Rechtsextremismus
 
Auf dem "rechten" Weg: Jugendliche in der HDJ
Auf dem "rechten" Weg: Jugendliche in der HDJ
Fast 20 Jahre lang wurden Kinder und Jugendliche in den Ferienlagern der "Heimattreuen Deutschen Jugend" mit den Grundgedanken des Nationalsozialismus erzogen und militärisch ausgebildet. Seit dem 31. März 2009 ist die Organisation offiziell verboten.

Die Ideologie der HDJ

Braune Parallelwelt

Verfassungsschutz

Die "Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ) - Bund zum Schutz für Umwelt, Mitwelt und Heimat e. V." galt seit ihrer Gründung im Jahr 1990 als wichtigste Nachwuchsorganisation der Neonazis. Offiziell tarnte sich der Verein als heimatbewusste Freizeitgruppe und zählte bundesweit mehrere hundert Mitglieder. Die Journalistin Andrea Röpke, die im Jahr 2008 den Otto-Brenner-Preis für ihre Nachforschungen erhielt, konnte jedoch aufdecken, dass die HDJ tatsächlich eine regelrechte "Nazi-Schule" für Kinder und Jugendliche ist. Sieben- bis 29-Jährige wurden in Ferienlagern, Sport- und Bildungsveranstaltungen mit den Grundgedanken des Nationalsozialismus erzogen. Seit dem 31. März 2009 ist die Organisation deshalb offiziell verboten. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble verkündete: "Mit dem heutigen Verbot setzen wir den widerlichen Umtrieben der HDJ ein Ende. Wir werden alles tun, um unsere Kinder und Jugendlichen vor diesen Rattenfängern zu schützen."

Die Ideologie der HDJ

"Mein Glaube ist Kampf" lautet ein zentraler Leitsatz der Heimattreuen Deutschen Jugend. Im Zentrum steht die militärische Ausbildung. Mittel der Erziehung sind Drill und Zwang. Von den Jugendlichen wird Härte, Disziplin und Gehorsam erwartet. Dabei soll ein "stolzes wehrhaftes Mannestum" herangezogen werden. Gewissermaßen die "Elite" der Neonazis. Schon Kinder werden nach Angaben der Journalistin Andrea Röpke als "Kameraden" bezeichnet und mit "Heil Dir" begrüßt. Man wolle "jungen Nationalisten vor allem neue Kraft geben, um sich dem maroden System der BRD weiterhin entgegen zu stellen", so der Werbetext für ein Ferienlager. Gekämpft werden soll, um "gestalterisch" wirken zu können, denn: Es sei kein "erklärtes Schicksal, als Deutsche in Ketten zu leben". Nach eigenen Angaben möchte die HDJ die Demokratie durch einen (angeblich) "freien Deutschen Volksstaat" ersetzen.

Darüber hinaus stehen auch ideologische Schulungen und Einführungen in Kultur und Brauchtum der "guten alten Zeit" auf dem Programm. Das umfasst altgermanische Runenkunde ebenso wie die Grenzen von 1937. NS-Verbrecher wie Ernst Otto Remer werden als Helden verehrt. Zudem wird den Jugendlichen eingeprägt, Fremdsprachen zu vermeiden. Statt "Pizza" soll das Wort "Gemüsekuchen" verwendet werden. Dafür lernen sie Schimpfworte für die Demokratie wie "krankes System" oder "BRDisten". Ziel ist es, "Heimat- und volksbewusste Einstellungen" zu vermitteln, um eine "saubere" Jugend zu formen.

Auch die Rollenverteilung in der Gemeinschaft ist klar definiert. Bereits junge Mädchen werden an die Verpflichtungen zum "Erhalt der eigenen Art" erinnert, so Andrea Röpke. Diese Aufteilung zeigt sich bereits in der uniformähnlichen, altmodischen Kleidung: Mädchen tragen lange dunkle Röcke und Blusen, die Jungen schwarze Zunfthosen, Grauhemden und so genannte "Jungenschaftsjacken". Im Oktober 2007 untersagte das Bundesministerium der HDJ das Tragen von Uniformen. Tatsächlich hielten sich daran jedoch nur wenige.

Braune Parallelwelt

Die nationalsozialistische Ideologie ist bei den meisten Mitgliedern der HDJ tief verwurzelt und wird von Generation zu Generation weitergegeben. In diesen Kreisen gehört es gewissermaßen zum "guten Ton", Kinder ab dem siebten Lebensjahr der HDJ zu übergeben. Die jungen Menschen haben dann häufig kaum Möglichkeiten, sich der "braunen Gedankenwelt" ihrer Eltern zu entziehen. Sie sind der Nazi-Propaganda hilflos ausgeliefert. "Was man in der Kinderstube lernt, das ist tief drin in einem", so die Aussage einer ehemaligen HDJ-lerin. Seit ihrem Ausstieg aus der Gruppe wird sie von Rechtsradikalen verfolgt. Für die jungen Mitglieder der HDJ bedeutet das ein Leben in zwei verschiedenen Welten: Der Außenwelt dürfen sie nichts über ihre Aktivitäten in der HDJ verraten und schotten sich sektenähnlich ab. Dafür lernen sie in ihrer "Ausbildung", wie sie mit politisch links eingestellten Lehren und "gehirngewaschenen" Mitschülern umzugehen haben und wie sie diese mit Gegenfragen aus der Reserve locken können. Sie haben also gegenüber der Organisation und in der Schule zu funktionieren. Der psychische Druck dieser Kinder muss unerträglich sein.

Verfassungsschutz

Experten sind sich einig, dass ein Verbot der HDJ längst überfällig war - insbesondere, weil sie als Abspaltung der so genannten "Wiking-Jugend" gilt. Sebastian Räbinger, der derzeitige HDJ-Bundesführer, war beispielsweise einer der letzten so genannten "Gauführer" der Wiking-Jugend. Wolfram Nahrath, ehemaliger Bundesführer der militanten Vereinigung, ist wiederum Mitglied und häufiger Referent der HDJ. Die Wiking-Jugend wurde im Jahr 1994 verboten, weil sie ideologische Parallelen zur NSDAP und Hitlerjugend aufwies. Rund 15.000 Mädchen und Jungen sollen innerhalb von 42 Jahren durch ihre "braune Schule" gegangen sein. Viele von ihnen zählen heute zur Spitze der NPD.

Bereits im Juli 2008 beantragten die Bundestagsfraktionen von Bündnis 90/Die Grünen und FDP die Prüfung eines Vereinsverbots gegen die HDJ. Die Linke schloss sich im September desselben Jahres an. Seitdem lief ein Ermittlungsverfahren des Bundesinnenministeriums. Im Zuge dessen wurde im August 2008 ein Zeltlager der HDJ aufgelöst und untersucht. Dabei wurden zahlreiche Gegenstände mit Hakenkreuzen sichergestellt. Wenig später (Oktober 2008) wurde eine bundesweite Durchsuchung bei nahezu 100 Angehörigen der Organisation durchgeführt, bei der weiteres belastendes Material sichergestellt werden konnte. Aufgrund Paragraph 3 des Vereinsgesetzes ist die HDJ seit dem 31. März 2009 offiziell verboten. Dieser ermöglicht ein staatliches Verbot, "wenn der Verein mit seinem Zweck oder seiner Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderläuft oder sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder gegen den Gedanken der Völkerverständigung richtet" (Auszug aus Paragraph 3 Absatz 1 des Vereinsgesetzes). Verstöße gegen das Verbot werden mit einer Geldstrafe oder einer Haftstrafe bis zu einem Jahr geahndet. Es ist außerdem untersagt, die Organisation unter anderem Namen weiterzuführen. Es bleibt zu hoffen, dass den "braunen Rattenfängern" damit wirklich Einhalt geboten werden kann.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in Andrea Röpkes Buch "Ferien im Führerbunker. Die neonazistische Kindererziehung der ‚Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ)'".

Wie Sie Zeichen und Codes der rechten Szene erkennen können, erfahren Sie hier.


Quelle: http://www.bpb.de/ (02.04.2009)