Prävention
 
Dr. Annette Schavan
Prävention ist Teamarbeit
Dr. Annette Schavan ist seit November 2005 Bundesministerin für Bildung und Forschung. Sie studierte katholische Theologie, Philosophie und Erziehungswissenschaft und schloss 1980 ihre Promotion ab. Im Interview verriet die Bundesministerin mehr über ihre Arbeit.

Was ist das Besondere an Ihrer Position als Bundesministerin für Bildung und Forschung?

Bildung, Forschung und Entwicklung sind der Schlüssel für individuelle Lebenschancen und der Motor gesellschaftlicher Entwicklung. Bildung, Forschung und Entwicklung sind deshalb die zentralen Zukunftsaufgaben für Politik und Gesellschaft. Hier die Weichen richtig zu stellen, ist eine spannende und gleichzeitig auch verantwortungsvolle Aufgabe.

Welche Themen sind Ihnen hierbei besonders wichtig?

Bildung, Forschung und Entwicklung sind der Schlüssel für künftigen Wohlstand und Beschäftigung. Ich möchte deshalb aus Deutschland das innovationsfreudigste Land machen. Deshalb haben wir im August 2006 die Hightech-Strategie für Deutschland gestartet. Mit ihr reagieren wir auf die Herausforderungen unserer Zeit und führen Deutschland an die Spitze der wichtigsten Zukunftsmärkte.

Dafür brauchen wir entsprechend ausgebildete, hochqualifizierte Fachkräfte. Mit dem Hochschulpakt 2020 und der Exzellenzinitiative haben wir wichtige Erfolge erzielt, die an unseren Hochschulen eine erstklassige Ausbildung sichern. Das Thema Aus- und Weiterbildung ist mir ein großes Anliegen. Bereits heute kann in Deutschland jeder zweite Industriebetrieb offene Stellen nicht besetzen. Bis zum Jahr 2014 werden in Deutschland jedes Jahr bis zu 62.000 Ingenieure und andere hochqualifizierte Akademiker fehlen. Experten gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2020 rund 270.000 Stellen für gut ausgebildete Arbeitskräfte nicht besetzt werden können.

Neben der Ausbildung unserer jungen Männer und Frauen und neben Weiterbildungsangeboten brauchen wir deshalb eine vorsichtige Öffnung der Zuwanderung. Wir müssen die Talente ins Land holen, die wir wollen und brauchen. Deshalb müssen wir genau festlegen, in welchen Branchen und Berufen wir talentierte Zuwanderer brauchen. Darüber hinaus müssen wir die Zuwanderungsgrenze beim Einkommen auf einen Betrag von etwa 60.000 Euro absenken.

Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, Kinder und Jugendliche nachhaltig auf ihrem Weg in die Erwachsenenwelt zu begleiten und ihnen sucht- und gewaltfreie sowie gesundheitsbewusste Lebensweisen vorzuleben?

Den Erwachsenen kommt hier eine große Verantwortung zu. Kinder und Jugendliche orientieren sich an Vorbildern aus der Erwachsenenwelt. Wir können nicht von ihnen erwarten, dass sie gewaltfrei miteinander umgehen und keine Suchtmittel konsumieren, wenn ihnen in der Öffentlichkeit immer wieder vorexerziert wird, dass zum Beispiel der Genuss von Zigaretten und Alkohol cool ist. Eltern, Lehrer, Erzieher und Betreuer haben hier eine wichtige Aufgabe bei Erziehung zur Gewaltfreiheit und im Kampf gegen Drogenmissbrauch.

Welche Rolle übernehmen diesbezüglich Bildungseinrichtungen?

Dies ist natürlich kein Thema für Schulen allein. Hier benötigen wir das Zusammengehen aller Verantwortlichen. Die Schule, die Lehrerinnen und Lehrer, benötigen dringend Unterstützung. Sie allein können Kinder und Jugendliche nicht zu einer gewalt- und suchtfreien sowie gesundheitsbewussten Lebensweise erziehen. Das kann nur in Kooperation mit anderen erreicht werden.

In erster Linie denke ich hier an eine verbesserte Zusammenarbeit von Elternhaus und Schule. Aber auch den Freizeit- und außerschulischen Bildungseinrichtungen kommt eine große Verantwortung zu. Der Umgang mit Gewalt und Suchtmitteln in der Familie, im Verwandten-, Bekanntenkreis und in der Peergroup trägt entscheidend dazu bei, welche Entwicklung der Jugendliche selbst in diesen Bereichen geht.

Nicht zuletzt ist aber auch die Wirtschaft gefragt, wenn es darum geht, Kinder und Jugendliche vor Gewalt und Suchtgefahren zu schützen und zu einer gesundheitsbewussten Lebenseinstellung zu erziehen.

Was ist diesbezüglich für die Zukunft geplant?

In der Zukunft muss es uns noch besser gelingen, diese Bündnisse für eine gewalt- und suchtfreie Erziehung und für eine gesunde Lebensweise zu bilden und zu gestalten. Das dürfen aber nicht nur Kampagnen sein, mit denen man an die am Prozess Beteiligten appelliert, sondern das müssen auch ganz konkrete Kooperationen vor Ort sein. Und da ist Schule ein ganz wichtiger Partner. Wir benötigen Verantwortlichkeiten vor Ort, wenn wir zum Beispiel wirkungsvoll dem so genannten "Flatrate-Trinken" bei Jugendlichen entgegentreten wollen.

Was ist Ihrer Meinung nach besonders wichtig, damit Präventionsarbeit und Gesundheitsförderung effektiv sind?

Prävention zielt darauf, umfassend gesundheitliche Risiken und Schädigungen zu verhindern, weniger wahrscheinlich zu machen oder ihren Eintritt zu verzögern. Gesundheitliche Prävention bildet somit eine wesentliche Voraussetzung für jeden Menschen, um sein Leben möglichst unbeeinträchtigt von Krankheit und Pflegebedürftigkeit verwirklichen zu können. Sie trägt zu einem erfüllten, zufriedenen und selbstbestimmten Leben bei. Denken Sie nur an Herz- und Kreislauferkrankungen: Da entscheidet häufig unsere Lebensweise - Ernährung, Bewegung, Rauchen - erheblich über das individuelle Erkrankungsrisiko. Auf kaum einem anderen Gebiet ist Prävention deshalb so bedeutsam.

Effektiv und erfolgreich werden Gesundheitsförderung und Prävention, wenn die intensive Zusammenarbeit aller Heil- und Pflegeberufe mit dem Umfeld der jeweiligen Menschen gelingt. Mit Blick auf Kinder und Jugendliche heißt das: Alle Professionen, die das gesunde Aufwachsen von Kindern stärken können - in der Bildung, der Kinder- und Jugendhilfe, der Stadtplanung oder bei Selbsthilfe- und Umweltgruppen - müssen eng kooperieren.

Was sollte dabei besonders beachtet werden?

Programme zur Gesundheitsförderung und Prävention müssen sorgfältig geplant und ihre Elemente präzise aufeinander abgestimmt werden. Bestimmte (Hoch-) Risikogruppen müssen besonders angesprochen werden. Wichtig ist hierbei, dass möglichst nur wissenschaftsbasierte, zumindest aber wissenschaftlich begleitete Maßnahmen eingesetzt werden. Nur so können sowohl bereits bestehende Programme verbessert und geeignetes Handeln für neue Problemfelder erkannt werden. Genau deshalb fördert mein Ministerium zwar nicht die Prävention - dafür ist das Bundesministerium für Gesundheit zuständig -, aber die Präventionsforschung. Informationen dazu finden Sie im Internet des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Welchen Stellenwert nehmen in diesem Zusammenhang Verhaltens- und Verhältnisprävention ein?

Eine wirksame Kombination von individuumsbezogener Verhaltensprävention und Verhältnisprävention entscheidet über den nachhaltigen Erfolg von Präventionsmaßnahmen. Denn Verhältnis- und Verhaltensprävention wirken zusammen und ergänzen einander. Daher sollten Maßnahmen zur Gesundheitsförderung immer an der konkreten Lebenswelt aus Familie, Kindergarten, Schule und später der Arbeitswelt ausgerichtet sein. Nur wenn dies geschieht, sind auch Risikogruppen erreichbar, die jeglicher Prävention eher reserviert oder gar ablehnend gegenüber stehen. Dabei bietet speziell die Schule die Chance, dass verschiedene Akteure (Schule, Krankenversicherung, Kinder- und Jugendhilfe, Sportvereine und Musikschulen) gemeinsam tätig werden.

Besonders liegt mir am Herzen, das Gesundheitsförderung und Prävention mit positiven Emotionen und erlebbarem Nutzen statt mit Einschränkungen oder Verzicht verbunden werden - mit Spaß und Lebensfreude, mit Belohnungen für gesundheitsförderndes Verhalten.

Für wie wichtig halten Sie ganzheitliche und nachhaltige Präventionsarbeit und Gesundheitsförderung in Schulen, wie sie das Sign-Projekt umsetzt?

An dem Sign-Projekt gefällt mir, dass hier so viele Partner miteinander vernetzt sind und gemeinsam - Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Beratungsstellen, Jugendämter, Polizei und eine große Gruppe von Helfern - Präventionsarbeit leisten. Nur durch solche Kooperationen, die die verschiedenen Lebensbereiche erfassen, kann es gelingen, wirkungsvoll und nachhaltig zu einer gesunden Lebensweise zu erziehen.

Welchen Stellenwert werden Präventionsarbeit und Gesundheitsförderung im Bildungsbereich Ihrer Meinung nach zukünftig spielen?

Vor allem im Kindesalter werden jene Verhaltensweisen erprobt, erlernt und eventuell zur Gewohnheit, die später im Leben zu erheblichen Gefährdungen führen können. Ohne präventive Maßnahmen bilden sich also Lebensstile heraus, die letztlich nur schwer veränderbar sind, selbst wenn die Betroffenen das ernsthaft anstreben. Mit Diäten gegen Übergewicht zu kämpfen, ist dafür nur ein Beispiel.

Gesundheitliche Risiken lassen sich vermeiden oder verringern, wenn Prävention und Aufklärung möglichst frühzeitig einsetzen. Vor allem Kindergärten und Schulen sind hierfür gut geeignet. Nicht nur aus der Kinder- und Jugend-Gesundheitsstudie des Robert Koch Instituts (www.kiggs.de) wissen wir, dass sich schichtenspezifische Unterschiede im Gesundheits- und Krankheitsverhalten massiv niederschlagen. Sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche erleben höhere alltägliche Belastungen - und sie sind häufiger krank. Damit dürfen wir uns nicht abfinden. Hier sind Kindergärten und Schulen besonders gefordert. Vieles, was heute noch ein Modellprojekt ist, sollte dauerhaft praktiziert werden. Kurz: Der Stellenwert dieser Themen im Bildungsbereich wird wachsen. Die Bundesländer, die ja für das Schulwesen verantwortlich sind, befinden sich hier auf einem guten Weg.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen zur Präventionsforschung im Rahmen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finden Sie hier.

Eine Zusammenfassung der im Interview angesprochenen Kinder- und Jugend-Gesundheitsstudie des Robert Koch Instituts (KiGGS) finden Sie hier: Neue Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurvey