Anti-Gewalt-Training in der Justizvollzugsanstalt
Seit Anfang des Jahres 2008 können Insassen der JVA Volkstedt ein Anti-Gewalt-Training besuchen. Sozialpädagogin Kathrin Jäger bietet den Häftlingen dieses spezielle Angebot gemeinsam mit ihren Kollegen Jens Kaiser und Frank Winzerling an.
Frau Jäger, Sie setzen in der JVA Volkstedt ein Anti-Gewalt-Training mit Erwachsenen um. Wie kam es zu dieser Idee?
Da es das Ziel des Strafvollzuges ist, die Gefangenen bei ihrer Resozialisierung und Wiedereingliederung zu unterstützen und etwa 25 Prozent der Gefangenen in der JVA Volkstedt wegen Gewaltdelikten vorbestraft sind, wurde im Jahr 2002 an die Installation eines Anti-Gewalt-Trainings (AGT) gedacht. In Vorbereitung eines eigenen Trainings habe ich seit 2002 an verschiedenen Fortbildungen zum Thema Gewalt teilgenommen. Zudem besuchte ich als Gast mehrere Anti-Gewalt-Trainings in Magdeburg (innerhalb und außerhalb der JVA Magdeburg), um dadurch die Art und Methode des Trainings kennenzulernen. Im Jahr 2006/2007 nahm ich an der Ausbildung zum AGT-Trainer nach dem Magdeburger Modell® teil. Die Ausbildung wurde durch die AGT-Trainer Anke Marx und Tim Marx in Zusammenarbeit mit dem Ministerium der Justiz durchgeführt. Im Jahr 2007 ließen sich zwei weitere Kollegen zu AGT-Trainern ausbilden. Mit diesen setze ich seit dem 09.01.2008 das erste Anti-Gewalt-Training nach dem Magdeburger Modell® um.
Denken Sie, dass Sie bereits straffällig gewordene Erwachsene mit diesem Training noch erreichen können?
Das hiesige AGT richtet sich an Gefangene ab dem 23. Lebensjahr. Eine Altersbegrenzung nach oben gibt es nicht.
Ja, ich denke, dass auch schon bereits mehrfach straffällig gewordene Erwachsene das Training noch erreichen kann. In der Haft herrschen andere Bedingungen als im „normalen“ Leben. In Haft haben Straftäter einen höheren Leidensdruck als dies Außen möglich ist, da schon die letzte Konsequenz ihres bisherigen Verhaltens eingetreten ist. Somit ist der Gedanke, sich zu verändern, um unter anderem nicht wieder in Haft zu kommen, größer. Es ist klar, dass erwachsene Gefangene schon sehr in ihren Strukturen gefestigt sind, aber aus meiner Sicht sind diese teilweise noch veränderungswillig und –fähig. Zumeist bestehen große Defizite im Sozialisationsbereich, so dass ihre Entwicklung noch nicht vollständig beendet ist. Die Gefangenen, die sich für das AGT angemeldet haben, taten dies auf freiwilliger Basis, ohne Druck der Anstalt, so dass zumindest davon ausgegangen werden kann, dass sie selbst noch einen Bedarf sehen sich zu verändern.
Wie wird das Anti-Gewalt-Training von den Erwachsenen angenommen?
Unser Training beruht auf dem Prinzip ausschließlicher Freiwilligkeit. Für unser erstes Training hatten wir etwa 20 Bewerber, aus denen wir unsere Probanden ausgewählt haben. Im Moment liegen auch schon wieder Bewerbungen für das zweite Training vor, welches Ende diesen Jahres oder Anfang des nächsten Jahres beginnen soll.
Gibt es eine Altersgruppe oder eine spezielle Gruppe von Gewalttätern, die Sie mit diesem Training besonders erreichen möchten?
Das Training richtet sich an keine spezielle Gruppe von Gewalttätern. Zielgruppe der Maßnahme sind Gewalttäter, das heißt männliche und weibliche Gefangene, die aufgrund von Gewaltdelikten verurteilt wurden.
Des Weiteren werden auch Gefangene in das AGT aufgenommen, welche zwar nicht wegen Gewaltdelikten verurteilt sind, aber in hiesiger Behörde durch aggressives Verhalten in Erscheinung treten und den Willen zur Veränderung haben. Die endgültige Auswahl der Probanden erfolgt durch das zuständige Anti-Gewalt-Trainer-Team.
Wie sieht Ihre Arbeit mit den Erwachsenen im Rahmen des Anti-Gewalt-Trainings aus?
Das AGT Volkstedt ist ebenso wie das Magdeburger AGT® ein offenes Gruppentraining. Zu jeder Sitzung werden hierzu Gäste von “außen” eingeladen, welche aktiv am Training teilnehmen. Der Täter muss somit öffentlich seiner Gewalt abschwören, wodurch eine stabilere und anhaltendere Friedfertigkeit erreicht werden kann. Die Gäste arbeiten gemeinsam mit den Teilnehmern und Trainern an dem Ziel
– Verzicht auf Gewalt bei dem Schläger!
Viele Schwerpunkte des AGTs werden im Rahmen von Kleingruppen erarbeitet und anschließend in der gesamten Gruppe ausgewertet. Weiterhin ist das AGT eine praxisorientierte Trainingsmaßnahme. Deshalb finden regelmäßig praktische Übungen statt. So wird ein besonderes Augenmerk auf die Körpersprache, das Rhetorik-, Flirt- und Deeskalationstraining gelegt. Nach vorheriger Theorie werden Übungen absolviert, um den Gefangenen Handlungssicherheit zu geben und die Erkenntnis zu vertiefen, dass es auch anders gehen kann als bisher, ohne sein Gesicht zu verlieren.
Während des gesamten Trainings werden die Gefangenen mit ihrem Vorleben konfrontiert. Der Täter soll erkennen, dass er seine eigene Hilflosigkeit auf Kosten seiner Opfer ausgeglichen hat, um so kurzfristig sein Selbstwertgefühl aufzubessern. Er soll erkennen, worauf er selbst stolz sein kann und soll dafür Anstrengungsbereitschaft (wie Ausdauer, Kraft und Konzentration) aufbringen. Er soll durch Übungen die Fähigkeiten erlernen, sich geistig und körperlich zu entspannen. Ein weiteres Lernziel ist, wieder Nähe zu anderen Menschen in Form von Anschauen oder Körperkontakt zu zulassen (Körpersprache/Deeskalationsmodul). Durch den Aufbau einer Hemmschwelle gegenüber Gewalt (wie auch Schubsen, Pöbeln und Schreien) soll er die Einzigartigkeit eines jeden Individuums respektieren lernen.
In dem Training sollen die Teilnehmer erfahren, dass sie selbst etwas wert sind. Dies vor dem Hintergrund der eigenen Lebenserfahrung, da die Gefangenen selbst häufig Demütigungen erfahren haben und mit einem Mangel an Liebe und Zuneigung aufgewachsen sind. Durch unser AGT soll verloren gegangenes Selbstwertgefühl wieder aufgebaut werden, da sie nur, wenn sie beginnen, zu sich und ihren eigenen Schwächen zu stehen und somit sich auch zu lieben, es schaffen können, sich in andere Menschen hinein zu versetzen. Folglich können sie in die Lage versetzt werden, andere Menschen zu mögen und diese mit Respekt zu behandeln.
Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere an diesen Trainings?
Ich denke, dass das AGT eine Möglichkeit für die Gefangenen ist, ihr Leben noch mal neu zu überdenken und neue Lebensstrategien zu finden.
Im Gegensatz zu anderen ähnlich aufgebauten Trainingsmaßnahmen liegt der Schwerpunkt beim Magdeburger Modell® nicht in der Konfrontation (die aber auch bei uns Bestandteil ist), sondern bei theoretischen und praktischen Übungen und Lernsituationen. Unter anderem finden neben dem Körpersprache- und Deeskalationstraining noch Spot-/Antiblamierübungen statt. Durch diese sollen die Gewalttäter lernen, sich nicht mehr so wichtig zu nehmen.
Gewalttäter nehmen sich meist viel zu ernst. Kleine Anlässe werden scheinbar als Provokation angesehen. Sie reichen aus, um die Welt des Gewalttäters aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ihre Aggressionen steigern sich in einem Maße, dass sie dann mit Gewalt reagieren. Dabei spielt Angst, ihr Gesicht vor den Mitmenschen zu verlieren, eine große Rolle. Durch die ständig wiederkehrenden Übungen soll eine Desensibilisierung erreicht werden. Dadurch kann seine Hemmschwelle gegenüber Gewalt ansteigen. Weiterhin kann ihm bewusst werden, dass alle Menschen Probleme haben sich zu blamieren und nicht nur er.
Worauf wird dabei besonders Wert gelegt?
Besonderen Wert legen wir darauf, dass der Gefangene so angenommen wird, wie er ist – mit seinen vorhandenen Defiziten und seiner bisherigen „Karriere“. Uns ist das Individuum wichtig. Wir wollen die negativen Elemente der Persönlichkeit verändern und die positiven Eigenschaften des Gefangenen finden und weiter fördern. Dadurch und durch die viele Praxis wollen wir eine Verhaltensänderung beim Gefangenen auslösen, welche langfristig anhält.
Welche Bedingungen müssen die Inhaftierten erfüllen, um an einem Anti-Gewalt-Training teilnehmen zu können?
Die Auswahl zur Eignung des Gefangenen findet vor Beginn des AGT in Form eines Vorgespräches statt. In der JVA Volkstedt können, wie schon erwähnt, Gefangene ab dem 23. Lebensjahr teilnehmen. Voraussetzungen für die Teilnahme sind:
- ausreichende Deutschkenntnisse
- ein Strafrest von mindestens sieben Monaten
Ausgeschlossen sind:
- Personen, bei denen ein akutes Suchtproblem vorliegt (hier erfolgt immer eine Rücksprache mit der internen Suchtberatung)
- psychisch kranke oder gestörte Menschen
- Täter mit intellektueller Minderbegabung (IQ niedriger als 75)
- Gefangene mit deutlicher Kriminalitätsaffinität oder Einbettung in kriminelle Strukturen
Wie lange dauert ein solches Training und wie oft findet es statt?
Das hiesige AGT dauert etwa sechs Monate und findet wöchentlich statt. Eine Sitzung dauert drei bis vier Stunden. Angedacht ist mindestens ein Training pro Jahr.
Welche Themenkomplexe werden im Rahmen dieses Trainings angesprochen?
Das Anti-Gewalt-Training ist in folgende sieben Phasen unterteilt:
1) Kosten-Nutzen-Analyse (mit Vortrag des Gerichtsmediziners Herrn Dr. Stiller)
2) Körpersprache (Schulung Eigen- und Fremdwahrnehmung)
3) Kommunikationstraining (Flirt- und Rhetoriktraining)
4) Deeskalationsmodul (mit Provokationstests)
5) Deliktbezogene Anamnese
6) Demaskierungssitzung/Tatkonfrontation (ein Teilnehmer pro Abend)
7) Empathiephase (mit Opfervideo und Entschuldigungsbriefen)
Weiterhin finden noch Entspannungs- und Antiblamierübungen statt.
Ist Rechtsextremismus dabei auch ein Thema?
Das Thema Rechtsextremismus ist nicht vordergründig, da unser Training alle Gewalttäter ansprechen soll. Und Rechtsextremismus ist meiner Ansicht nach nur eine weitere Form der Gewalt.
Sind Gefangene mit einer rechten Gesinnung (was auch jetzt der Fall ist) im Training integriert, so wird dieses Thema auf jeden Fall aufgegriffen, da das Ziel der Maßnahme ein Leben ohne Gewalt ist. Diese Szene ist eine sehr gewaltbereite, so dass dann unbedingt darauf eingegangen werden muss, um gegebenenfalls eine Änderung oder Zweifel bei den Gefangenen hervorzurufen. Unter anderem wurde deshalb das Tragen angemessener Kleidung als Regel für unser Anti-Gewalt-Training aufgenommen, um dadurch ein Zeichen zu setzen.
Gefangene, welche im Training ihre rechtsextreme Einstellung, Parolen und Floskeln äußern, werden darauf angesprochen und das Argument wird durch Gegenargumentieren entkräftet. Weiterhin werden die Gefangenen mit den Reaktionen der Mitgefangenen oder Gäste konfrontiert.
Werden die Teilnehmer auch nach ihrer Entlassung weiter von Ihnen betreut oder können sie in Notsituationen mit Ihnen Kontakt aufnehmen?
Die Gefangenen können nach Entlassung nicht weiter durch uns betreut werden. Hierfür ist gegebenenfalls die Bewährungshilfe oder die Führungsaufsicht zuständig. Den Teilnehmern steht es aber frei, sich in Notsituation an uns zu wenden, um eventuell über Gespräche eine Lösung zu finden oder ihn an andere Stellen weiter zu vermitteln.
Vielen Dank für das Gespräch.