chronische Krankheiten
 
Krank – ein Leben lang
Krank – ein Leben lang
Eine unbeschwerte Kindheit – ein Wunsch, den wohl alle Eltern für ihre Kinder hegen. Doch manchmal kommt es ganz anders, und Einschränkungen, Verzicht oder regelmäßige Arztbesuche werfen ihre Schatten auf die erhofften unbekümmerten Kindheitstage.

Allergien – eine Zivilisationskrankheit?
Immer genug Luft?
Die Haut rebelliert
Wenn der Darm verrückt spielt
Süßes Blut
Epilepsie – eine totgeschwiegene Krankheit
Aus dem Takt
Ruhig und angepasst? Nein danke!

In unregelmäßigen Abständen plagen Tom juckende Ausschläge am ganzen Körper. Nele weiß schon seit Kindergartenzeiten ganz genau, was sie essen darf und was nicht – doch manchmal fällt es ihr wirklich schwer, wenn ihre Freundinnen und Freunde genau das essen, was sie lieber meiden sollte. Leon freut sich jedes Jahr auf die feuchtkalten Wintermonate, denn in dieser Zeit sieht er nicht so verheult aus und Augen und Nase hören nach vielen Wochen wieder auf zu jucken.

Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) leiden heutzutage bundesweit fünf bis zehn Prozent aller Mädchen und Jungen an einer chronischen Erkrankung. Zwar müssen die betroffenen Kinder und Jugendlichen oft ein paar Einschränkungen in Kauf nehmen – die meisten sind aber trotz der Einschränkungen so fit, dass sie ebenso wie ihre Altergenossen auf eine normale Schule gehen können und ein (fast) normales Leben führen. Ob die Zahl der chronisch kranken Kinder in den letzten Jahren tatsächlich zugenommen hat – darüber sind sich Experten bisher nicht einig. Schließlich sind Aufmerksamkeit und Fürsorge ebenfalls stark gestiegen: Erkrankungen werden früher erkannt, die ärztliche Versorgung hat sich zunehmend verbessert und die pädagogische Förderung von Kindern erfolgt wesentlich gezielter.

Krankheiten gelten als chronisch, wenn sie die Gesundheit des Betroffenen über einen längeren Zeitraum oder lebenslang beeinträchtigen. Einige dieser Krankheiten müssen regelmäßig ärztlich behandelt werden – andere bekommen die Betroffenen oft nach einer intensiven medizinischen Aufklärung gut selbst in den Griff. Neurodermitis, Nahrungsmittelallergien sowie Heuschnupfen, Diabetes mellitus und epileptische Anfälle sind häufige chronische Krankheiten im Kindes- und Jugendalter.

Allergien – eine Zivilisationskrankheit?
Unter Kindern sind Allergien inzwischen stark verbreitet: Fast jedes dritte Schulkind leidet an einer Allergie – die Ursache hierfür ist weiter unbekannt. Einig sind sich Experten allerdings darüber, dass die Veranlagung zu allergischen Reaktionen familiär gehäuft vorkommt und somit genetisch weitergegeben wird („atopische Veranlagung“). Eine Unverträglichkeit äußert sich in der Regel in Heuschnupfen, Asthma, einer Nahrungsmittelallergie oder Neurodermitis.

Eine allergische Reaktion entsteht in Folge einer Überreaktion unseres Immunsystems und kann von einem Arzt festgestellt werden. Auslöser sind oft harmlose alltägliche Substanzen wie Tierhaare, bestimmte Obstsorten oder Nahrungsmittel, Hausstaub oder Blütenpollen. Die Betroffene reagieren mit Niesen, tränenden Augen, anschwellenden Schleimhäuten, Hautrötungen und Quaddeln, Juckreiz, Atemnot, Magenkrämpfen und Ähnlichem. Die Allergieauslöser werden unterschieden in:

  • Inhalations- und Atemwegsallergene (beispielsweise Pollen und Hausstaub)
  • Kontaktallergene (unter anderem Tierhaare, Blumen und Latex)
  • Insektenallergene (vor allem Bienen- und Wespenstiche)
  • Nahrungsmittelallergene (Milch, Fisch und Nüsse sind nur einige Beispiele)
  • Medikamente (insbesondere bestimmte Antibiotika und Schmerzmittel)

Um einer allergischen Reaktion vorzubeugen, sollten die Betroffenen versuchen, die Allergieauslöser bestmöglich zu meiden. Das bedeutet für Nahrungsmittelallergiker beispielsweise, konsequent auf bestimmte Zutaten zu verzichten, um eine Überreaktion zu vermeiden. Durch den Einsatz bestimmter Medikamente – so genannte Antihistaminika – können allergische Reaktionen zwar gehemmt werden. Die Einnahme von Antihistaminika sollte jedoch die Ausnahme bleiben, wenn der Allergieauslöser vermeidbar ist. Kinder und Jugendliche, die beispielsweise an einer Nahrungsmittelallergie leiden, sind im Schulalltag sowie in ihrer Freizeit darauf angewiesen, sich selbst zu schützen. Doch durch den konsequenten Verzicht auf bestimmte Lebensmittel können die Betroffenen leicht zu Außenseitern werden: Sie bedienen sich beim gemeinsamen Schulfrühstück nur an ihren selbst mitgebrachten Sachen, auf das Eis beim Schulausflug verzichten sie jedes Mal und auf Geburtstagsfeiern und Partys sind sie mit dem Essen sehr wählerisch und fragen immer wieder nach bestimmten Zutaten.

Doch nicht immer können die Betroffenen den Allergenen aus dem Weg gehen: Pollenallergiker kämpfen oft viele Monate im Jahr gegen tränende Augen und laufende Nasen – und das jedes Jahr aufs Neue. Vor allem in den Hochphasen können durch die allergische Reaktion sowie durch notwendige Medikamente Leistungs- und Aufnahmefähigkeit der Betroffenen stark eingeschränkt sein. Und während sich Freunde und Bekannte auf die wärmeren Tage im Freien freuen, suchen die Betroffenen oft Schutz in geschlossenen Räumen. Auch wer gegen Hausstaub allergisch ist, kann den Allergieauslösern nicht so leicht aus dem Weg gehen.

Immer genug Luft?
Da unser Körper ununterbrochen Sauerstoff benötigt, können wir auf das Atmen nicht verzichten. Daher geraten wir leicht in Panik, sobald sich unsere Atemwege enorm verengen – wir bekommen Atemnot. Asthma bronchiale (Bronchialasthma) ist die bundesweit am häufigsten auftretende chronische Kinderkrankheit, so die BZgA. Etwa zwei Millionen der unter 18-Jährigen leiden an dieser Atemwegserkrankung – Jungen zwei- bis dreimal so häufig wie Mädchen. Die chronisch entzündliche Atemwegserkrankung äußert sich in chronischem Husten und/oder so genannten „Asthmaanfällen“ bis hin zu akuter Atemnot. Die Betroffenen werden die eingeatmete Luft einfach nicht wieder los. Auslöser für einen solchen krampfartigen Anfall sind vor allem Allergene, chemische und physikalische Reize wie Tabakrauch oder Ozon, Atemwegsinfekte, körperliche Anstrengung, Schmerzmittel und emotionale Faktoren wie Stress, Trennung oder Tod. Nahezu alle Asthmatiker befinden sich in einer Dauerbehandlung.

Auch Mukoviszidose/Zystische Fibrose (CF) ist eine chronische Atemwegserkrankung und bedarf einer frühzeitigen und konsequenten Behandlung. Die Lebenserwartung mit dieser Erbkrankheit liegt deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. An CF erkrankte Kinder brauchen eine besondere Ernährung und zeigen häufig Wachstumsstörungen. Mädchen und Jungen mit CF müssen eine Vielzahl an Vorsichtsmaßnahmen einhalten. Dadurch wird nicht nur ihre Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt, sie geraten häufig auch in eine soziale Isolation.

Die Haut rebelliert
Die Haut ist das größte menschliche Organ und spielt in unseren sozialen Beziehungen eine nicht unwesentliche Rolle. Doch was, wenn sie aus dem Gleichgewicht gerät?

Nach Angaben der BZgA leiden derzeit bundesweit mehr als zwölf Prozent der Schulkinder an Neurodermitis (endogenes oder atopisches Ekzem, atopische Dermatitis) – der häufigsten chronischen Hauterkrankung in den westlichen Industriestaaten. Studien zeigen deutlich, dass diese spezielle Form der Hauterkrankung in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Neurodermitis tritt schubweise auf und äußert sich unter anderem in besonders starkem Hautjucken. Die Haut ist sehr trocken, gerötet und rissig. Woher diese Hauterkrankung kommt, ist unklar – Experten sind sich aber sicher, dass sie genetisch weitergegeben wird. Die Auslöser sind vielfältig: Kontakt mit Wolle, scharfe Waschmittel oder Schweiß können ebenso zu einem Schub führen wie beispielsweise Stress. Weitere chronsiche Hauterkrankungen sind die Schuppenflechte (Psoriasis) und die „Fischschuppenkrankheit“ (Ichtyosis). Eine regelmäßige medikamentöse Behandlung sowie sorgfältige Pflege sind in beiden Fällen unverzichtbar.

Wenn der Darm verrückt spielt
Wohlbefinden und eine gesunde körperliche Entwicklung – unser Darm hat hierauf einen weitaus größeren Einfluss als viele denken. Doch auch die Darmschleimhaut ist vor chronischen Erkrankungen nicht sicher: Etwa 150.000 Menschen leiden hierzulande an Morbus Crohn, weitere 90.000 an Colitis ulcerosa. Diese chronischen Entzündungen der Darmschleimhaut können schon im Kindesalter auftreten. Studien zufolge leiden zwischen 20 und 38 Prozent der unter 10-Jährigen an diesen schubartig auftretenden Bauchschmerzen mit Durchfall. Eine Operation kann nicht von vornherein ausgeschlossen werden.

Süßes Blut
Diabetes mellitus Typ-1 und Typ-2 stören die Energieversorgung unseres Körpers, da sie die körpereigene Insulinproduktion beeinflussen. Der Typ-1-Diabetes ist oft eine schleichende Erkrankung die einer regelmäßigen Behandlung bedarf. Die Betroffenen müssen die nicht funktionierende Insulinproduktion durch gespritztes Insulin ersetzen. Demgegenüber ist Diabetes Typ-2 häufig eine Folge falscher Ernährung, Übergewicht oder Bewegungsmangel. An Diabetes erkrankte Mädchen und Jungen lernen frühzeitig, was gut für ihren Körper ist, und welche Spielregeln sie möglichst konsequent befolgen sollten.

Epilepsie – eine totgeschwiegene Krankheit
Deutschlandweit leiden etwa 200.000 Mädchen und Jungen an Epilepsie. Doch obwohl die Erkrankung relativ häufig vorkommt, wird nur ungern über sie gesprochen. Die Folgen sind große Unwissenheit, Verunsicherung und Ängste bei einem Großteil der Bevölkerung, woraus wiederum Vorurteile resultieren. Dabei kann jeder in jedem Lebensalter an Epilepsie erkranken. Hervorgerufen werden die Krampfanfälle durch eine Funktionsstörung im Gehirn. Die Verkrampfungen können sehr unterschiedlich ablaufen und sollten in Ruhe abgewartet werden. Auf keinen Fall sollten sie von Außenstehenden mit Gewalt gelöst oder der Anfall unterbrochen werden!

Aus dem Takt
Angeborene Herzfehler gehören ebenfalls zu den chronischen Erkrankungen. Etwa ein Prozent der Neugeborenen kommt mit dieser Fehlbildung zur Welt. Doch dank guter Diagnostik sowie Operations- und Behandlungsmethoden erreichen Kinder mit einem angeborenen Herzfehler immer öfter das Schulalter. Das Ausmaß der angeborenen Erkrankung ist sehr unterschiedlich: Einige können mit einer fast schon routinemäßigen Operation dauerhaft behoben werden, andere Herzfehler sind operativ nicht vollends zu beseitigen. Die Betroffenen sind dann häufig ihr Leben lang auf spezielle Medikamente und regelmäßige Arztbesuche angewiesen. Einige sind in ihrer Belastbarkeit sogar so stark eingeschränkt, dass sie ständig auf Hilfe anderer angewiesen sind.

Ruhig und angepasst? Nein danke!
Solange sich Verhaltensauffälligkeiten von Kindern in einem gewissen Rahmen bewegen, handelt es sich in der Regel um vollkommen normale Entwicklungserscheinungen. Eine so genannte Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – kurz ADHS – ist mehr. Hier wirken sowohl psychosoziale als auch neurobiologische Faktoren zusammen: Reizüberflutung, eine instabile Familiensituation und ein wechselndes Erziehungsverhalten (psychosoziale Faktoren) gepaart mit einem Mangel eines bestimmten Botenstoffs im Gehirn (neurobiologische Faktoren) führen zu diesen spezifischen Funktionsstörungen.

Schätzungen zufolge leben bundesweit etwa fünf Prozent der Mädchen und Jungen an ADHS. Die Diagnose darf allein durch einen erfahrenen Mediziner nach eingehender Untersuchung erfolgen – nur so können andere Ursachen für die offensichtlichen Verhaltensauffälligkeiten ausgeschlossen werden. Kinder, die mit ADHS leben, machen jedoch nicht nur anderen das Leben schwer. Vor allem die Mädchen und Jungen selbst leiden an ihrem „unangepassten“ Verhalten und den daraus resultierenden Folgen – die häufig nicht unbedingt positiv sind.

ADHS äußert sich in sehr unterschiedlichen Formen: Während die einen ein hyperaktiv-impulsives Verhalten an den Tag legen, können andere ihre Aufmerksamkeit kaum auf eine Sache konzentrieren. Es gibt jedoch auch „Mischformen“, in denen ein hyperaktiv-impulsives Verhalten gekoppelt mit Aufmerksamkeitsstörungen auftritt. Auch wenn sich erste Anzeichen von ADHS bereits in den ersten Lebensjahren zeigen, kann eine gesicherte Diagnose oft erst im Schulalter erfolgen. Eine rechtzeitige Behandlung ist unumgänglich, um weitere psychische Störungen möglichst auszuschließen. Darüber hinaus haben viele Betroffene mit starken Selbstzweifeln zu kämpfen: Ständige Ermahnungen und Sanktionen, häufige Misserfolgserlebnisse sowie die Rolle des „Klassenclowns“ drängen viele schnell in eine Außenseiterrolle.

Für einen möglichst unvoreingenommenen und angstfreien Umgang mit chronisch Kranken – insbesondere mit betroffenen Kindern und Jugendlichen – sollten alle Betroffenen einen möglichst offenen Umgang mit der Krankheit pflegen. Die Eltern und die Kinder selbst sollten Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern sowie den Freunden des Kindes und seinen Eltern die Möglichkeit geben, unbefangen Fragen zu der Krankheit stellen zu dürfen. Diese Form der Information nimmt nicht nur Ängste – auch Vorurteile können abgebaut und ein möglichst normaler Umgang mit dem betroffenen Mädchen oder Jungen erreicht werden.

Mehr über den Umgang mit chronischen Krankheiten erfahren Sie hier:
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