Hat Gesundheit ein Geschlecht?
Professor Dr. Monika Sieverding forscht am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg. Im Interview verrät die Wissenschaftlerin, warum Prävention wichtiger ist als angenommen – gerade auch im Bereich Stress – und wie Männer und Frauen mit ihrer Gesundheit umgehen.
Sehr geehrte Frau Prof. Sieverding, herzlichen Glückwunsch zum Felix-Burda Award, den Sie im April 2008 erhalten haben. Was ist für Sie das Besondere an dieser Auszeichnung?
Dass das Forschungsprojekt, in dem schwerpunktmäßig psychologische Faktoren der Inanspruchnahme von Krebsfrüherkennungsuntersuchungen erforscht wurden, von medizinischen Experten als relevant für die medizinische Prävention angesehen wird.
Seit einigen Jahren zeichnet die Felix Burda Stiftung Unternehmen, Organisationen und herausragende Persönlichkeiten aus, die sich im Kampf gegen Darmkrebs verdient gemacht haben. Sie haben eine Auszeichnung im Bereich der medizinischen Prävention erhalten. Hat Prävention Ihrer Meinung nach in den vergangenen Jahren einen höheren Stellenwert erhalten?
In der öffentlichen Diskussion schon, im tatsächlichen Verhalten der meisten Menschen nicht unbedingt.
Wo finden sich in der Prävention Ihrer Meinung nach derzeit besondere Schwerpunkte?
In der primären Prävention. Es ist ein großes gesellschaftliches Problem, dass sich so viele Menschen so schlecht ernähren, so wenig körperlich aktiv sind, nach wie vor rauchen. Allerdings ist das vor allem auch ein soziales Problem. Deshalb gibt es keine einfachen Lösungen.
Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt im Bereich Gender. Warum haben Sie Ihren Fokus auf den Geschlechteraspekt gerichtet?
Ich beschäftige mich in meiner Forschung seit vielen Jahren mit der Fragestellung, wie gesellschaftliche Geschlechterrollen das individuelle Verhalten von Männern und Frauen beeinflussen können, darunter auch gesundheitsrelevantes Verhalten.
Gibt es „das gesündere Geschlecht“ und wodurch zeichnet es sich aus?
Man kann ganz vereinfachend sagen: Auf den ersten Blick sind Männer psychisch gesünder, Frauen sind physisch gesünder. Schaut man sich die Datenlage etwas genauer an, stimmt das Bild so nicht mehr. Bei Männern werden beispielsweise zwar seltener psychische Störungen wie Depressionen diagnostiziert, dafür leiden sich häufiger an Alkoholismus, und Männer begehen häufiger Suizid als Frauen. Befragt man Männer und Frauen nach ihrer körperlichen Gesundheit, bezeichnen sich Männer im Durchschnitt als etwas gesünder. Betrachtet man dann tatsächliche Erkrankungsraten und vor allem die Lebenserwartung, sieht man, dass Männer – bezogen auf die körperliche Gesundheit – das schwächere Geschlecht sind.
Worin unterscheidet sich die Gesundheit von Männern und Frauen?
Frauen achten mehr auf ihren Körper und auf ihre Gesundheit. Deshalb fallen ihnen auch Veränderungen eher auf. Das hat in der Vergangenheit fälschlicherweise dazu geführt, dass Frauen als das „kränkere“ Geschlecht etikettiert wurden. Das ist Unsinn. Im Gegenteil, Männer haben häufig ein unrealistisch positiv verzerrtes Bild von sich selbst, auch von ihrer Gesundheit. Männer schaden ihrer Gesundheit stärker durch bewusstes riskantes Verhalten: Alkohol- und Drogenkonsum, riskantes Autofahren, riskante Sportarten und Hobbys. Zum Teil haben Mädchen und Frauen aber auch schon aufgeholt, einhergehend mit Veränderungen in der weiblichen Rolle. Junge Mädchen zum Beispiel rauchen inzwischen genauso häufig wie junge Männer.
Prävention nimmt in unserem Gesundheitssystem einen immer höheren Stellenwert ein. Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede in der präventiven Arbeit mit Männern und Frauen?
Die müsste es geben, Tatsache ist aber, dass die meisten präventiven Angebote (insbesondere für Erwachsene) an den Männern vorbeigehen. So werden die meisten Angebote zur Prävention und Gesundheitsförderung (zum Beispiel Kurse von Volkshochschulen oder Krankenkassen) mehrheitlich von Frauen genutzt.
Worauf sollte Ihrer Meinung nach in der präventiven Arbeit mit Jungen und Mädchen besonderer Wert gelegt werden?
Es müsste deutlich werden, dass Verhalten, welches der primären Prävention dient, wie zum Beispiel Sport oder gesunde Ernährung, unmittelbare positive Konsequenzen hat, beispielsweise Spaß macht, das Selbstwertgefühl und die körperliche Attraktivität steigern kann. Auf langzeitliche (gesundheitliche) Folgen hinzuweisen, bringt in der Altersgruppe meines Erachtens nicht so viel.
In den Medien gibt es den Begriff der „Volkskrankheit Stress“. Ist Stress tatsächlich ein besonderes Phänomen unserer Gesellschaft?
Nein, alle Gesellschaften kennen Stress. In unserer Gesellschaft haben wir die Situation (oder den Luxus), dass wir noch genug Zeit und Ressourcen haben, darüber zu reflektieren und zu diskutieren.
Was verstehen Sie unter dem Begriff „Stress“?
In Anlehnung an das transaktionale Stressmodell von Lazarus die Situation, wenn äußere oder innere Anforderungen die eigenen Ressourcen herausfordern oder überfordern.
Gehen Männer und Frauen unterschiedlich mit Stress um?
Es heißt häufig, dass Männer eher problemorientiert mit Stress umgehen, Frauen eher emotionsorientiert, das ist aber eher ein Vorurteil. Es kommt stärker auf die Situation an, wie man am besten mit Stress umgeht, zum Beispiel darauf, ob man ein Problem aktiv lösen kann oder nicht. Es gibt allerdings einen Unterschied im Umgang mit alltäglichen Belastungen: Frauen neigen eher dazu, zu grübeln (ruminieren), während Männer eher verdrängen.
Wie unterscheiden sich ihre Stressreaktionen?
Frauen geben eher zu als Männer, dass sie gestresst sind, dagegen sind bei Männern häufig die körperlichen Reaktionen stärker (Ausschüttung von Stresshormonen oder Blutdruckanstieg), insbesondere bei leistungsbezogenen Stressoren. Das hat aber nichts mit dem biologischen Geschlecht, sondern eher etwas mit dem Geschlechtsrollen-Selbstkonzept zu tun. In einer eigenen Studie konnte ich nachweisen, dass Frauen mit einem maskulinen Selbstkonzept genauso reagieren wie „der“ typische Mann. Umgekehrt gibt es feminine Männer, die eher ein typisch weibliches Reaktionsmuster zeigen.
Gibt es spezielle Alters-, Berufs- oder auch Gesellschaftsgruppen, die besonders stressanfällig sind?
Hier ist die Theorie der Ressourcenerhaltung von Hobfoll sehr wichtig: Menschen, die über wenige – materielle, soziale und persönliche – Ressourcen verfügen, sind stressanfälliger als Menschen, die über ein hohes Maß an Ressourcen verfügen. Das heißt also, arbeitslose Menschen, Menschen ohne ausreichende Bildung, Menschen ohne tragende soziale Beziehungen sowie arme Menschen sind stressanfälliger.
Was können die Folgen sein, wenn ich Stresssymptome zu lange ignoriere und nicht rechtzeitig etwas unternehme?
Dass ich krank werde. Im schlimmsten Fall: dass ich (zum Beispiel an einem Herzinfarkt) sterbe.
Gibt es diesbezüglich geschlechtsspezifische Unterschiede?
Ja, wie bereits gesagt: Männer verdrängen Stresssymptome mehr. Es wird vermutet, dass die höhere Sterblichkeit von Männern im mittleren Lebensalter an Herzinfarkt unter anderem auf dieses Verhalten zurückgeführt werden kann.
Wie stark sind Kinder und Jugendliche davon betroffen?
Hier gibt es interessante Studien von Carl-Walter Kohlmann und Heike Eschenbeck (Universität Schwäbisch Gmünd), die zeigen, dass Jungen ab einem bestimmten Alter diese Art der Verdrängung erlernen. Während bei Kindern in den ersten Grundschulklassen noch keine nennenswerten Geschlechtsunterschiede in der Art der Stressbewältigung auftreten, zeigen sich in höheren Altersstufen Geschlechtsunterschiede. Jungen lernen von ihrer Peergroup, dass es unmännlich ist, Schwächen zu zeigen und sie lernen, ein stoisches Selbstkonzept zu präsentieren.
Was wünschen Sie sich in diesem Zusammenhang für die Zukunft? Welche Entwicklungen würden Sie diesbezüglich besonders begrüßen?
Es müssen dringend mehr Männer in die Kindergärten und Schulen, als Erzieher und Grundschullehrer. Nach entsprechender Schulung könnten diese dann als positive Rollenmodelle für die Jungen demonstrieren, dass das Achten auf den Körper und die Gesundheit nicht „unmännlich“ sein muss. Aber vor allem sollten die Väter auch eine aktivere Rolle in der Erziehung spielen. Das neue Erziehungszeit-Modell von Ursula von der Leyen wird hoffentlich dazu beitragen, dass mehr Männer eine Auszeit aus dem Beruf nehmen und sich in der Kindererziehung engagieren. Davon können alle Seiten nur profitieren.
Vielen Dank für das Gespräch.
Wie Stress überhaupt entsteht, erfahren Sie hier.