Lernen, Bewegung und die Rolle des Gehirns
Die Bedeutung von Bewegung beim Lernen wird häufig unterschätzt. Doch wie stehen Lernen, Bewegung und das Gehirn miteinander in Verbindung? Ein paar spannende Ergebnisse der Hirnforschung haben wir Ihnen hier zusammengefasst.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Bewegung und Lernen?
Was passiert bei Bewegung und Lernen im Gehirn?
Bewegung und Lernen in der Schule
Beeinflusst Bewegung das Gehirn und das Lernen eines Menschen? Ist es egal, ob eine Person gerade im Schatten eines Obstbaumes ein Nickerchen macht oder eine Steilwand erklimmt? Werden die Durchblutung und der Stoffwechsel des Gehirns immer konstant gehalten? Die Hirnforschung ist zunehmend der Meinung: Der Körper spielt eine entscheidende Rolle bei der Bildung des Geistes.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Bewegung und Lernen?
Diverse Untersuchungen und Studien belegen das Zusammenspiel von Bewegung und Gedächtnisvermögen:
Hans-Georg Nehen, Professor an der Memory-Clinic am Elisabeth-Krankenhaus in Essen, erwähnt in diesem Zusammenhang eine Studie, in der erwachsene Teilnehmer, während sie auf einem Ergometer saßen, immer schwerer werdende Mathe-Aufgaben lösen mussten. Im Gegensatz dazu machte eine Vergleichsgruppe, die ausschließlich an Schreibtischen saß, deutlich mehr Fehler.
Der Neurowissenschaftler Professor Martin Korte von der Technischen Universität Braunschweig skizziert eine Studie, in der Studenten sinnfreie Silben (zum Beispiel: mi, tra, fro) zugerufen wurden. Nach einem gewissen zeitlichen Abstand sollten die Studenten das Zugerufene wiedergeben. Dies fiel ihnen äußerst schwer. Der Test wurde mit einer anderen Gruppe wiederholt, die sich während des Zurufens der Silben auf einem Laufrad befanden. Die Probanden behielten jetzt das Gehörte viel besser und leichter.
Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass unser Gehirn Lerninhalte mit gleichzeitig eintreffenden Körpersignalen verknüpft, wodurch sie dauerhafter abgespeichert werden können.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommen auch Untersuchungen, die mit Kindern und Jugendlichen durchgeführt wurden. Dr. Lukas Zahner, Dozent am Institut für Sport und Sportwissenschaften in Basel, berichtet exemplarisch von einer kanadischen Studie: 546 Schülerinnen und Schüler erhielten pro Tag eine Stunde mehr Bewegungsunterricht, dafür entsprechend weniger Unterricht in Fächern wie Mathematik, Französisch oder Naturwissenschaften. Über mehrere Jahre wurden die Klassen begleitet und mit Schülerinnen und Schüler verglichen, die mehr Fachunterricht erhielten, dafür aber nur 40 Minuten Sportunterricht pro Woche. Die Untersuchungsergebnisse überraschen: Trotz deutlich weniger Stunden in den klassischen Schulfächern (15 Prozent Reduzierung der Stundenzahl) zeigten die Schülerinnen und Schüler, die täglich eine Stunde Bewegungsunterricht erhielten, über die Jahre eindeutig bessere oder zumindest gleich bleibende schulische Leistungen in genau diesen Fächern.
In der sogenannten CHILT-Studie (Children´s Health Interventional Trial) der Deutschen Sporthochschule Köln wurde bei 668 Schülerinnen und Schülern der Zusammenhang zwischen motorischer Leistung und Konzentrationsfähigkeit untersucht. In Konzentrationstests schnitten diejenigen am besten ab, die über eine gute Bewegungskoordination verfügten. Auch diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von Bewegung im schulischen Kontext.
Sollen also Bewegung und Lernen miteinander gekoppelt werden? Die Forscher Hendry und Cerr bejahen diese Frage ganz eindeutig. Sie konnten schon 1983 nachweisen, dass ein integriertes Programm, das motorische und kognitive Fähigkeiten gleichzeitig trainiert, einen wesentlich größeren Effekt auf motorische wie geistige Leistungen bewirkt als das separate Trainieren beider Fähigkeiten.
Was passiert bei Bewegung und Lernen im Gehirn?
Welcher konkrete Zusammenhang besteht aber zwischen Bewegung, Lernen und dem Gehirn? Welche „harten Daten“ liefert die Forschung? Die Hirnforschung konnte mithilfe bildgebender Verfahren nachweisen, dass Muskelaktivitäten und speziell koordinierte Bewegungen zur Produktion von sogenannten Neurotrophinen führen. Diese Proteine regen das Wachstum von Nervenzellen an und vermehren die Anzahl neuronaler Verbindungen. Das heißt, sie fördern die Vernetzungen von Informationen im Gehirn. Die Bielefelder Neruowissenschaftlerin Professorin Gertraud Teuchert-Noodt betont: Allein durch Bewegung und die damit eng verknüpften Sinneswahrnehmungen werden die für dauerhafte Lerneffekte grundlegenden Verbindungen zwischen Nervenzellen im Gehirn gebildet, erhalten und verstärkt. Wenn wir Lerninhalte mit Bewegung koppeln, dann lässt der Erinnerungsreiz „Bewegung“ unmittelbar aus dem Gedächtnis den dazugehörigen Lerninhalt wieder aufsteigen.
Bewegung und Lernen in der Schule
Bewegung meint mehr als Sport. Es geht vielmehr um motorische Aktivitäten im weitesten Sinne und den Einsatz des eigenen Körpers ganz generell. Neben grobmotorischen Aktivitäten (zum Beispiel: Aufstehen, um Informationen von einem Nachbarn zu holen oder Aufsuchen einer anderen Gruppe bei der Gruppenarbeit) ist beispielsweise auch das feinmotorische Hantieren mit Materialien und Gegenständen oder die räumliche Wahrnehmung gemeint. Dies beginnt bei themen- und methodenbezogenem Bewegen in einzelnen Schulfächern, führt über bewusst eingeplante Bewegungs- und Entspannungspausen bis hin zu einer bewegungsanregenden Gestaltung des Schulgeländes. Uwe Pühse, Professor für Sportpädagogik an der Universität Basel, hebt hervor, dass Schülerinnen und Schüler in Klassen, in denen Ideen und Konzepte einer „bewegten Schule“ angewendet werden, von der ersten Unterrichtsstunde an aufmerksam sind. Diese Aufmerksamkeit können sie im Verlaufe des Schulvormittags sogar noch steigern. Dr. Lukas Zahner betont, dass zudem Schülerinnen und Schüler, die die Aspekte einer „bewegten Schule“ leben und erleben konnten, eine positivere Einstellung zu ihrer Schule und zu ihrer Klasse zeigten. Diese wirkt sich wiederum auf ihre Leistungsbereitschaft aus.
Einfache Bewegungseinheiten für den Unterricht finden Sie hier.