Rechtsextremistische Gewalt von Jugendlichen
Menschenfeindliche Einstellungen und rechtsextremistische Orientierungen sind in bestimmten Gruppierungen weit verbreitet. Jugendliche begehen rechtsextremistische Straftaten oft in Gruppen. Warum Jugendliche fremdenfeindliche Ideologien aufgreifen, wurde in mehreren Studien näher untersucht.
Zahlen und Fakten
Täterprofile
Einflussfaktoren
Zahlen und Fakten
Ideologien der Ungleichwertigkeit der Menschen sind das Kernstück verschiedener Facetten rechtsextremistischer Ideologien wie:
- Rassismus (Abwertung anderer aufgrund der Bewertung biologischer Unterschiede)
- Antisemitismus (Abwertung von Menschen jüdischer Herkunft oder Religion)
- Ethnozentrismus (eigene Aufwertung durch Reklamation kultureller oder ökonomischer Leistung)
- Fremdenfeindlichkeit (Abwehr von Konkurrenz um Positionen aufgrund anderer ethnischer Herkunft)
- Heterophobie (Angst vor und Abwertung von „Norm“-Abweichung)
- Etabliertenvorrechte (Reklamierung von raum-zeitlicher Vorrangstellung gegenüber „Neuen“)
Rechtsextremistische Orientierungen sind zudem eng verbunden mit der Bereitschaft zu Gewalt. Die Abwertung gesellschaftlicher Minderheiten kann als Vorstufe für eine rechtsextremistische Orientierung interpretiert werden.
Der GMF-Survey (GMF = Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit) befragt über einen Zeitraum von zehn Jahren (2002 bis 2011) jährlich 2.000 repräsentativ ausgewählte Personen in Deutschland zu menschenfeindlichen Einstellungen. Die Befragung aus dem Jahr 2006 legt folgende Ergebnisse vor:
- 30,1 Prozent der Befragten äußerten sich fremdenfeindlich
- 7,6 Prozent äußerten sich rassistisch
- 5,2 Prozent äußerten sich antisemitisch
- 12,2 Prozent lehnten Homosexuelle ab
- 10,2 Prozent lehnten Obdachlose ab
- 2 Prozent lehnten Behinderte ab
- 34,1 Prozent sympathisierten mit Etabliertenvorrechten
- 16,3 Prozent stimmten sexistischen Aussagen zu
Eine weitere Bevölkerungsumfrage aus dem Jahr 2006 untersuchte speziell rechtsextremistische Aussagen:
- 4,8 Prozent der Befragten befürworteten eine rechtsautoritäre Diktatur
- 19,3 Prozent stimmten chauvinistischen Aussagen zu
- 4,5 Prozent stimmten sozialdarwinistischen Aussagen zu
- 4,2 Prozent verharmlosten den Nationalsozialismus
Menschenfeindliche Einstellungen und rechtsextremistische Orientierungen und auch Gewaltakzeptanz schlagen nicht gezwungener Maßen in Gewalt um. Allerdings besteht hier eine recht große Gefahr, dass die Bereitschaft zur Handlung führen könnte.
Statistiken der Polizei belegen, dass die Anzahl polizeilich registrierter rechtsextremistischer Straftaten in Deutschland seit 1990 zunimmt. Bezogen auf die Bevölkerungszahlen werden in den ostdeutschen Bundesländern rechtsextremistisch motivierte Straftaten überdurchschnittlich häufig registriert.
Bei rechtsextremistisch motivierter Gewalt handelt sich meist um exzessive Brutalität. Die Opfer haben nahezu in jedem Fall keinerlei persönliche Kontakte mit den Tätern und sind zudem austauschbar. Die Übergriffe finden dabei in Situationen statt, in denen die Täter zahlenmäßig überlegen sind. Auffällig ist auch, dass rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten fast ausschließlich ortsnah am Lebensmittelpunkt der Täter geschehen.
Die Gewalttaten können so weit eskalieren, dass Opfer „entmenschlicht“ und getötet werden.
Täterprofile
Unter den Verdächtigen fremdenfeindlicher Straftaten sind überwiegend Jugendliche und junge Erwachsene männlichen Geschlechts zu finden. Zu diesem Ergebnis kommen Untersuchungen, die polizeiliche Ermittlungsakten analysieren. Weiterhin haben die Untersuchungen ergeben, dass überdurchschnittlich viele Tatverdächtige unterdurchschnittliche Bildungsabschlüsse haben, überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen und in einfachen Arbeiterberufen oder als ungelernte Arbeiter tätig sind. Über drei Viertel der fremdenfeindlichen Straftaten werden zudem von Gruppen oder aus Gruppen heraus verübt.
Einflussfaktoren
Eine zentrale Quelle rechtsextremistischer Gewalt liegt in spezifischen Sozialisationserfahrungen.
Grundsätzlich unterscheiden sich rechtsextremistische Gewalttäter hinsichtlich ihrer Erfahrungen, die in Zusammenhang mit ihrer Gewaltbereitschaft stehen, nicht wesentlich von anderen Gewalttätern. Direkte oder indirekte Gewalterfahrungen und aktive Demütigungen oder passive Anerkennungsverweigerung stehen sowohl am Anfang von allgemeinen als auch von rechtsextremistischen Gewaltkarrieren. Überdurchschnittlich häufig zeigt sich eine Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen aus „zerrütteten“ Familien. Die Bindung zwischen Eltern und Kindern nimmt eine zentrale Rolle in der Entwicklung des Kindes ein, gerade wenn von rechtsextremistischer Orientierung die Rede ist. Untersuchungen haben gezeigt, dass weder junge Männer noch junge Frauen zu rechtsextremistischen Orientierungen neigen, wenn das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern von Sicherheit, Unterstützung, aber auch der Möglichkeit zur individuellen Entfaltung geprägt ist.
In weiteren Interviews zeigte sich, dass Männer und Frauen mit rechtsextremen Orientierungen deutlich häufiger von ihren Eltern zurückgewiesen worden waren und wenig persönliche, liebevolle Zuwendung erfahren hatten. Befanden sie sich in moralischen Konflikten, entschieden sie weniger normorientiert, sondern eher zugunsten der eigenen Interessen und tendierten zu autoritärer Aggression. Diejenigen hingegen, die über ein hohes Maß mütterlicher Zuwendung berichteten, hatten eher moralische Normen verinnerlicht und zeigten überwiegend keine autoritäre Aggression gegen Schwächere.
Die Einstellung der Eltern kann ebenfalls Einfluss auf die Orientierung des Kindes haben. Hat ein Kind eine enge emotionale Bindung zu Vater und Mutter, die ethnische Vorurteile haben, kann diese Kombination eine fremdenfeindliche Einstellung beim Kind fördern, wie Untersuchungen gezeigt haben. Bei einer positiven Eltern-Kind-Beziehung werden die elterlichen Orientierungen eher übernommen. Bei einer negativen Beziehung entwickeln sich eher konträre Einstellungen.
Als mögliche Konsequenz der Zurückweisung innerhalb der Familie versuchen Jugendliche über das Mitwirken in gewaltbereiten Gruppen Macht und Anerkennung zu erfahren, die ihnen in Schule und Familie verwehrt geblieben sind. Durch die Abwertung von Mitmenschen können sie ihren eigenen Selbstwert erhöhen.
Die Gesellschaft selbst hat ebenfalls Einfluss auf die Einstellung zu Fremden. Werden Zuwanderer beispielsweise negativ bewertet, kann dies Ermutigungspotenzial für gewalttätiges Handeln schaffen.
Wie rechtsextremistische Gruppierungen immer wieder junge Mitglieder gewinnen, erfahren Sie hier.