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Theater
Theoretische und praktische Bezüge und Grundlagen des szenischen Spiels
Die theoretischen Grundlagen und praktischen Ansätze, auf die sich das szenische Spiel bezieht, sind vielfältig. Dabei wurden ausgewählte Verfahren verschiedener Theorien und Konzepte übernommen. Im Folgenden soll versucht werden, die wesentlichen Einflüsse zu verdeutlichen.

Einfluss der Psychologie

Einfluss der Schauspielerschulung und Theaterpädagogik

Einfluss der Brechtschen Lehrstücke

Stanislawski

Strasberg

Brecht

Boal

Einfluss der Psychologie

Die theoretischen Grundlagen und praktischen Ansätze, auf die sich das szenische Spiel bezieht und auf deren Basis Handlungsschritte und Verfahren entwickelt wurden, sind vielfältig. Dabei wurden die verschiedenen Theorien und Konzepte nicht in ihrer Gesamtheit übernommen, sondern nur in Form von ausgewählten Verfahren, die jeweils auf ihre Funktion und ihren Erkenntniswert für die Methode überprüft und erst dann adaptiert oder variiert aufgenommen wurden.
Zum einen greift die Methode auf Erkenntnisse aus der Psychologie, besonders der Psychoanalyse, dem Psychodrama und dem Soziodrama zurück. Dabei setzt sie Verfahren ein, „mit denen auch unbewusste und ausgegrenzte, abgewehrte, asozial und dysfunktional gewordene Vorstellungen, Wahrnehmungen und körperliche wie auch sprachliche Verhaltensmuster aktiviert und angeeignet werden können.“ (Ingo Scheller: Szenisches Spiel, Handbuch für die pädagogische Praxis. Berlin 1998, Seite 9)
Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass derlei Verfahren nicht unter einer therapeutischen oder ausschließlich selbsterfahrungsbezogenen Orientierung eingesetzt werden und dass das Ausagieren solcher Verhaltensmuster weder Gegenstand der Bewertung noch negativer Sanktionierung wird. Den Teilnehmern selbst bleibt es überlassen, ob und inwiefern sie deutlich werdende Eigenanteile akzeptieren oder für sich thematisieren wollen.

Einfluss der Schauspielerschulung und Theaterpädagogik

Zum anderen gehen die für das szenische Spiel konstituierenden Verfahren der Einfühlung und Verfremdung auf diverse Techniken aus der Schauspielerschulung und Theaterpädagogik zurück. Besonders die von dem russischen Schauspieler und Theaterregisseur Konstantin Sergejewitsch Stanislawski entwickelte und von seinem Schüler, dem amerikanischen Theaterpraktiker Lee Strasberg, weiterentwickelte „Psychotechnik“ zur Einfühlung der Schauspieler „in das Hier und Jetzt der Dramenfigur“ (Ingo Scheller: Szenische Interpretation – Frank Wedekind: Frühlingserwachen. Oldenburg 1989, Seite 7). Diese Techniken sollen das Einnehmen auch fremder Haltungen durch Empathie ermöglichen und im psychoanalytischen Sinne verstandenen Projektionen auf Figuren und Situationen und auch der rein theatralischen Pose entgegenwirken. Szenisches Verstehen und in der Folge szenisches Darstellen kann durch die von Stanislawski entwickelte Methode systematisch erzeugt werden.

Auch die von Augusto Boal entwickelten Theaterformen haben großen Einfluss auf die Methode gehabt.

Einfluss der Brechtschen Lehrstücke

Enge Bezüge weist die Methode auch zu den Brechtschen Lehrstücken auf. Zwar kritisiert Brecht die von Stanislawski angestrebte Identifikation zwischen Schauspieler und Zuschauer während der Aufführung, neben den Verfahren zur Verfremdung erkannte er aber die Techniken der Einfühlung bei der schauspielerischen Erarbeitung von Figuren in der Probenzeit an und verwendete sie auch. Brechts Lehrstücke wurden nach eigenen Aussagen für die Einfühlung konzipiert und enthalten sozial zugespitzte, konfliktartige Szenen und verbale Handlungsmuster, in denen die Schauspieler eigene, auch als asozial empfundene Haltungen entdecken, im Hinblick auf ihre soziale Wirkung analysieren und verändern sollen. Das im Spiel konkretisierte Verhalten soll ein mögliches Verhalten in analogen Alltagssituationen verdeutlichen. Nach dem Muster des Brechtschen Lehrstücks wurde das szenische Spiel entwickelt. In der Folge wurden die an den Lehrstücken erprobten Verfahren erweitert und auf eine Fülle anderer Texte, insbesondere Dramen, angewendet. Elemente der epische Spielweise Brechts, wie er sie an der „Straßenszene“ (vergleiche Bertolt Brecht: Gesammelte Werke. Frankfurt 1967, Band 16, Seite 546) als Grundsituation des epischen Theaters erläutert hat, wurden zusammen mit anderen theaterpädagogischen Ansätzen, angereichert mit den Einfühlungsübungen Strasbergs, in die Methode des szenischen Spiels aufgenommen. Brechts Auffassung von Verfremdung fand insbesondere in der szenischen Reflexion Niederschlag, durch die eine Distanz zu Haltungen und Situationen durch die Einnahme eines Standpunktes von außen angestrebt wird.

Stanislawski (1863 bis 1938)

Konstantin S. Stanislawski war Mitbegründer des „Moskauer Künstlertheaters“. Zu seiner Zeit war es unüblich, viel Zeit auf Proben für Inszenierungen zu verwenden. Die Stücke wurden von den alten Rollenfächern der Schauspieler beherrscht. Im Gegensatz dazu setzte Stanislawski sehr lange Probenzeiten durch, so dass die Schauspieler ihre Rollen individuell gestalten konnten. Der bekannteste Begriff aus Stanislawskis Theatertheorie ist das „Als ob“: Der Schauspieler solle parallele Situationen aus dem eigenen Erleben finden, um das nicht Erlebte glaubwürdig zu verkörpern.
Am Anfang seiner Laufbahn vertrat Stanislawski die Ansicht, dass sich ein Schauspieler aufgrund seiner eigenen Gefühle und Erfahrungen weitestgehend mit seiner Rolle identifizieren sollte. Er scheiterte jedoch selbst an diesem Anspruch und führte die „Methode der physischen Handlung“ ein. Äußere Handlungen sollten demnach ein innerliches Erleben ermöglichen. Basierend auf der These des psychophysischen Wechselspiels - dem so genannten emotionalen Körpergedächtnis - könne der Schauspieler ebenso Emotionen hervorrufen, indem er eine für die Gefühlslage typische Körper-Haltung einnehme:
„Wenn wir unsere physischen Handlungen einer logischen folgerichtigen äußeren Linie verlaufen lassen, werden wir [...] die Erfahrung machen, daß parallel dazu in uns selbst noch eine andere Linie entsteht – die Linie logischer, folgerichtiger Empfindungen.“ (K.S. Stanislawski, Die Arbeit des Schauspielers an sich selbst, I. Teil, Berlin 1961, Seite 163)
Inzwischen wurde durch die moderne Neurobiologie nachgewiesen, dass Körperhaltung, Gestik und Mimik tatsächlich zu Reaktionen auf neurobiologischer Ebene und damit zu Empfindungen führen. So werden beispielsweise Hormone ausgeschüttet, die für das Glücksempfinden zuständig sind, wenn wir lächeln – auch wenn wir gar keinen Grund dafür haben und nur die entsprechende Mimik zeigen.

Strasberg (1901 bis 1982)

Lee Strasberg entwickelte das Method Acting, das auf der Lehre Konstantin Stanislawskis beruht. Die Methode soll die Eindringlichkeit der schauspielerischen Darstellung steigern, indem der Schauspieler sich möglichst vollständig mit seiner Rolle identifiziert. Berühmte Schüler von Strasberg sind zum Beispiel Marilyn Monroe, Dustin Hoffman, Paul Newman, Robert de Niro und Johnny Depp.
Auch nach Strasbergs Tod gilt das Method Acting immer noch als erfolgreiche Methode für einen Schauspieler, ein Höchstmaß an Identifikation mit der darzustellenden Rollenfigur zu erreichen. Es wird auch weiterhin am Actors Studio gelehrt, an dem Strasberg bis zu seinem Tod Intendant war.
Er definierte das Schauspielen nicht als Talent zur „Nachahmung“ oder zum „Exhibitionismus“, sondern als „Fähigkeit, auf imaginäre Stimuli zu reagieren“ (Lee Strasberg, Definition of Acting [Auszug aus Encyclopedia Britannica], New York: The Lee Strasberg Creative Center o.J., Seite 1). Daher gliederte er den Schauspielunterricht in Entspannungs- und Erinnerungsübungen.
Durch Entspannungstechniken ist laut Strasberg die Konzentrationsfähigkeit zu steigern. Um zu einem innerlichen Erleben der gespielten Situationen zu kommen, sind Erinnerungen an eigene Erlebnisse zentral, die der gespielten Situation nahe kommen. Die Emotionen dürfen nicht flüchtig bleiben, sondern müssen beherrscht und wiederholbar gemacht werden. Strasberg unterschied dazu zwei Arten der Erinnerung:

  1. Affective Memory ist das Wiedererleben einer vergangenen Erfahrung, ausgelöst durch einen Stimulus (dessen Entdeckung er dem Psychologen Théodule Ribot zuschrieb und mit Iwan Petrowitsch Pawlow und Sigmund Freud in Verbindung brachte). Diese Art Gedächtnis trainiert der Schauspieler, um Situationen wiederholbar zu machen. (Affective Memory wird oft gleichbedeutend mit Emotional Memory gebraucht, obwohl Strasberg einen Unterschied machte und den letzteren Begriff auf Stanislawskis Spätwerk bezog.)
  2. Sense Memory ist die Erinnerung an eine Situation durch begleitende Sinneseindrücke, wie etwa das Geräusch des Regens oder Gerüche.

Brecht (1898 bis 1956)

Bertolt Brecht gilt als Begründer des epischen Theaters beziehungsweise dialektischen Theaters, obgleich dieser Begriff bereits zuvor von Erwin Piscator ins Leben gerufen worden ist. Er wollte ein analytisches Theater, das den Zuschauer eher zum distanzierten Nachdenken und Hinterfragen anregt als zum Mitfühlen. Zu diesem Zweck „verfremdete“ und desillusionierte er das Spiel absichtlich, um es als Schauspiel gegenüber dem wirklichen Leben erkennbar zu machen („Verfremdungseffekt“). Schauspieler sollten analysieren und synthetisieren, das heißt von außen an eine Rolle herangehen, um dann ganz bewusst so zu handeln, wie es die Figur getan hätte. Das epische Theater Brechts steht sowohl im Gegensatz zur Lehre Stanislawskis als auch zur Lehre des Method Acting von Strasberg, die größtmögliche Realitätsnähe anstrebten und vom Schauspieler verlangten, sich in die Rolle hineinzuversetzen. Brecht vertrat die Auffassung der Dialektik vom Menschen als Produkt der Verhältnisse und seiner Fähigkeit, diese zu verändern.
Er nannte seine Neukonzeption des Theaters ursprünglich „episches Theater“, ging aber später dazu über, den Begriff „dialektisches Theater“ dafür zu benutzen. In Brechts Theater soll ein Widerspruch zwischen Unterhaltung und Lernen entstehen, was die Illusion des „Emotionalen Hineingezogenwerdens“ beim Publikum zerstören soll und damit einen von Brechts Verfremdungseffekten hervorruft.

Boal (geboren 1931)

Augusto Boal ist Regisseur, Theaterautor und Theatertheoretiker. Er ist der Entwickler der Theaterformen „Theater der Unterdrückten“, „Forumtheater“, „Unsichtbares Theater“ und schließlich des „Legislativen Theaters“. Boal, dessen Vorbilder unter anderem Bertholt Brecht und Konstantin Stanislawski sind, geht es um eine Veränderung der Realität durch Theater, um Lösungen sozialer Probleme und einer Demokratisierung der Politik durch Theater. Sein Motto lautet: „Schluss mit einem Theater, das die Realität nur interpretiert; es ist an der Zeit, sie zu verändern!“. Augusto Boals „Theater der Unterdrückten“ geht von zwei Grundsätzen aus: Der Zuschauer als passives Wesen und Objekt soll zum Aktivisten der Handlung werden. Das Theater soll sich nicht nur mit der Vergangenheit beschäftigen, sondern ebenso mit der Zukunft und deren Möglichkeiten.
Unter dem Einfluss seines langjährigen Exils in Europa entwickelte er seit Ende der 1980er-Jahre eine Reihe von neuen Theatermethoden, so genannte „prospektive“ und „introspektive“ Techniken, die sich in der Pädagogik, in der Theaterpädagogik, im Schauspieltraining, im therapeutischen Bereich und in der Teamentwicklung etabliert haben.