Bewegte Köpfe – schlaue Köpfe?
Bewegung im Unterricht – bis vor kurzem noch ein absolutes K.O.-Kriterium für guten und effektiven Unterricht. Doch Lernen durch Stillsitzen war gestern. Heute setzen sich immer mehr Experten für mehr Bewegung im Schulalltag ein.
Was sagt die Wissenschaft?
Was Bewegung bewegen kann
Unterricht in Bewegung
Kinder sind keine „Sitzenbleiber“ – sie brauchen Bewegung, gerade auch im Unterricht! Zu diesem Ergebnis kommen wissenschaftliche Untersuchungen immer häufiger. Insbesondere in der Hirnforschung wurde dieser Aspekt in den letzten Jahren immer deutlicher hervorgehoben: Der Zusammenhang zwischen motorischer Aktivität und Lernerfolg ist immens. Doch Bewegung im Unterricht bedeutet keinesfalls, sportliche Höchstleistung vollbringen zu müssen – darauf weist Dr. Dieter Breithecker in zahlreichen Publikationen und Vorträgen immer wieder hin. Er versteht unter dem Begriff „Bewegte Schule“ weit mehr als einen dem Lehrplan entsprechenden Sportunterricht. Der Sportwissenschaftler und Sportarzt fordert vor allem die Integration von Bewegung in den Alltag jedes einzelnen – auch in der Schule! Körperliche Fähigkeiten müssen von klein auf in jedem Alter trainiert werden, denn sie beeinflussen nicht nur unsere Wahrnehmungsfähigkeit und unseren Gleichgewichtssinn. Auch unsere intellektuellen Leistungen hängen eng mit unserem motorischen Können zusammen, so der Experte.
Bildungseinrichtungen, die das Leitbild der „Bewegten Schule“ verfolgen, setzen also nicht allein auf Gesundheitsförderung mit präventiven und kompensatorischen Aspekten. Bewegung im Unterricht ist dem aktuellen Forschungsstand entsprechend auch unter einem entwicklungsfördernden sowie sozio-ökologischen Blickpunkt zu betrachten. Daher steht in diesem Zusammenhang immer öfter auch die Förderung der Lern- und Leistungsfähigkeit der Kinder im Mittelpunkt des Interesses und der Erwartungen von Eltern und Lehrern.
Was sagt die Wissenschaft?
Die wissenschaftliche Untersuchung mit dem Schwerpunkt „Sitzen und Bewegen im Unterricht“ zeigt deutlich, welche Zusammenhänge zwischen körperlichen und kognitiven Tätigkeiten bestehen. Im Rahmen der wissenschaftlichen Untersuchung wurden ausgewählte Klassen sowie entsprechende Kontrollklassen im Grundschulalter in ihren Lernprozessen begleitet.
Die Studienverantwortlichen haben für diese Untersuchung Grundschulklassen gewählt, da von den jungen Schülerinnen und Schülern bereits ein hohes Maß an Konzentration gefordert wird. Dabei wird gerade im ersten Schuljahr schnell deutlich, dass es Kindern in dieser Altersphase häufig schwer fällt, sich mehrere Minuten lang in dem Maße zu konzentrieren, wie es Erwachsene können. Noch immer gilt das Bild vom präsenten, rezeptiven, aufmerksamen und eher motorisch passiv dem kognitiv vermittelten Stoff zugewandten Schüler weitläufig als „Idealschüler“. Motorisch aktive Schüler, die nicht durchweg stillsitzend dem Unterricht folgen, werden hingegen schnell als unkonzentriert wahrgenommen. Dabei kommen wissenschaftliche Untersuchungen häufig zu denselben Ergebnissen:
- Stillsitzende Kinder werden eher als konzentriert und dem Unterricht folgend wahrgenommen, sind dies jedoch meistens nicht.
- Häufig fühlen sich Lehrkräfte aufgrund spontaner motorischer Aktivitäten im Unterricht – wie beispielsweise Kippeln – unwohl.
- Immer öfter leiden Schüler heutzutage an Konzentrationsschwäche.
Darüber hinaus verweisen Wissenschaftler auch immer häufiger auf erhebliche psycho-physische Belastungen der Mädchen und Jungen im Kontext Schule. Wesentliche Gründe hierfür sehen sie insbesondere in den ergonomisch ungünstig gestalteten Arbeitsplätzen sowie im oftmals nur bedingt kindgemäßen Arbeitsverhalten, das schon von den jüngsten ABC-Schützen verlangt wird. Darüber hinaus zeigen bereits Mädchen und Jungen im Grundschulalter vielfältige körperliche Beschwerden, die auf schulischen Stress zurückzuführen sind. Bereits im Jahr 2002 wiesen die deutschen Sportwissenschaftler Professor Dr. Klaus Bös, Dr. Elke Opper und Professor Dr. Alexander Woll im Rahmen ihrer bundesweit angelegten repräsentativen Studie darauf hin, dass 40 bis 70 Prozent aller 1.442 befragten Grundschüler über psychosomatisch bedingte Befindlichkeitsstörungen wie Kopf-, Rücken-, Bauch- und Magenschmerzen, Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafstörungen klagten. Besorgniserregend ist in diesem Zusammenhang vor allem, dass die Häufigkeit der genannten Störungen – mit Ausnahme der Schlafstörungen – im weiteren Grundschulverlauf weiter zunimmt. Ob und wenn ja, in welchem Umfang Schule an dieser Entwicklung mitverantwortlich ist, konnte bisher jedoch noch nicht geklärt werden. Die Experten gehen aber davon aus: Würde Schule allen Kindern (unter Berücksichtigung ihrer jeweils individuellen Lebensbedingungen) tatsächlich einen Lebens-, Lern- und Erfahrungsraum bieten, in dem sich auch die Jüngsten wohlfühlen und in einer freien und befreienden Atmosphäre lernen können, wären die Untersuchungsergebnisse in punkto psycho-physische Befindlichkeit bei weitem weniger dramatisch.
Was Bewegung bewegen kann
Empirische Untersuchungen zu Bewegung in Unterricht und Schule zeigen deutliche positive Effekte im motorischen Bereich der Mädchen und Jungen:
- Die Schülerinnen und Schüler zeigen eine gesteigerte motorische Leistungsfähigkeit sowie eine erhöhte Bewegungskoordination und Haltungsleistungsfähigkeit.
- Ihre Muskelkraft nimmt zu.
Auch im kognitiven Bereich werden Veränderungen deutlich:
- Ihre Konzentrationsfähigkeit und Selbstständigkeit nehmen zu. Soziale Kompetenzen wie Kontaktfähigkeit, gegenseitige Akzeptanz und Integration steigen deutlich.
- Aggressionen nehmen deutlich ab.
- Die aktuelle Befindlichkeit wird positiv beeinflusst.
Darüber hinaus wird durch ein Mehr an Bewegung auch die Schulzufriedenheit sowie die Lernfreude der Mädchen und Jungen positiv beeinflusst.
Anhand von Kontrollgruppen wird deutlich, dass sich ergonomisch unzureichendes Mobiliar und passiv-rezeptives Arbeitsverhalten erheblich auf das Wohlbefinden auswirken können. Die Folge sind nach Einschätzungen von Experten vor allem steigende psychophysische Belastungen der Schulkinder. Diese Belastungsfaktoren begünstigen wiederum frühzeitig Schulstress.
Demnach fördert Bewegung in der Schule nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Weitere positive Effekte sind eine erhöhte Lern- und Leistungsfähigkeit.
Unterricht in Bewegung
Der Schulalltag bietet neben dem regulären Sportunterricht bereits vielfältige Bewegungs-Optionen: Rennen auf dem Pausenhof, Treppensteigen, Klassendienstaktivitäten wie Tafelwischen, sowie häufig auch spezielle Bewegungspausen. Experten bemängeln hierbei jedoch, dass es sich bei diesen motorischen Tätigkeiten immer nur um zeitlich festgelegte Bewegungsräume handelt. Wichtiger als diese zeitlich begrenzten Bewegungsräume sind ihnen vor allem die individuellen Bewegungsmöglichkeiten, die dem individuellen Bewegungsdrang entsprechen. Dr. Dieter Breithecker von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung spricht in diesem Zusammenhang von „Optionen für motorische Aktivitäten, die aber die interindividuellen Unterschiede eines Rhythmisierungsbedürfnisses nicht aufgreifen“. Dieser individuelle Bewegungsdrang äußert sich beispielsweise im Schaukeln mit dem Stuhl, im Spielen mit dem Füller oder durch das Kauen auf dem Bleistift oder an den Nägeln. Auch das Spielen mit den Haaren, ständig wechselnde Sitzhaltungen sowie Räkeln und Strecken deuten auf unzureichende Bewegungsmöglichkeiten hin.
Diese körperlichen Signale haben einen systematischen und regulierenden Effekt: Sie treten auf, wenn aufgrund körperlich-geistiger Statik die Leistungsfähigkeit sinkt. Das bedeutet: Die unbewusst und automatisch ablaufenden motorischen Aktivitäten aktivieren die körperlichen und geistigen Ressourcen und lassen die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler wieder steigen! Wünschenswert wäre demnach beispielsweise ein Mobiliar, das sowohl der Ergonomie jedes einzelnen Schülers entspricht, als auch das starre Sitzverhalten auflöst. Aus Kostengründen bleibt dieser Wunsch an vielen Schulen jedoch häufig unerfüllbar.
Doch Lernen und Bewegung sind nicht allein abhängig von den äußeren Gegebenheiten. Sie als Lehrkraft können im Rahmen Ihrer Unterrichtsgestaltung wesentlich Einfluss darauf nehmen, ob und in welchem Umfang sich die Mädchen und Jungen in Ihrem Unterricht bewegen können. Unterrichtseinheiten mit Projektarbeit, Gruppenarbeit, freiem Arbeiten oder Informationsstationen bieten Schülerinnen und Schülern nicht nur eine willkommene Abwechslung im Schulalltag. Die Kinder und Jugendlichen haben auch die Möglichkeit, sich während des Arbeitsprozesses nach eigenem Bedürfnis bewegen zu können ohne den gesamten Unterrichtsverlauf zu „stören“.
Darüber hinaus ist es durchaus möglich, Unterrichtsstunden nicht ausschließlich am Tisch sitzend abzuhalten. Wie wäre es beispielsweise mit einer Leserunde im Stehen? Vielleicht bietet es sich auch an, eine „Lese-Lounge“ einzurichten. Hierzu reichen in der Regel ein paar (Sitz-)Kissen aus, auf denen es sich die Kinder und Jugendlichen auf dem Fußboden gemütlich machen können, um gemeinsam Texte zu lesen und zu analysieren. Fragen Sie doch einmal in Ihrer Klasse, welche Sitzalternativen sich die Mädchen und Jungen zu dem üblichen Schulmobiliar vorstellen können. Wie wäre es denn mit einem improvisierten Stehpult, Pezzibällen oder Ähnlichem?
Lehrerinnen und Lehrer, die Ihren Schülerinnen und Schülern im Unterricht Alternativen zum traditionellen Lernen bieten und ihnen Raum für Bewegungsmöglichkeiten lassen, berichten erfahrungsgemäß von einer angenehmen Lern- und Arbeitsatmosphäre in der Klasse. So bilden ein kontinuierlicher Wechsel der Sitz- und Arbeitshaltung sowie ein Stehpult wichtige ergonomische Ergänzungen. Diese Form der Unterrichts-Auflockerung trägt wesentlich dazu bei, die Lernfreude der Kinder in den notwendigen Übungsphasen zu steigern und das Üben durch den Methodenwechsel abwechslungsreicher zu gestalten. Die Rhythmisierung des Unterrichts durch einen regelmäßigen Methodenwechsel führt zu einer Reduktion der motorischen Unruhe und zu einem besseren Lernverhalten der Kinder, so die Erfahrung. Diese positive Entwicklung wirkt sich zudem auch auf die Lehrerinnen und Lehrer aus: Sie nehmen sich selbst als wesentlich motivierter wahr und fühlen sich weitaus weniger belastet und gestresst.
Entspannungsphasen und Phantasiereisen können einen ersten Einstieg in Richtung „bewegter Unterricht“ bieten. Wir haben Ihnen einige Anregungen für Entspannungssequenzen im Unterricht zusammengestellt: Entspannung im Unterricht
Darüber hinaus finden Sie hier umfangreiche Anregungen für eine abwechslungsreiche Lern- und Unterrichtsgestaltung.