Narkose- und Arzneimittel als Schnüffelstoffe
Bei dem Begriff „Schnüffelstoffe“ denken die meisten vermutlich sofort an Klebstoffe, Lösungsmittel und Ähnliches. Substanzen, die ursprünglich als Narkose- und Arzneimittel verwendet wurden, sind in diesem Zusammenhang weitaus weniger bekannt.
Lachgas (Distickstoffmonoxid)
Chloroform
Äther (Ether)
Amylnitrit, Butylnitrit, Isobutylnitrit („Poppers“)
Klebstoffe, Lösungsmittel, aber auch Deosprays sind als so genannte „Schnüffelstoffe“ vielen durchaus bekannt. Weniger verbreitet ist das Wissen um Inhalantien, die ursprünglich im medizinischen Bereich zur Anwendung kamen: Hier sind insbesondere Lachgas, Chloroform, Äther und Substanzen wie Amylnitrit, Butylnitrit und Isobutylnitrit („Poppers“) zu nennen. Wie bei den bekannteren Schnüffelstoffen sind die Auswirkungen dieser Stoffe auf die Gesundheit der Konsumenten erheblich. Irreversible Schädigungen bis hin zum Eintreten des Todes sind bereits bei der ersten Anwendung möglich.
Lachgas (Distickstoffmonoxid)
Lachgas ist eines der ältesten Narkosemittel, sein Gebrauch im medizinischen Bereich ist allerdings in den letzten Jahren rückläufig. Die Substanz kommt weiterhin in der Nahrungsmittel-, der Antriebs- und der Raketentechnik zur Anwendung. Das Gas hat einen süßlichen Geruch und wirkt beim Einatmen stark schmerzstillend sowie schwach narkotisch. Der Name „Lachgas“ leitet sich von der starken Euphorie ab, die der Konsument beim Einatmen verspürt, weswegen er häufig lacht – ein Effekt, der bei andauerndem Konsum allerdings nachlässt. Zusätzlich können Halluzinationen, veränderte Farbwahrnehmungen, eine verstärkte Wahrnehmung akustischer Reize sowie Kribbeln in den Gliedmaßen auftreten. Die Wirkung endet bereits nach etwa fünf Minuten.
Infolge Sauerstoffmangels kann es bei einem Lachgas-Konsum zu akuten Nebenwirkungen wie Bewusstlosigkeit und Atemstillstand kommen. Da Lachgas durch Oxidation das Vitamin B12 im Körper des Konsumenten inaktiviert, kann es bei einem dauerhaften Konsum zu Nervenschäden infolge eines Vitamin-B12-Mangels kommen. Zudem verdrängt die Substanz Stickstoff aus dem Blut sowie aus gasgefüllten Körperhöhlen, wodurch beispielsweise ein Druckanstieg im Innenohr erzeugt wird. Hierdurch kann es zu Schädigungen am Trommelfell bis hin zum Gehörverlust kommen. Wird das Gas direkt aus den entsprechenden Behältnissen konsumiert, können außerdem die Lippen des Konsumenten festfrieren, weil es durch die Entspannung des unter Druck stehenden Gases zu einer Abkühlung kommt. Werden Lachgaskapseln mit Kohlenstoffdioxid-Kapseln verwechselt, besteht akute Erstickungsgefahr.
Chloroform
Chloroform wurde früher als Narkose- sowie als Pflanzenschutzmittel eingesetzt. In Deutschland darf es seit 1977 wegen unerwünschter Nebenwirkungen wie Leberschädigungen und Auftreten von Herzkammerflimmern nicht mehr eingesetzt werden. Die Substanz wirkt sensibilisierend für Katecholamine am Herzen, das heißt sie steigert einerseits die Herzkraft und andererseits den peripheren Widerstand. Infolgedessen kommt es zu einer anfallsartigen Blutdrucksteigerung. Zudem hat Chloroform eine lebertoxische sowie eine kardiotoxische (herzschädigende) Wirkung. In Tierversuchen wurde außerdem eine Karzinogenität (krebserregende Wirkung) der Substanz nachgewiesen.
Sind Menschen über einen längeren Zeitraum einem Kontakt mit Chloroform ausgesetzt, kommt es zu unspezifischen Symptomen wie Schläfrigkeit, Benommenheit sowie Magen- und Darmbeschwerden. Bei einem dauerhaften Kontakt mit Chloroform besteht eine hohe Rate an Leberschäden, die unter Umständen tödlich enden können.
Chloroform hat zudem eine Vielzahl an Auswirkungen auf das Zentralnervensystem, auf Atemwege und Lunge, das Herz-Kreislaufsystem, die Nieren und das Blut. So kann beispielsweise das Zentralnervensystem bei einem langanhaltenden Kontakt mit Chloroform degenerativ verändert werden. Es kann zudem zu einem Atemstillstand, zu Kammerflimmern oder zu einer funktionsmindernden Herzmuskelschädigung kommen. Weiterhin sind Schäden am Parenchym der Nieren – das heißt an den speziellen Zellen, die die Funktion der Nieren bedingen – möglich. Zudem kann sich eine krankhaft gesteigerte Blutungsneigung ausbilden.
Äther (Ether)
Äther ist das wohl bekannteste Narkotikum. Schon vor seiner erstmaligen Verwendung als Narkosemittel im Jahr 1842 war die Substanz als Rauschmittel bekannt und in der zweiten Hälfte 19. Jahrhunderts als solches weit verbreitet. Zum Teil wurde Äther als Doping-Mittel missbraucht und zu Zeiten der Alkoholprohibition als Alkoholersatz verwendet. Auch heute wird die Substanz – hauptsächlich von Erwachsenen – als Rauschmittel verwendet. Zudem dient sie als Basischemikalie zur illegalen Drogenherstellung.
Äther kann bei Konsumenten eine Sucht erzeugen, was hauptsächlich den in ihm enthaltenen flüchtigen Lösungsmitteln zugeschrieben wird. Während der Abhängigkeit und bei einem Entzug kann es beim Betroffenen zu paranoid-halluzinatorischen Psychosen (schweren psychischen Störungen) kommen. Regelmäßiger Äther-Konsum führt zudem zu Abstinenzsymptomen wie beispielsweise Schlaflosigkeit. Die Gefahr eines Rückfalls ist bei einem Entzug sehr hoch. Wird die Substanz über einen langen Zeitraum konsumiert, kann es zu morgendlichem Erbrechen, Herzstörungen, Leberschäden, Persönlichkeitsverfall (Depravation) und epileptischen Anfällen kommen. Sehr hohe Dosen können einen Starrezustand des gesamten Körpers bei wachem Bewusstsein (Stupor) auslösen und durch eine Lähmung des Atemzentrums zum Tod führen.
Amylnitrit, Butylnitrit, Isobutylnitrit („Poppers“)
„Poppers“ sind flüssige und kurzfristig wirksame Drogen, die aus kleinen Flaschen inhaliert werden. Ihnen wird eine aphrodisierende (den Geschlechtstrieb anregende), muskelentspannende und schmerzhemmende Wirkung zugeschrieben. Ursprünglich waren die Substanzen in Glasampullen erhältlich und wurden als Medikament gegen Angina Pectoris verwendet, allerdings wegen der nur sehr kurz anhaltenden Wirkung rasch durch andere Medikamente ersetzt. Das knallende Geräusch, das beim Öffnen dieser Ampullen entstand, verleiht den Substanzen in Anlehnung an das Englische ihren Namen („to pop“ = „knallen“).
Die Wirkung der Substanzen wird einer vorübergehenden Gefäßerweiterung im Gehirn zugeschrieben. Hierbei wirkt die Droge nicht selbst als Halluzinogen, sondern tatsächlich lediglich gefäßerweiternd. Hierdurch kann es zu Hautrötungen, Schwindel und nitritbedingtem Kopfschmerz kommen. Zudem können Herzrasen, Übelkeit, Erbrechen, eine Erhöhung der Körpertemperatur sowie Schwitzen auftreten. Werden die Substanzen verschluckt, oder dringen sie in die Nase oder die Nasennebenhöhlen ein, kann es zu Verätzungen und Vergiftungen sowie zu einer Hirnschädigung kommen. Werden Poppers in Verbindung mit anderen Substanzen (wie beispielsweise Potenzmitteln oder Alkohol) konsumiert, können sich plötzliche und lebensgefährliche Blutdruckabfälle ergeben. Auch eine Überdosis kann zu geringem Blutdruck führen, zudem besteht die Möglichkeit eines Schocks, einer erhöhten Konzentration von Methämoglobin, des Auftretens einer Blutarmut und eines Komas. Die ätzende Wirkung von Poppers kann zu einer ernsthaften Schleimhautverletzung führen, insbesondere dann, wenn die Substanzen übermäßig inhaliert worden sind. Laut jüngsten Studien haben Poppers eine immunsuppressive (das Immunsystem unterdrückende), mutagene (das Erbgut eines Organismus verändernde) und karzinogene (krebserzeugende) Wirkung.
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