Sucht kann zur Familienkrankheit werden
Seit 20 Jahren arbeitet Jost Leune als Geschäftsführer des Fachverbandes Drogen und Rauschmittel e.V. in Hannover. Der studierte Lehrer hat sein Interesse vor vielen Jahren zum Beruf gemacht und setzt sich für suchtkranke Menschen ein.
Herr Leune, Sie sind Geschäftsführer des Fachverbandes Drogen und Rauschmittel e.V. Seit wann arbeiten Sie in diesem Bereich und wie kam es dazu?
Seit 1988 bin ich Geschäftsführer des Fachverbandes Drogen und Rauschmittel, nachdem ich sieben Jahre Verwaltungsleiter und Geschäftsführer bei der Jugendhilfe e.V. Lüneburg war, einem Träger von Drogentherapie- und Jugendhilfeeinrichtungen. Es kam dazu, weil ich in den 1970er Jahren in der offenen Jugendarbeit mehr und mehr Organisationsaufgaben übernommen habe und Anfang der 1980er Jahre merkte, dass ich mich im Sozialmanagement wohler fühle, als in meinem erlernten Beruf als Lehrer.
Was genau ist der Fachverband Drogen und Rauschmittel e.V.?
Der Fachverband Drogen und Rauschmittel e.V. (kurz fdr) ist ein eingetragener Verein, dessen Mitglieder Träger von Sucht- und Jugendhilfeeinrichtungen in ganz Deutschland sind. Er hat zur Zeit 75 Mitglieder, die rund 300 Suchthilfeeinrichtungen betreiben.
Der fdr ist als Fachverband der Drogenhilfe angetreten. Spätestens seit der Vereinigung beider deutscher Teile hat er die „Substanzorientierung“ (Drogen) verlassen und widmet sich generell der Verbesserung der Teilhabe suchtkranker Menschen auf fachlicher, politischer und verbandlicher Ebene. Obwohl Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband ist der fdr der einzige Fachverband, der einen ganzheitlichen Ansatz vertritt – über Substanz-, Einrichtungs- oder Wohlfahrtsverbandsgrenzen hinweg.
Der 31. Bundesdrogenkongress Ende April stand unter dem Motto „Kinder sind Zukunft. Die Suchthilfe positioniert sich.“. Warum standen an diesen Tagen die Kinder suchtkranker Menschen im Mittelpunkt?
Weil es dringend war! Wir bekamen in den letzten Jahren zunehmend Informationen darüber, dass Kinder auch im Behandlungssystem zu leicht „unter die Räder“ geraten. Das beginnt damit, dass Ärzte bei Schwangeren die Suchtkrankheit nicht erkennen oder bei Süchtigen nicht die Schwangerschaft und endet noch lange nicht da, wo Kinder im Hilfeplan gar nicht vorkommen. Auch unsere seit langem erhobene Forderung einer verbindlichen Zusammenarbeit zwischen Suchthilfe, Jugendhilfe und Medizin bedurfte noch einmal einer öffentlichen Bestätigung und schließlich: Sich um Kinder und Jugendliche zu kümmern heißt früh helfen, heißt helfen, bevor die Krankheit chronisch wird.
Haben Sie aktuelle Daten darüber, wie viele Kinder mit mindestens einem suchtkranken Elternteil leben?
Etwa 2,6 Millionen Kinder unter 18 Jahren leben aktuell mit alkoholkranken Eltern zusammen. Hinzu kommen gut 40.000 bis 60.000 Kinder von drogenkranken Eltern.
Was sind dabei die häufigsten Suchterkrankungen?
Ganz klar die Alkoholabhängigkeit, gefolgt von der Medikamentenabhängigkeit.
Wie sieht es denn mit Medikamentensucht aus – gerade auch bei Müttern und ihren so genannten „kleinen Helfern“?
Das ist ganz schwer zu belegen. Die Bundesregierung geht von 1,4 bis 1,5 Millionen medikamentenabhängigen Menschen aus, davon 70 Prozent Frauen. Aber die Abhängigkeit von Medikamenten ist im Alltag kaum wahrnehmbar, weil der Unterschied zwischen Gebrauch und Missbrauch schwer zu erkennen ist.
Worin sehen Sie besondere Gefahren für Kinder aus suchtbelasteten Familien? Wie kann ihnen geholfen werden?
Die Auswirkungen des Suchtmittelkonsums auf Körper, Seele und soziales Umfeld können seelische Entwicklungen nachhaltig beeinflussen und soziale Fähigkeiten beeinträchtigen. Eine erfüllte Teilhabe am Leben wird verhindert, die Gesellschaft wichtiger Ressourcen beraubt.
Die Frage nach Hilfe will ich ganz pragmatisch beantworten: Indem man im Gesetz nachliest (Paragraph 1 Kinder- und Jugendhilfegesetz [SGB VIII]): „Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit." Danach muss individuell entschieden werden, wie die Kinderrechte realisiert werden können. Realisiert werden müssen sie!
Was können Außenstehende (Erzieher, Lehrer) tun, wenn sie Drogenmissbrauch, Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit bei erziehungsberechtigten Personen vermuten?
Immer und als erstes das Gespräch darüber suchen und im Gespräch bleiben. Parallel dazu Hilfe von Fachleuten in Anspruch nehmen. In jeder größeren Stadt gibt es Suchtberatungsstellen, die nicht nur von Betroffenen sondern auch von Angehörigen und Bezugspersonen in Anspruch genommen werden können. Wer will, kann auch eine Sucht-Online-Beratung im Internet heraus googeln. Suchtkrankheit bedeutet immer auch Heimlichkeit und Grenzenlosigkeit. Daher ist es wichtig, offen zu sprechen und sich deutlich abzugrenzen. Selber helfen zu wollen ist verständlich, aber gefährlich, weil es doch einer Menge Fachwissen und vor allem persönlicher Stabilität bedarf.
Gibt es aktuelle Zahlen darüber, wie viele Kinder suchtkranker Eltern später selbst süchtig werden oder wie hoch das Risiko ist, süchtiges Verhalten zu entwickeln?
Das Risiko ist sehr groß, kann aber schwer beziffert werden, weil einerseits viele Suchtkranke aus suchtbelasteten Familien kommen, wir aber nicht wissen, wie viele Kinder aus suchtbelasteten Familien keine eigene Suchtkrankheit entwickeln. Es ist aber legitim zu sagen, dass Sucht eine Familienkrankheit ist und teilweise über viele Generationen verfolgt werden kann.
Was kann präventiv getan werden, damit diese Kinder trotz des erhöhten Risikos nicht selbst süchtig werden? Was wird bereits gemacht und was sollte Ihrer Meinung nach noch unternommen werden?
Zunächst einmal: Es muss etwas präventiv getan werden. Dass ist nicht selbstverständlich, denn Suchtprävention im speziellen und Gesundheitsförderung im allgemeinen werden nur über freiwillige Leistungen oder Modellprojekte finanziert. Da gibt es weder Verbindlichkeit noch Sicherheit, sondern nur ein bewundernswertes Engagement der Präventionsfachkräfte, die trotz mangelhafter Ausstattung und unsicherer Zukunft enorm viel auf die Beine stellen. Und dann muss es ein ausgewogenes Angebot von Verhältnis- und Verhaltensprävention geben. Also sinnvolle Hürden beim Zugang zu Suchtmitteln, die über Preis und Verkaufszeiten errichtet werden können und andererseits eine ernsthafte und umfassende Unterstützung junger Menschen, damit sie im Leben besseres finden und schöneres erleben können, als das „Rauscherleben“. Das erfordert ein umfangreiches Maßnahmenbündel, das unter anderem Angebote an Familien zur Gestaltung einer lebenswerten Umwelt, kinder- und jugendgerechte Freizeitangebote, Schulen, in denen Lernen Spaß macht, Nachdenken der Erwachsenen über ihre Vorbildrolle enthalten muss, und und und.
Wie hat sich der Missbrauch von Drogen und Rauschmitteln in den letzten zehn Jahren verändert?
Konsumzahlen schwanken immer mal wieder, aber generell lässt sich ein Trend beschreiben, dass immer weniger Menschen immer mehr konsumieren, auch immer mehr Substanzen durcheinander. Das Gesamtproblem wird nicht größer, wohl aber der Hilfebedarf, weil die Einzelschicksale dramatischer werden.
Wie können Kinder und Jugendliche Ihrer Meinung nach für ein Leben ohne Drogen und Rauschmittel stark gemacht werden?
Indem man sie stark macht! Da gibt es so viele Möglichkeiten, starke, selbst- und verantwortungsbewusste Persönlichkeiten zu erziehen, dass das hier gar nicht aufgezählt werden kann. Der Grundsatz muss sein, junge Menschen in ihren Bedürfnissen so ernst zu nehmen, dass sie nicht glauben, ihr Leben nur noch mit Drogen ertragen zu können.
Was wünschen Sie sich in diesem Zusammenhang für die Zukunft? Welche Entwicklungen würden Sie diesbezüglich besonders begrüßen?
Es sollte endlich akzeptiert werden, dass Abhängigkeitserkrankungen eine Volkskrankheit sind und alles dafür getan werden, sie einzudämmen. Beginnend mit der Prävention, sich fortsetzend mit einer verlässlich finanzierten Behandlung und endend mit Teilhabechancen für alle. „Das kann doch keiner bezahlen“ – Oh doch: Würden die rund zehn Liter reinen Alkohols, die jede Bundesbürger und jeder Bundesbürger pro Jahr konsumieren mit je einem Euro Gesundheitsabgabe belegt, wären schon 800 Millionen Euro in der Suchthilfekasse. Je ein Cent Abgabe auf die 2006 gerauchten 93.465.000.000 Zigaretten bringen weitere 934.650.000 Millionen Euro. 5 Millionen brächten die Zigarillos und Zigarren, 227 Millionen kämen hinzu, wenn auch 1 Cent pro Gramm Feinschnitttabak (der zum selber drehen) erhoben wird. Und wenn man dann noch die Beiträge und Steuern dazurechnet, die von den Menschen kommen, deren Suchterkrankung erfolgreich behandelt wurde und die wieder arbeiten, dann wären das oben Gesagte eine reale Utopie.
Vielen Dank für das Gespräch.
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