älteren können die Jüngeren profitieren und alle können sich gegenseitig helfen und unterstützen. Ein wichtiges Projekt meines Ministeriums sind daher die Mehrgenerationenhäuser, die es bald in jedem Landkreis und jeder kreisfreien Stadt in Deutschland geben wird. Das sind 500 verlässliche Anlaufstellen für Menschen jeden Alters für Kontakt, Hilfe und Dienstleistungen - angefangen vom Einkaufsservice über den Bügeldienst bis zur Kinderbetreuung. Außerdem wollen wir mehr Chancengerechtigkeit auch zwischen den Geschlechtern und zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft schaffen. Und ich möchte erreichen, dass möglichst alle Kinder und Jugendliche bestmögliche Voraussetzungen für einen erfolgreichen Start ins Leben haben. Vor allem müssen wir uns stärker um die Kinder kümmern, deren Eltern überfordert sind. Das vor kurzem vom Bundesfamilienministerium eingerichtete Nationale Zentrum für Frühe Hilfen soll der Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern wirksam vorbeugen. Das gelingt am besten, wenn wir Risiken für Kinder möglichst frühzeitig erkennen und die Erziehungskompetenz ihrer Eltern stärken.
Sie engagieren sich stark im Bereich der Krippen und somit der Kinderbetreuung. Worauf legen Sie besonderen Wert?
Unser Ziel muss sein, Kinder früh zu fördern und sie so gut wie möglich auf die Herausforderungen und Chancen des Lebens vorzubereiten und gleichzeitig den Eltern zu helfen, Familienleben und Beruf mit einander zu vereinbaren. Was die dafür notwendige Infrastruktur angeht, hinkt Deutschland im europäischen Vergleich weit hinterher. Vor allem in den alten Bundesländern gibt es heute nur für jedes zehnte Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz. Studien zeigen aber, dass der Bedarf drei Mal so hoch ist, wie das Angebot. Deswegen wollen wir bis 2013 für mindestens ein Drittel aller Kinder unter drei Jahren Plätze in Krippen oder bei Tagesmüttern schaffen. Und wir müssen die Qualität der Angebote in Erziehung, Bildung und Betreuung von kleinen Kindern weiter verbessern. Es ist wichtig, dass Eltern, Kindertageseinrichtungen und Tagesmütter eng zusammenarbeiten. Wir brauchen regelrechte Erziehungspartnerschaften - zum Wohl unserer Kinder.
Welche Vorteile ergeben sich durch eine frühkindliche Betreuung für die Familie?
Der Ausbau ist auch deshalb wichtig, weil immer mehr Kinder in Deutschland als Einzelkinder aufwachsen. Kinder brauchen aber andere Kinder. Den Umgang miteinander, das Einhalten von Regeln, die Lösung von Konflikten - all das lernen und üben Kinder im Kontakt, im Spiel mit anderen. Außerdem erhalten Kinder vielfältige Anregungen, die nicht alle Eltern ihren Kinden zuhause bieten können. Wir wissen heute, dass sich eine frühe Förderung emotionaler, sozialer und kognitiver Kompetenzen positiv auf den weiteren Weg in Schule und Ausbildung auswirkt. Eine qualitativ gute Betreuung für beide wichtig - Eltern und Kinder. Die Eltern wissen ihre Kinder gut untergebracht und profitieren von dem, was die Kleinen dort mit auf den Weg bekommen. Und vor allem für die gut ausgebildeten jungen Mütter wird es immer wichtiger, wieder früh Kontakt zum Berufsleben aufnehmen zu können ohne dass die Kinder dabei zu kurz kommen. Wenn Beruf und Familie in der richtigen Balance sind, ist auch das Familienklima am besten.
Wie kann es Ihrer Meinung nach gelingen, Kinder und Jugendliche nachhaltig auf ihrem Weg in die Erwachsenenwelt zu begleiten und ihnen sucht- und gewaltfreie sowie gesundheitsbewusste Lebensweisen vorzuleben?
Eines ist ganz klar: Erziehung beginnt von Anfang an in der Familie. Ohne die Eltern geht gar nichts, aber wir dürfen Kindergärten und Schule nicht aus dem Blick lassen, denn Kinder verbringen dort einen Großteil des Tages. Elternhaus, Kindergarten und Schule müssen Hand in Hand arbeiten. Es kommt ganz entscheidend auf das Vorbild der Erwachsenen an. Kinder achten sehr darauf, was ihre Eltern, Erzieher, Lehrer oder auch der Jugendtrainer im Verein ihnen vorleben. Sie bestimmen, ob und wie Tugenden, Respekt und Gemeinsinn an die Kinder weitervermittelt werden.Ob ein Kind Geborgenheit und Vertrauen kennen lernt und später selbst geben kann, ob es lernt, Konflikte gewaltfrei zu lösen, ob es Achtung vor seinen Mitmenschen entwickelt und ob es sein Verhalten kontrollieren kann - das alles hängt in hohem Maße von der Familie und der Erziehung ab.
Was sollte dabei besonders beachtet werden?
Die schlimmsten Feinde von Erziehung sind Maßlosigkeit und Beliebigkeit. Erziehung heißt, sich auseinandersetzen mit den Kindern, sich ihnen zuwenden, aber auch sie positiv zu bestärken. Das allererste Ideal ist daher die Liebe, das Gefühl für das Kind, bedingungslos angenommen zu werden. Das zweite ist Bestätigung. Ich meine damit, auch die kleinsten Dinge, die gelungen sind, anzuerkennen. Das dritte sind Grenzen und Regeln. Das vierte ist, eine Anstrengungsbereitschaft zu wecken. Und das wichtigste bei alledem ist das Vorbild der Eltern. Ich bin noch nie so erzogen worden, wie seitdem ich selbst Kinder erziehe.
Wie sieht Ihrer Meinung nach effektive Präventionsarbeit von der Krippe bis zum Schulabschluss aus?
Ein gutes Beispiel sicher ist die Plattform "Ernährung und Bewegung", für die ich gemeinsam mit dem Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz die Schirmherrschaft übernommen habe. In 50 Kindertagesstätten erarbeiten externe Trainer zusammen mit den Erziehern, Eltern, Trägervereinen und Kommunen Konzepte für eine ausgewogenere Ernährung der Kinder, mehr Bewegung und einen besseren Umgang mit Stress. Das ist ein praktischer Ansatz, der überzeugt.
Für wie wichtig halten Sie ganzheitliche und nachhaltige Präventionsarbeit und Gesundheitsförderung, wie sie das Sign-Projekt an Schulen umsetzt?
Die Erfahrung zeigt, dass ohne die Beteiligung der Einrichtungen eine wirkungsvolle Prävention und Gesundheitsförderung langfristig ins Leere läuft. Deswegen sind Projekte, die diejenigen einbinden, die es hinterher auch umsetzen sollen, der richtige Weg. Weil die Bundesregierung weiß, wie wichtig es ist, Kinder früh für eine gesunde Ernährung und Spaß an der Bewegung zu gewinnen, setzt sie sich auch dafür ein, Ernährungs- und Verbraucherbildung als Lernziel für Kindertagesstätten und Schulen zu verankern. Ein breites Sportangebot gehört ebenso dazu wie gute Verpflegung in Ganztageseinrichtungen. Besonders wenn Kinder in schwierigen sozialen Verhältnissen aufwachsen, muss die Botschaft auch die Elternhäuser erreichen. Deswegen unterstützen wir kluge Modellprojekte und deren Vernetzung zum Beispiel durch das Deutsche Forum Prävention und Gesundheitsförderung.
Welchen Stellenwert werden Prävention und Gesundheitsförderung Ihrer Meinung nach in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche zukünftig einnehmen?
Sie wird immer wichtiger. Dank der modernen Hirnforschung wissen wir heute, dass sich positive und negative Verhaltensweisen bei unseren Kindern viel früher festsetzen, als das früher vermutet wurde. Fehlentwicklungen können später oft nur unter großen Mühen ausgeglichen werden. Es lohnt sich also früher hinzuschauen und Entwicklungen nicht dem Zufall zu überlassen. Zum Beispiel, wenn wir bei Kindern und Jugendlichen schon in frühen Jahren Spaß an der Bewegung und am Toben sowie an gesundem Essen wecken, ist die Chance groß, dass sie das auch als Erwachsene beibehalten. Entsprechend sollten wir unsere Kinder von klein auf darin schulen, Konflikte ohne Gewalt zu lösen oder Gefahren durch die Medienwelt zu erkennen und bewusst damit umzugehen.
Vielen Dank für das Gespräch.