Kommunikation
 
Virtuelle Kommunikation: Segen oder Fluch?
Virtuelle Kommunikation: Segen oder Fluch?
Internet, Handy und Co. haben die Kommunikationskultur verändert. Gerade Jugendliche nutzen diese Medien oft und gerne. Dabei kommt das persönliche Gespräch immer häufiger zu kurz. Allerdings bieten die neuen Kommunikationswege durchaus auch Vorteile.

Was ist „Kommunikation“ eigentlich?

Wer kommuniziert heute wie?

Virtuelle Kommunikation – eine zweiseitige Medaille

Zwischenmenschliche Kommunikation bildet die Basis sozialer Beziehungen. Dass sich die allgemeine Kommunikationskultur im Vergleich zu früher verändert hat, ist bekannt: So ist beispielsweise das Schreiben „richtiger“ Briefe längst ins Hintertreffen geraten. Es geht schließlich auch um einiges schneller, Emails zu verfassen und Kurznachrichten über das Handy zu verschicken. Auch das persönliche Gespräch tritt durch die Möglichkeiten der „neuen“ Kommunikationswege oftmals in den Hintergrund. Leider gehen auf diese Weise viele persönliche Aspekte der Kommunikation verloren. So ist es beispielsweise beim Verschicken von Emails oder SMS nicht möglich, die direkten Reaktionen des Nachrichtenempfängers auf die übermittelte Botschaft „von Angesicht zu Angesicht“ wahrzunehmen. Dadurch kann es unter Umständen zu Missverständnissen und Fehldeutungen kommen. Dies ist zwar durchaus auch beim „normalen Briefverkehr“ der Fall, allerdings sind die Themenschwerpunkte hier häufig weniger „brisant“, weil nicht so aktuell wie der Inhalt von Emails oder Kurznachrichten. Auch wer hauptsächlich telefonisch mit Anderen kommuniziert, kann mimische oder gestische Reaktionen seines Gegenübers nicht wahrnehmen und daher unter Umständen seinerseits nicht angemessen darauf reagieren. Neben all diesen Nachteilen bergen die neuen Kommunikationsmöglichkeiten jedoch durchaus auch Vorteile.

Was ist „Kommunikation“ eigentlich?

Sprachtheoretiker und Kommunikationswissenschaftler haben viele verschiedene Kommunikationsmodelle entwickelt. Die Basis für sie alle bildet ein Modell der amerikanischen Mathematiker Claude Elwood Shannon und Warren Weaver aus dem Jahr 1949. Shannon und Weaver gehen hierin davon aus, Kommunikation sei ein ausschließlich linearer Prozess: Ein Sender schickt hierbei eine verschlüsselte Nachricht über einen Kanal an einen Empfänger, der sie zunächst einmal entschlüsseln muss, um sie zu verstehen. Unter Verschlüsselung kann man bei einem Gespräch die Worte verstehen, in die die Nachricht „verpackt“ wird. Der Kanal besteht bei einem mündlichen Gespräch aus den Schallwellen, mit denen die Worte übertragen werden. Störungen einer derartigen Kommunikation können beispielsweise in Form von Lärm auftreten. Sie können aber auch dann vorkommen, wenn Sender und Empfänger nicht über den gleichen „Zeichenvorrat“ (zum Beispiel den gleichen Wortschatz) verfügen, der notwendig ist, um die Nachricht entschlüsseln zu können. Da Shannon und Weaver das Modell entwickelten, um Kommunikationsmöglichkeiten innerhalb der amerikanischen Armee zu optimieren, ist es sehr technisch geprägt und kann nicht eins zu eins auf die alltägliche menschliche verbale Kommunikation übertragen werden. Diese beinhaltet nämlich zusätzlich nonverbale Elemente wie Gestik und Mimik, verschiedene Verständnisebenen sowie gesellschaftlich oder kulturell geprägte Codes.

In später entwickelte Kommunikationsmodelle wurden im Gegensatz zu dem Modell von Shannon und Weaver weitere Ebenen der Sprache miteinbezogen. So entwickelte beispielsweise der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick eine Theorie mit fünf Axiomen (Grundsätzen), in der er unter anderem auf die Relevanz nonverbaler Interaktionsmerkmale menschlicher Kommunikation eingeht. So verdeutlicht Watzlawick mit dem wohl bekanntesten Satz aus seiner Theorie „Man kann nicht nicht kommunizieren.“, wie viel Körperhaltungen, Gestik und Mimik etwas zur zwischenmenschlichen Kommunikation beitragen.

Ein Beispiel für eine „ebenenübergreifende“ Betrachtung von Sprache ist das „Kommunikationsquadrat“ des Kommunikationswissenschaftlers Friedemann Schulz von Thun. Er geht davon aus, dass im Rahmen der menschlichen Kommunikation vier Ebenen besonders wichtig sind: Die Sachebene, die Ebene der Selbstoffenbarung und die Appellebene. Über diese Ebenen werden mit jeder gesendeten Nachricht – bewusst und unbewusst – viele verschiedene Botschaften gleichzeitig gesendet. 

Wer kommuniziert heute wie?

Einer im Jahr 2009 durchgeführten Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach zufolge empfinden zwei Drittel der 30- bis 44-jährigen befragten Personen das persönliche Gespräch als angenehmste Form des Austauschs mit anderen. Bei den 45-Jährigen und Älteren beläuft sich die entsprechende Zahl auf rund 70 Prozent. Bei den jüngeren Frauen und Männern sinken die Zahlen hingegen: So kann sich nur die Hälfte der 20- bis 29-Jährigen mit dieser Art der Kommunikation identifizieren, bei den noch Jüngeren sind es nur noch 36 Prozent. Über die Hälfte der Jugendlichen in einem Alter von unter 20 Jahren zieht einem persönlichen Gespräch ein ausführliches Telefonat vor, genauso viele  schreiben sich Kurznachrichten. Zwei Drittel der Mädchen und Jungen der entsprechenden Altersgruppe chatten gerne im Netz und beinahe die Hälfte schreibt sich Emails. Nur 11 Prozent jedoch pflegen den Brauch des Briefeschreibens. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die jüngere Generation insgesamt deutlich mehr auf schriftlichem Wege miteinander kommuniziert als Angehörige der mittleren oder älteren Generation: Nur sehr wenige der befragten 60-jährigen und älteren Personen nutzen die Möglichkeit, sich per Email Nachrichten zukommen zu lassen. Allerdings schreibt auch nur jeder Fünfte aus dieser Altersgruppe gerne Briefe.

Virtuelle Kommunikation – eine zweiseitige Medaille

Nachteiliges
Bei einer ausschließlich schriftlichen Kommunikation – zum Beispiel über Emails oder SMS – fallen Deutungsmöglichkeiten nonverbaler Botschaften weg. Die Kommunikation wird auf den Kanal des Schreibens reduziert. Auf diesen Sachverhalt beruft sich die so genannte Kanalreduktionstheorie. Im Rahmen dieser stark defizitorientierten Theorie wird davon ausgegangen, dass es durch die Anwendung virtueller Kommunikation zu einer Verarmung in Kommunikationsprozessen kommen kann. Hervorgehoben wird die ausschließliche „Textbasiertheit“ der Verständigung über den Computer und ihre grundlegende Unterscheidung von Kommunikationssituationen, die „von Angesicht zu Angesicht erfolgen“. Vertreter der Theorie befürchten, dass es im Hinblick auf Kommunikation zu einer gefährlichen Entwicklung mit weitreichenden Störungsmechanismen kommen könne. Psychologin Professor Dr. Nicola Döring nennt in ihrem Buch „Sozialpsychologie des Internets“ unter Berufung auf unterschiedliche Quellen die folgenden Kernbegriffe, deren Ausbildung im Rahmen der virtuellen Kommunikation befürchtet wird: „Ent-Sinnlichung, Ent-Emotionalisierung, Ent-Kontextualisierung, Ent-Menschlichung, Ent-Zeitlichung und Ent-Wirklichung“.

Vertreter der Kanalreduktionstheorie weisen darauf hin, dass durch die Reduzierung der Kommunikation auf den Kanal der Verschriftlichung Missverständnisse entstehen könnten. Im Gegensatz zu einer persönlichen Gesprächssituation können bei der computervermittelten Kommunikation die verschiedenen Ebenen des Inhaltes nämlich nicht erfasst werden. So ist es beispielsweise nicht möglich einen ironischen Unterton herauszuhören. Zu Schwierigkeiten kann es auch dann kommen, wenn der Sender einer Nachricht in einem Moment der schlechten Laune spontan eine beleidigende Äußerung abschickt. Wenn er dies zu einem späteren Zeitpunkt bereut, hat er keine Chance, seine Email wieder „zurückzunehmen“. Es besteht für ihn nicht die Möglichkeit, spontan und eventuell korrigierend auf sein Vorgehen zu reagieren.

Vorteilhaftes
Ungeachtet dieser durchaus bestehenden Probleme dürfen allerdings auch die Vorteile nicht außer Acht gelassen werden, die schriftliche internetbasierte Kommunikationsformen mit sich bringen. So eignet sich diese Art der Kommunikation für bestimmte Aufgaben wesentlich besser als andere Wege der Übermittlung. Auch Nicola Döring geht in dem von ihr erstellten medienökologischen Rahmenmodell davon aus, dass eine computervermittelte Kommunikation gegenüber einem Gespräch „von Angesicht zu Angesicht“ nicht automatisch nachteilig ist. Erstgenannte kann durchaus bereichernd wirken und zur Kontaktpflege beitragen. Voraussetzung für diese positiven Effekte ist allerdings eine gute Medienkompetenz: Der Anwender muss mit den Gepflogenheiten des Schriftverkehrs im Internet vertraut sein. So sollte er über ein potenzielles Misslingen von Kommunikation im Netz Bescheid wissen und dazu in der Lage sein, dieses so gut wie möglich zu umgehen.

In einer im Jahr 2002 veröffentlichten Folgestudie der seit 1995 in den USA durchgeführten „Home-Net Studie“ wurde herausgestellt, dass sich positive Effekte bei der Internetnutzung insbesondere bei den Personen verstärkten, die auch „offline“ über gute soziale Ressourcen verfügten. So kam es bei Studienteilnehmern mit extravertierten Charakterzügen zu einer erhöhten sozialen Einbettung und einer Verminderung des Gefühls, einsam zu sein. Bei introvertierten Personen ergab sich hingegen ein umgekehrter Effekt.

Insbesondere für Jugendliche ergeben sich über die computervermittelte Kommunikationsform viele Möglichkeiten hinsichtlich der Entwicklung ihrer Persönlichkeit und Identität. So können sie „online“ beispielsweise wechselnde Rollen einnehmen und werden dabei von der Anonymität des Netzes und der textbasierten Kommunikation geschützt. Unsicherheiten bei der Kontaktaufnahme, die für viele Teenager durchaus eine große Rolle spielen, fallen hier einfach weg. Auch ist es den Mädchen und Jungen möglich, weltweit neue Kontakte zu knüpfen, die ebenso schnell wieder beendet werden können. Von besonderer Wichtigkeit ist allerdings, dass die Jugendlichen kompetent mit dem Internet umgehen können, ausreichend über Gefahren im Netz Bescheid und sich davor zu schützen wissen. Denn gerade die Möglichkeit, anonym agieren zu können, beinhaltet nicht nur Vorteile, sondern auch Gefahren. Nicola Döring beschreibt den Zwiespalt der Vor- und Nachteile der textbasierten Kommunikation via Internet folgendermaßen: „Die Dialektik dieser Situation besteht gerade darin, dass Freiheitsgrade in der Gestaltung der eigenen Selbstdarstellung einerseits einen Kontrollgewinn bedeuten können, dass man aber gleichzeitig den Simulationen der anderen ausgesetzt ist und damit vielleicht verletzbarer und täuschbarer wird (Kontrollverlust).“

Verhaltenstipps für eine angemessene Kommunikation mit den „neuen Medien“ finden Sie hier.

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