„Wer Nein sagen will, braucht ein Ja im Leben“
Professor Dr. Friedemann Schulz von Thun ist Kommunikationspsychologe an der Universität Hamburg. Seit über 30 Jahren setzt sich der international bekannte und anerkannte Kommunikationsexperte damit auseinander, wie Menschen miteinander reden.
Mit dem Studium der Psychologie, Philosophie und Pädagogik ab 1967 begann Friedemann Schulz von Thun seine wissenschaftliche Karriere dort, wo er bis heute arbeitet – an der Universität Hamburg. Dem Studienabschluss folgten Promotion und Habilitation in der Psychologie. Parallel dazu gab er mit anderen jungen Psychologen ab Anfang der Siebziger Jahre Seminare für Manager zum Thema Kommunikation. Aus der intensiven Beschäftigung mit diesem Spezialgebiet entstand das "Kommunikationsquadrat", das vier Ebenen in zwischenmenschlichen Botschaften aufzeigt. Darauf aufbauend entwickelte Friedemann Schulz von Thun weitere Thesen, die er in dem dreibändigen Werk "Miteinander Reden" erläutert.
Herr Schulz von Thun, war Ihr Weg zum Kommunikationsexperten vorgezeichnet?
Nein, ich wollte ursprünglich Schachpsychologe werden. Als jugendlicher Turnierspieler war ich auf der Suche nach guten Trainingsmethoden für angehende Großmeister. Aber das war ein Versuch, mein "Heimspiel" zu pflegen und zum Beruf zu machen. Es gab aber auch ein "Auswärtsspiel" in meinem Leben, und das waren die zwischenmenschlichen Beziehungen, in denen ich unbeholfen war oder sie ganz vermied. Dies war für mich ein Buch mit sieben Siegeln, und irgendwann fand ich den Mut, dieses Buch zu öffnen.
Was fasziniert Sie an Kommunikation?
Wenn zwei Menschen miteinander in Kontakt treten, passiert so vieles gleichzeitig, ob wir wollen oder nicht. Zum einen die Übermittlung von Information, das ist die sachliche Ebene. Dann aber auch: Sich als Mensch zeigen (oder verbergen) und erkannt (oder verkannt) werden. Drittens, das Beziehungserlebnis: Wie fühle ich mich behandelt, durch die Art, wie du mit mir sprichst – und umgekehrt? Und viertens die gegenseitige Beeinflussung: Ich will den anderen ja nicht nur erreichen, sondern auch bei ihm etwas erreichen. Diese vier Aspekte werden wie vier Saiten einer Harfe gleichzeitig angeschlagen, und Kommunikation erweist sich als eine Sache von Tönen und Untertönen mit einer bestimmten "Klangfarbe", die wir ganzheitlich erleben und doch nur schwer zu entschlüsseln vermögen.
Ziel des Sign-Projekts ist, junge Menschen zu stärken, damit sie Nein zu Drogen und Gewalt sagen können. Inwiefern kann "richtige" Kommunikation den Jugendlichen dabei helfen?
Sich abzugrenzen und "Nein" zu sagen gegenüber Leuten, die man schätzt und die für einen wichtig sind: Das gehört zu den schwierigsten Übungen in der Kommunikation. Ein paar Hinweise:
Wer "Nein" sagen will, muss auch die Teile in sich selber kennen, die verführbar sind, "Ja" zu sagen. Wenn ich diese Teile nicht kenne, werden sie mich in kritischen Momenten überrumpeln. Dies wäre ein Ansatz zur Selbsterfahrung, der mit Hilfe meines "Inneren Teams" auch für Jugendliche möglich und aussichtsreich ist.
Wer "Nein" sagen will, braucht ein "Ja" im Leben: Was ist mein Anliegen auf dieser Welt, in diesem Leben, wozu sage ich "Ja" und möchte mich stark machen? Wenn ich auf diese Fragen ratlos bin, wird mir ein "Nein" viel schwerer fallen.
Wie können Jugendliche ihre Möglichkeiten zur Kommunikation erkennen und verbessern?
In kritischen Momenten der Verführung sollte mir auch ein Kommunikationsrepertoire zur Verfügung stehen, das ich vorher einüben kann. Der richtige Satz an der richtigen Stelle kann mich souveräner machen. Zum Beispiel auf den Satz "Sei doch kein Spielverderber!" sollte man eine Antwort parat haben und nicht erst in dem Moment nach ihr suchen müssen. Zum Beispiel: "Lieber mal ein Spiel, als ein ganzes Leben verderben – komm, sei kein Lebensverderber!"
Sie arbeiten seit über 30 Jahren auf diesem Gebiet. Hat sich in diesem Zeitraum die Form der Kommunikation verändert? Wenn ja, heben Sie bitte einen Punkt hervor.
Die Offenheit hat zugenommen. Man spricht mit größerer Offenheit darüber, was in einem vorgeht und wie man die Beziehung zum Gegenüber erlebt. Wenn wir vor 30 Jahren Führungskräfte aufgefordert haben, sich gegenseitig Feedback zu geben, dann herrschte Stille vor und danach Entsetzen und Widerstand. Heute gibt es das „360°-Feedback“, wo sich Führungskräfte von allen Seiten sagen lassen müssen, wie sie erlebt, empfunden und eingeschätzt werden. Es gibt weniger Tabus. Leider hat sich die Fähigkeit im Zuhören nicht in demselben Maße verbessert. Noch nicht!
Danke für das Gespräch
Mehr über das Kommunikationsquadrat erfahren Sie hier.
Weitere Informationen zum Thema „Kommunikation“ und was Kommunikation mit Prävention zu tun hat, können Sie hier nachlesen.