Schulleben
 
Wie kann Ernährungsbildung in Schulen aussehen?
Wie kann Ernährungsbildung in Schulen aussehen?
Nach wie vor ist der Bereich Ernährungsbildung an deutschen Schulen kein Pflichtfach. Doch auf EU-Ebene wurde bereits vor ein paar Jahren ein Curriculum zur Ernährungsbildung erstellt. Orientierungspunkte gibt auch das länderübergreifende Projekt REVIS.

Das länderübergreifende Forschungsprojekt „Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schulen“ (kurz REVIS) hat in Kooperation von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen mit Fachverbänden und Personen aus Schulpraxis und -verwaltung 2005 einen Referenzrahmen für die Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schulen in Deutschland vorgestellt. Dieser Referenzrahmen soll allen allgemeinbildenden Schulen sowohl Orientierung für die Schulentwicklung als auch für den Unterricht in diesem Themenfeld bieten, denn: Nach wie vor gibt es für den Bereich Ernährungsbildung in Deutschland kein verpflichtendes Schulfach. Ob und wie Ernährungsbildung an deutschen Schulen unterrichtet wird, obliegt weiterhin den einzelnen Bundesländern. Das vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (kurz BMELV) geförderte Projekt REVIS hat es sich daher zum Ziel gesetzt, grundlegende Bildungsziele und Kompetenzen für den Bildungsbereich Ernährung zu entwickeln. Das daraus entstandene Kerncurriculum richtet sich an alle Schulformen. Die Ergebnisse können in allen deutschen Bundesländern Orientierungshilfen bieten und bei der Gestaltung und Einführung entsprechender Unterrichtsfächer herangezogen werden. Somit bietet es allen Interessierten hilfreiche Anknüpfungspunkte für die Schulgestaltung und -entwicklung.

Hintergrund

Die Ernährungs- und Verbraucherbildung stellt den handelnden Menschen in den Mittelpunkt. Dadurch sollen Lebensführungs- und Lebensgestaltungskompetenzen bei jungen Menschen gefördert werden. In der schulischen Praxis haben diese Bereiche auch in der deutschen Bildungsdebatte nach PISA mehr und mehr an Gewicht verloren. Die gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Bedeutung hingegen sprechen eine andere Sprache. So sind die immensen Folgekosten im Gesundheitssystem durch Übergewicht und ernährungsbedingte Krankheiten ein viel diskutiertes Thema. Veränderte Lebens-, Ess- und Konsumgewohnheiten der Menschen erfordern neue und erweiterte Kompetenzen. Zudem werden Kenntnisse und Fähigkeiten bei der Auswahl und Zubereitung von Lebensmitteln immer seltener in Familien und Haushalten weitergegeben. Für individuelle und gesellschaftliche Entwicklungen in den Bereichen Gesundheit, Umwelt und Esskultur ist die Ernährungsbildung ein unverzichtbarer Teil einer allgemeinen Grundbildung. Das Reformprojekt REVIS wurde vor diesem Hintergrund konzipiert und durchgeführt, um praktikable Umsetzungsmöglichkeiten für Länderministerien und Schulen zur Verfügung zu stellen.

Kerncurriculum

Das Kerncurriculum ist ein zentrales Ergebnis des REVIS-Projektes. Als Basis dafür stand das auf europäischer Ebene entwickelte Curriculum für die Ernährungsbildung zur Verfügung. Dieses wurde neu strukturiert und um den Bereich der Verbraucherbildung ergänzt. Das REVIS-Curriculum beschreibt das „schulische Minimalpaket“ für die Bildung junger Menschen in Hinblick auf Ernährung, Essen und Konsum im Rahmen ihrer Allgemeinbildung. Es fasst die naturwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Perspektive zusammen und bindet auch die gesundheitswissenschaftliche Seite der Ernährungs- und Verbraucherbildung mit ein. Das Curriculum enthält neun Bildungsziele und beschreibt dazu Kompetenzen, Inhaltsfelder und Themengebiete.

Die neun Bildungsziele lauten:

Die Schülerinnen und Schüler ...

  • gestalten die eigene Essbiographie reflektiert und selbstbestimmt.
  • gestalten Ernährung gesundheitsförderlich.
  • handeln sicher bei der Kultur und Technik der Nahrungszubereitung und Mahlzeitengestaltung.
  • entwickeln ein positives Selbstkonzept durch Essen und Ernährung.
  • entwickeln ein persönliches Ressourcenmanagement und sind in der Lage Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.
  • treffen Konsumentscheidungen reflektiert und selbstbestimmt.
  • gestalten die eigene Konsumentenrolle reflektiert in rechtlichen Zusammenhängen.
  • treffen Konsumentscheidungen qualitätsorientiert.
  • entwickeln einen nachhaltigen Lebensstil.
 

Haus der Bildungsziele und Schlüsselfragen
Die Lernenden stehen als Essende und Konsumierende in ihrem jeweiligen Umfeld im Mittelpunkt und übernehmen Verantwortung für ihre Lebensgestaltung. Die Inhalte und Themen verdeutlichen auch, dass es sich nicht um ein Fachcurriculum, sondern um ein Schulcurriculum handelt. Anknüpfungspunkte für verschiedene Fächer, fachübergreifenden Unterricht und für die Schulentwicklung sind vorhanden. Viele der genannten Themen finden sich bereits in den Lehrplänen der Schulen wieder und stehen beispielhaft für die Vielfalt der möglichen Zugänge.

Die Bildungsziele wurden zudem in Schlüsselfragen übersetzt, die die Kerninhalte besser vorstellbar und erfassbar werden lassen. Diese Ziele und Fragen werden in dem „Haus der Bildungsziele und Schlüsselfragen“ anschaulich dargestellt (Hier als PDF herunterladen.).

Didaktisch-methodische Hinweise

Das Modell des didaktischen Würfels veranschaulicht wichtige Prinzipien der Ernährungs- und Verbraucherbildung nach REVIS.

 
Didaktischer Würfel
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Didaktischer Würfel
Für Lehr- und Lerngelegenheiten können die folgenden drei Ebenen betrachtet werden:
  1. Von welchem Themenfeld ausgehend wird der Unterricht schwerpunktmäßig gestaltet (Ernährung, Gesundheit, Verbraucherbildung)?

  2. Steht das Individuum, das soziale Gefüge (Familie, Peer Group, Klasse) oder stehen gesellschaftliche Zusammenhänge im Mittelpunkt?

    Eine Beantwortung dieser Fragen für Unterrichtsvorhaben ergibt bereits eine Übersicht über die Verteilung und Reichweite der Themen und eine Werteorientierung bezüglich der Verantwortungsbereiche (individuelle oder gesellschaftliche Dimension).

  3. REVIS schlägt vor, die Lernprozesse in diesem Bildungsbereich folgendermaßen zu gestalten:
    • salutogentisch-orientiert (Modell der Salutogenese nach Aron Antonovsky),
    • kompetenzorientiert,
    • lebensbegleitend.
Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften

Ziel des Projektes ist eine Konzentration auf wesentliche Aspekte der Ernährungs- und Verbraucherbildung als Teil der unverzichtbaren Allgemeinbildung. Es geht nicht darum, Lehrerinnen und Lehrer mit neuen Themen und Handlungsfeldern zu belasten, sondern eine Orientierung und Planungshilfe für den Unterricht in den beteiligten Fächern und für die Schulentwicklung zu bieten. In der Ernährungsbildung mit ihrem Alltags- und Lebensweltbezug sind sowohl die Lehrkräfte als auch die Lernenden Essende und verstehen sich womöglich als Expertinnen und Experten bei diesem Thema. Daher ist es für die Lehrenden wichtig, auch ihre eigene Rolle als Essende kritisch zu hinterfragen, um wissenschaftlich fundierte Empfehlungen und Erkenntnisse zu vermitteln. Eine Professionalisierung der Lehrerinnen und Lehrer, vor allem auch in der Lehrerausbildung, ist Voraussetzung für eine Umsetzung und Verankerung der REVIS-Ergebnisse im Schul- und Unterrichtsalltag.

Ein Portfolio, in dem Lehrkräfte ihre eigenen Beweggründe, Bemühungen und Fortbildungen für die eigene Kompetenzentwicklung in der Ernährungs- und Verbraucherbildung dokumentieren können, hat das REVIS-Projekt entwickelt. Das Projekt REVIS wurde von 2003 bis 2005 vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) gefördert und unter Leitung von Professor Helmut Heseker von der Universität Paderborn durchgeführt. Die 2008 gestartete Initiative IN FORM des Bundesgesundheitsministeriums und des BMELV für gesunde Ernährung und mehr Bewegung nimmt die REVIS-Ergebnisse als Basis. Sie soll die schulische Gesundheitsförderung in diesem Bereich voran bringen. Das Kerncurriculum zur Ernährungs- und Verbraucherbildung finden Sie hier als PDF-Datei.

Weitere Informationen zum Modell der Salutogenese nach Aaron Antonovsky erhalten Sie hier

Zur IN FORM-Initiative des Bundes können Sie hier weiterlesen.

Quelle: http://www.evb-online.de/