Wissenschaft
 
Tastatur mit Mann-Frau-Symbolen
Mädchen, Junge oder was?
Egal ob auf der Straße, im Büro oder in der Schule – wenn wir fremde Personen treffen, laufen in uns unbewusste Prozesse ab. So unterscheiden wir beispielweise innerhalb von Sekundenbruchteilen in „weiblich“ oder „männlich“. Doch warum fällt diese Zuordnung manchmal so schwer?

Was bitte ist „Gender“?

Über Männer, Frauen und „Doing Gender“

Während im Englischen schon seit längerem zwischen „sex“ und „gender“ unterschieden wird, musste sich die deutsche Sprache lange Zeit auf den Begriff „Geschlecht“ beschränken. Erst mit der aufkommenden wissenschaftlichen Forschung insbesondere in den Sozial- und Geisteswissenschaften zum Themenbereich „Gender“ (Gender-Studies oder auch Frauen- und Geschlechterforschung) wurden die Begriffe „Sex“ und „Gender“ ins Deutsche übernommen. Dadurch wurde eine differenziertere Unterscheidung zwischen dem biologischen und dem sozialen Geschlecht möglich. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat die Geschlechterforschung auch in den Erziehungswissenschaften sowie in der Pädagogik allgemein zunehmend Einzug gehalten. Doch was meinen „Sex“ und „Gender“ eigentlich?

Was bitte ist „Gender“?
Während die englische Sprache in Bezug auf das Geschlecht zwischen „sex“ (biologisches Geschlecht) und „gender“ (soziales Geschlecht) unterscheidet, gibt es diese Unterscheidung im Deutschen nicht. Damit wir jedoch eine ebensolche Unterscheidung der Geschlechtszugehörigkeit treffen können, wurden die englischsprachigen Begriffe „Sex“ und „Gender“ übernommen. Gerade in Wissenschaften wie beispielweise den Sozial- und Geisteswissenschaften sind diese Begriffe inzwischen fest in der Fachsprache verankert.

Das biologische Geschlecht „Sex“ zeigt sich unter anderem in Chromosomen, Hormonprofilen sowie inneren und äußeren Geschlechtsmerkmalen. Über das biologische Geschlecht ist es uns in der Regel innerhalb von Sekundenbruchteilen möglich, unsere Mitmenschen anhand der Sex-Kategorie in „weiblich“ und „männlich“ einzuordnen. Diese Zuordnung geschieht häufig unterbewusst – wir werden uns darüber oft erst dann im Klaren, wenn uns diese Zuordnung in „weiblich“ oder „männlich“ nicht ohne Weiteres möglich ist.

Im Gegensatz zum Begriff „Sex“ steht der Begriff „Gender“: Gender bezeichnet das soziale Geschlecht – es geht also um die soziale Interpretation des biologischen Geschlechts. Der Begriff Gender umfasst demnach Aufgaben, Anforderungen und Erwartungen sowie Rollen und Fähigkeiten, die Menschen aufgrund ihres biologischen Geschlechts zugeschrieben oder verwehrt werden. Was beispielsweise als typisch weiblich oder typisch männlich gilt, ist in erster Linie gesellschaftlich und kulturell geprägt. Somit ist das soziale Geschlecht veränderbar – es gilt als sozial konstruiertes Geschlecht. Anhand dieser Sichtweise wird deutlich, dass soziale Zuordnungen zum Geschlecht nicht zwangsläufig auf dem biologischen Geschlecht beruhen, sondern es sich vielmehr um eine Herstellung handelt, die demnach auch veränderlich ist.

Über Männer, Frauen und „Doing Gender“
Der Begriff „Doing Gender“ („gelebtes Geschlecht“) stammt aus der Gender-Forschung und grenzt sich bewusst von der Vorstellung des Geschlechts als eine starre Eigenschaft ab. Dadurch, dass das soziale Geschlecht (Gender) in erster Linie kulturell und gesellschaftlich geprägt ist, wird auch von einer Konstruktion des Geschlechts gesprochen – dem so genannten „Doing Gender“. Hierbei geht es vordergründig um die Zuordnung von Menschen zu einer typisch männlichen oder typisch weiblichen Rolle sowie um den Wert der Geschlechterrolle. Der Begriff „Gender“ beschreibt dabei vor allem die Art und Weise, in der sich Frauen und Männer zu ihrer Rolle in der Gesellschaft selbst positionieren und wie sie diese Rolle bewerten. Doing Gender beinhaltet also einerseits Aktivitäten einer Person, durch die sie das eigene Geschlecht deutlich nach außen repräsentiert, andererseits aber auch wie sich die Person selbst in ihrer Geschlechterrolle wiederfindet und bestätigt. So werden beispielsweise bestimmte körperliche Merkmale hervorgehoben, geschlechtstypische Verhaltensweisen gezeigt und geschlechtsuntypische Verhaltensmuster unterdrückt. Dabei handelt es sich in der Regel um unbewusste Verhaltensmuster und Verhaltensweisen, die bereits im Rahmen des Erziehungsprozesses erlernt und eingeübt wurden. Sie laufen unbewusst ab und werden von den handelnden Personen als selbstverständlich und natürlich erlebt.

Beim „Doing Gender“ geht es in erster Linie um das „Tun“, „Machen“ und „Ausleben“ von Geschlecht – nicht um die biologische Geschlechtszugehörigkeit (Sex). Es steht quasi im Gegensatz zum biologischen Verständnis, das als „Tatsache“ hingenommen und schnell zur Begründung bestimmter „geschlechtstypischer“ Verhaltensweisen herangezogen wird: „Mädchen (Frauen) oder Jungen (Männer) sind halt so.“ Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sehen diese Begründung kritisch, da die eindimensionale Sichtweise (männlich/weiblich) sehr vereinfachend ist und der Komplexität unseres Handelns nicht gerecht wird. Anhand dieses Verständnisses von Doing Gender könnte beispielsweise eine Gruppe von Frauen ein eigenes Geschlecht bilden. Gemeinsame Merkmale dieser Gender-Gruppe könnten unter anderem sein: die natürliche Anbindung an das biologische Geschlecht und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht.

Beim Doing Gender geht es demnach nicht um das Geschlecht als natürliches oder erworbenes Personenmerkmal, das sich lediglich in Denken, Fühlen und Handeln einer geschlechtsspezifischen Identität zeigt. Das Doing Gender betont vor allem die aktive Her- und Darstellung des Geschlechts im Alltag. Es ist also nicht einfach von Natur aus oder durch die Erziehung und Sozialisation gegeben und schreibt bestimmte geschlechtstypische Verhaltensweisen vor. Vielmehr beschreibt es ein Verhalten, dass sich stark an dem Wissen darüber orientiert, wie man sich als „Mann“ oder „Frau“ zu verhalten hat. Das Doing Gender zeigt demnach ein aktives Verhalten, das für Außenstehende als männliches oder weibliches Verhalten gedeutet werden kann. Dieser Definition nach ist „Geschlecht“ also eine soziale Konstruktion und ein Merkmal sozialer Situationen.

Doing Gender beschreibt alltägliche Prozesse, in denen wir unser Geschlecht sozial darstellen und uns des Geschlechts von anderen versichern. Hierzu dienen beispielsweise geschlechtstypische Rituale, über die wir Männlichkeit/Weiblichkeit inszenieren. Im Sinne von Doing Gender ist Geschlecht (Gender) ein stetiges “Tun” eines der Geschlechtskategorie (Sex-Category) adäquaten Verhaltens.

Mehr zu diesem Thema und darüber, warum wir auch heute noch in Schubladen denken, erfahren Sie im Interview mit der Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Prof. Hannelore Faulstich-Wieland.