Sucht
 
Junge liegt schlafend auf dem Boden
Sucht und Auswirkungen auf das soziale Leben – Verhaltenssüchte
Nicht nur substanzgebundene Süchte bringen erhebliche Konsequenzen mit sich: Auch Verhaltenssüchte wie Spiel- oder Computersucht beeinträchtigen das soziale Leben der Abhängigen in erheblichem Maße.

Computer- und Internetsucht

Glücksspielsucht

Kaufsucht

Magersucht und Bulimie (Ess- und Brechsucht)

Sportsucht

Alkohol

Lesesucht, Abenteuersucht, Süßigkeitensucht

Die Risiken sowie die gesundheitlichen und sozialen Folgen einer Abhängigkeit von legalen und illegalen Drogen sind vielen Menschen geläufig. Dass auch substanzungebundene Süchte wie beispielsweise Spiel- und Computer-, aber auch Magersucht und Arbeitssucht gravierende Auswirkungen auf das Sozialleben der Betroffenen haben können, wird oftmals nicht oder nur wenig in Betracht gezogen.

Im Folgenden finden Sie einen Überblick zu Abhängigkeitsmerkmalen und Auswirkungen der Verhaltenssüchte auf das soziale Leben der Betroffenen.

Computer- und Internetsucht

Ein Computer- oder Internetsüchtiger verspürt den Drang, sich täglich on- oder offline meist über Stunden mit dem Computer zu beschäftigen. Oftmals wird der PC gar nicht mehr abgeschaltet, weil der Betroffene ihn ohne lange Vorlaufzeiten ständig und sofort nutzen können will. Bei dem Abhängigen herrscht eine Art „Reservedenken“ vor: Um bei einem eventuellen Ausfall von beispielsweise Hardware-Komponenten diese sofort ersetzen zu können, besitzt der Betroffene sie in mehrfacher Ausführung. Die Nahrungsaufnahme findet nicht mehr in Gemeinschaft mit anderen Familienmitgliedern, sondern vor dem Computer statt. Der Süchtige verlässt Freizeitveranstaltungen frühzeitig, sagt gesellschaftliche Termine ab, um die Zeit am Computer zu verbringen. Er kann im doppelten Wortsinn „nicht mehr abschalten“ – weder mental noch den Computer selbst.
Die sozialen Auswirkungen der Computer- und Internetsucht liegen auf der Hand: Durch den Rückzug in die virtuellen Welten gehen reale Kontakte verloren und Freundschaften oder Beziehungen werden gefährdet. Durch eventuellen Schlafentzug (bei nächtlichem Spielen) wird der Süchtige reizbar und zeitlich desorientiert. In extremen Fällen kann es zu einer körperlichen Verwahrlosung, extremen schulischen Problemen oder zum Verlust des Arbeitsplatzes kommen.

Glücksspielsucht

Glücksspielsucht-Abhängige empfinden den Wunsch nach der Ausübung des Glücksspiels als zentralen Lebensinhalt. Haben sie die Möglichkeit, mit dem Glücksspiel zu beginnen, verlieren sie schnell die Kontrolle über ihr Spielverhalten. Selbstgesteckte Grenzen – beispielsweise hinsichtlich des einzusetzenden Geldbetrags – haben keine Wirkung und werden schnell in den Hintergrund gerückt. Verluste sollen so schnell wie möglich ausgeglichen werden, eventuell erzielte kleinere Gewinne fördern das Verlangen nach dem Glücksspiel. Eine dauerhafte Abstinenz ist für die Betroffenen nicht vorstellbar, und im Verlauf der Sucht entwickelt sich eine Art „Toleranz“ gegenüber der „Dosis“ des Glücksspiels: So steigt die Bereitschaft für riskantere Einsätze. Können die Abhängigen (beispielsweise wegen fehlender finanzieller Mittel) nicht spielen, leiden sie unter innerer Unruhe, sind reizbar und ungeduldig oder haben Konzentrations- und Schlafstörungen.
Im sozialen Bereich kommt es zu Konflikten mit Angehörigen und Freunden. Die Süchtigen leiden unter Schuldgefühlen und verstricken sich bei dem Versuch, die Sucht zu verheimlichen, häufig in Lügen und Vorspiegelungen falscher Tatsachen. Zudem nimmt ihre Verschuldung im Verlauf der Sucht immer mehr zu – nicht selten verlieren die Betroffenen vollends den Überblick über ihre finanzielle Situation.

Kaufsucht

Kaufsüchtige verspüren den starken Wunsch beziehungsweise Zwang, Waren in Kaufhäusern oder aus Katalogen zu konsumieren und haben dabei oftmals keinerlei Kontrolle über Ausmaß und Umfang des Konsums. Das Kaufen dient ihnen häufig als Ablenkung, Trost, Entspannung, Belohnung oder Beruhigung. Dabei investieren sie weitaus mehr Geld in den Akt des Kaufens als in andere Freizeitaktivitäten. Obwohl sie bestimmte Artikel bereits besitzen oder gar nicht mehr benötigen, kaufen die betroffenen Personen wahllos, ohne (Vor-)Freude und ohne auf den Preis zu achten einfach „drauflos“. Dem Einkaufen folgt meist sehr schnell das schlechte Gewissen, und nicht selten finden die Betroffenen selbst ihre Einkäufe im Nachhinein unsinnig. Häufig verstecken sie die gekauften Artikel zuhause oder packen sie gar nicht erst aus. Ist es den Betroffenen über längere Zeit nicht möglich, einkaufen zu gehen, leiden sie unter Entzugserscheinungen wie Traurigkeit und Leere bis hin zur Depression. Gereiztheit, Nervosität, Kopfschmerzen und Angstzuständen sind weitere entzugsbedingte Symptome.
Unter der Fixierung auf das Einkaufen leiden andere Freizeitaktivitäten und die sozialen Kontakte der betroffenen Personen. Die Kaufsüchtigen gehen häufig weniger unter Menschen, und Freundschaften werden vernachlässigt. Durch die extremen Geldausgaben und das maßlose Einkaufen kommt es zu Krisensituationen und Streit in Partnerschaften und Familie. Auch Konzentration und Leistungsfähigkeit im Job werden durch die Sucht in Mitleidenschaft gezogen.

Magersucht und Bulimie (Ess- und Brechsucht)

Paradoxerweise kreisen die Gedanken magersüchtiger Menschen dauerhaft um das Thema, demgegenüber sie die größten Aversionen verspüren: Essen und Nahrungsaufnahme. Betroffene befassen sich unentwegt mit Diäten, Fastenkuren, Kalorienverbrauchstabellen und Körpergewichtsberechnungen. Sie haben stets das Gefühl, zu „dick“ zu sein – unabhängig davon, wie untergewichtig sie sich durch Nahrungsverweigerung oder einseitige Ernährung bereits gehungert haben. Ausgelöst wird die Magersucht zumeist durch belastende Lebenserfahrungen und daraus resultierende, für die Betroffenen selbst unlösbare seelische Konflikte. Die „Kontrolle“, die die Süchtigen durch das Hungern über ihren eigenen Körper zu haben meinen, gibt ihnen das Gefühl, ihr gesamtes Leben besser „kontrollieren“ zu können.
Auch bei der Bulimie sind die zentralen Gedanken der Suchterkrankten die Nahrungsaufnahme sowie die panische Angst vor einer Gewichtszunahme. Anders als bei der Magersucht nehmen sie im Rahmen der Ess- und Brechsucht jedoch während unkontrollierbarer „Fressanfälle“ Unmengen an Nahrung zu sich. Diese versuchen sie anschließend über Erbrechen oder das Einnehmen von Abführmitteln wieder loszuwerden. Perfektionistische Ansprüche an die eigene Person, gekoppelt mit großen Versagensängsten führen zu starken Spannungszuständen, die sich in den „Fressanfällen“ widerspiegeln und mit ihnen abgebaut werden sollen.
Neben den vielfältigen gesundheitlichen Folgen von Magersucht und Bulimie leiden Betroffene beider Süchte unter den Auswirkungen auf ihr Sozialleben.
Da im Bekannten-, Freundes- oder Familienkreis oftmals das Verständnis für die unrealistische Selbstwahrnehmung magersüchtiger Betroffener fehlt, geraten die Süchtigen häufig in die Vereinsamung und Isolation. Dadurch, dass sie sich nur noch von „Gleichgesinnten“ verstanden fühlen und die Einschätzungen Gesunder nicht mehr gelten lassen, fühlen sie sich oftmals in ihrer Sucht bestätigt.
Von einer sozialen Isolation sind auch ess- und brechsüchtige Menschen häufig betroffen: Die „Fressanfälle“ und das darauffolgende Erbrechen lösen in ihrem Umkreis Unverständnis und Ekel und bei den Betroffenen selbst starke Schamgefühle aus. Sie ziehen sich deshalb zumeist in eine „selbstgewählte Isolation“ zurück.

Sportsucht

Sportsüchtige Menschen verspüren den Drang, sich fortwährend sportlich zu betätigen, haben dabei jedoch keine Wettkampfambitionen. Bei einigen Betroffenen kann gleichzeitig eine Essstörung vorliegen – das intensive Trainieren dient in diesen Fällen zur Reduktion von Körpergewicht, zum Erreichen eines bestimmten Figurideals oder zum Aufbau von immer mehr Muskelmasse (letztgenannter Aspekt gilt vor allem für Männer). Oftmals entsteht eine derartige Sucht aus den Versuchen, das eigene Selbstbewusstsein zu steigern, Misserfolge in anderen Bereichen zu kompensieren oder Problembewältigungen auszuweichen. Die Ausschüttung von Endorphinen erzeugt zudem einen von Intensivsportlern wiederholt angestrebten Rauschzustand. Eine Sportsucht liegt zumeist dann vor, wenn Ausdauersport zu einem zentralen Lebensinhalt und der Drang zu trainieren zu einem inneren Zwang wird. Die Betroffenen steigern die Belastung kontinuierlich, trainieren auch bei Verletzungen oder Erkrankungen und ignorieren körperliche Warnsignale vor Überlastung. Werden sie dazu gezwungen, auf Sport zu verzichten, kommt es sowohl zu körperlichen Beschwerden wie Magenschmerzen und Nervosität als auch zu psychischen Symptomen wie Depressionen oder Schuldgefühlen.
Infolge des übermäßigen Sporttreibens werden soziale Kontakte, Freundschaften und Partnerschaften vernachlässigt oder sogar gänzlich aufgegeben.

Arbeitssucht

Arbeitssüchtige Menschen zeigen in erster Linie einen überdurchschnittlichen Arbeitseinsatz, der sich mit der Zeit mehr und mehr steigert und schließlich zu einem krankhaften Suchtverhalten führt: Der Job hat auch in der Freizeit des Betroffenen Vorrang, die Familie sowie private Interessen und Pflichten werden vernachlässigt. Der zumeist perfektionistisch veranlagte Süchtige geht davon aus, für alle Aufgaben „der Richtige“ zu sein. Er ordnet schließlich alle privaten Bereiche der Arbeit unter und sucht stetig neue Ausreden für seinen übertriebenen Arbeitseinsatz.
Die Folgen für das soziale Leben der Süchtigen sind klar einzuschätzen: Verliert das Privatleben eines Menschen zugunsten seiner Arbeit seine komplette Bedeutung, ist es nahezu unvermeidlich, dass Beziehungen zu Bekannten, Freunden und der Familie nachhaltig gestört werden und oftmals sogar zerbrechen.

Lesesucht, Abenteuersucht, Süßigkeitensucht

Die Begriffe „Lesesucht“, „Abenteuersucht“ und „Süßigkeitensucht“ wirken beim ersten Hinsehen vielleicht ziemlich harmlos. Jedoch sollte stets bedacht werden, dass alle Tätigkeiten oder Gewohnheiten bei einer übermäßigen Anwendung durchaus zu einem suchthaften Verhalten und damit zu Auswirkungen auf das Sozialleben der Betroffenen führen können.
Jemand, der beispielsweise seine gesamte Freizeit darauf verwendet, Bücher zu lesen und dafür alle anderen Aktivitäten vernachlässigt – also lesesüchtig ist –, läuft Gefahr, in die soziale Isolation zu geraten und Kontakte zu anderen Menschen zu verlieren. Zwar kommt eine derartige Sucht nur sehr selten vor, jedoch sollten sich Betroffene selbst nach den Motiven für ihr exzessives Leseverhalten fragen: Ist es möglich, dass das Lesen als Flucht vor der Realität oder vor bestehenden Problemen genutzt wird? In diesem Fall wäre es sinnvoll, sich professionelle Hilfe zu holen.
Abenteuersüchtige Menschen sind ständig auf der Suche nach Grenzerfahrungen (wie beispielsweise Bungee-Jumping) und gehen dabei immer höhere Risiken ein. Sie nehmen eine hohe Verletzungs- und mitunter sogar Lebensgefahr sowie nicht unerhebliche Kosten in Kauf, um immer extremere „Kicks“ zu erleben. Der Umgang mit anderen Menschen bleibt dabei häufig auf der Strecke.
Der übermäßige Verzehr von Süßigkeiten hat eher gesundheitliche als soziale Folgen für das Leben der Betroffenen. Weitet sich die Süßigkeitensucht jedoch zu einer Essstörung aus, ist durchaus vorstellbar, dass soziale Kontakte in Mitleidenschaft gezogen werden.

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