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Im Gespräch
 
Ich komme gut mit schwierigen Kindern klar
Ich komme gut mit schwierigen Kindern klar
Januar 2010: Wolfgang Bergmann ist ein gefragter Experte, wenn es um verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche geht. Im Interview verrät der Diplom-Pädagoge mehr über seine Arbeit und mit welchen Herausforderungen sich Jugendliche heutzutage auseinandersetzen müssen.

Herr Bergmann, Sie sind Diplom-Pädagoge und leiten das „Institut für Kinderpsychologie und Lerntherapie“ in Hannover. Wie hat sich Ihr Weg dorthin gestaltet?

Oh – lächel – vielfältig. Alles ging von meiner Mitarbeit am Berliner Heimprojekt „Kieferngrund“ aus, Anfang der 70er, geleitet von Martin Bonhoeffer, der zu mir, damals spindeldürr und immer ein schwieriges Buch unter dem Arm, Vertrauen hatte – im Heim lebten hochgefährdete Kinder aus Kreuzberg und Wedding. Bei denen habe ich unendlich viel gelernt und das Selbstvertrauen geschöpft: Ja, ich komme mit diesen richtig schwierigen Kids klar, sie haben Vertrauen zu mir, Gott allein, weiß, warum. Bonhoeffer analysierte so: „Das ist der unbewusste Kontakt der Unangepassten“ – auf seine Formulierung bin ich heute noch ein bisschen stolz, er war ein kluger Mann. Und ich denke, sie stimmt.

Zwischendurch war ich auch mal Global Player in einer amerikanischen Werbe- und Verlagsagentur, sowie in der Konzeptionsgruppe des ZKM in Karlsruhe – europaweit das wichtigste Museum und Forschungseinrichtung für Fragen der Moderne mit Blick auf die digitalen Medien. Seit 15 Jahren nun die Praxis in Hannover, eine freie Praxis, ich mag keine Anbindungen an irgendwelche Institutionen. Ich habe das Privileg, trotzdem ausreichend angefragt zu werden – hier steckt mein Herzblut. Manche Kinder können einen tief berühren, die älteren, die 16- bis 18-Jährigen, nicht weniger als die Kleinen. Meine Bücher sind allesamt aus den Erfahrungen mit ihnen entstanden, auch alle Thesen und wissenschaftlichen Schriften.

Können Sie kurz beschreiben, wie Ihr Arbeitsalltag aussieht?

Kurz ist schwierig, jeder Tag ist anders. Ich bin oft auf Tagungen, auch internationalen, und halte das auch für wichtig. Da lugt wenigstens einer in den universitären und forschungsinstitutionellen Diskurs rein und kommt auch zu Wort – ich bin dabei nicht immer ganz unpolemisch. Mehr Spaß habe ich an Vorträgen für Eltern, ich wundere mich selbst, wie rappelvoll die Säle dann oft sind. Diese Eltern bringen in der weitaus größten Mehrzahl eine erstaunliche Aufmerksamkeit, eine – gibt es das? – mitfühlende Konzentration mit. Mir kommt es sehr auf Sprache an, auf Nebensätze, auf Erfahrungssätze, die ich Eltern weitergeben will. Und, tatsächlich, sie hören zu.

Die Stunden mit Kindern und Eltern in der Praxis sind wichtiger. Aber mehr als drei Stunden mit Kindern, die in Not sind, schaffe ich nicht und mache ich auch nicht. Sie verlangen eine hohes Maß an Konzentration, an Zuwendung. Seelische Nachlässigkeiten sind in diesen Betreuungen, Begleitungen, Behütungen der Kids (ich mag das Wort „Therapie“ nicht) schlicht unzulässig.

Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt in der Lebenswelt „neuer Kinder“ – insbesondere von Jungen. Wie kam es zu dieser Spezialisierung und was reizt Sie an diesem Themenbereich besonders?

Sowas ergibt sich. Für Pädagogen oder Therapeuten oder wer immer mit Menschen arbeitet, stellt sich heraus, dass man für bestimmte Typen von Menschen eine Affinität hat. Die ist dann auch wechselseitig. Ich finde zu Jungen, gerade auch den richtig schwierigen, den kleinen Schlägern und so, spontan Kontakt und die zu mir. Fragen Sie mich bloß nicht, weshalb. Ich erinnere mich aber dann immer an meine Kindheit, ich war auch so!

Die weiblichen Teenies mit Borderline-Symptomen, Selbstverletzungen und Ähnlichem sind eine zweite „Gruppe“, bei der sich dasselbe einstellt. Mit Alkoholabhängigen hingegen komme ich schlicht nicht klar, mit depressiven kleinen Mädchen auch nicht. Das sind Erfahrungen, nicht mehr, nicht weniger. Wenn ich in den Büchern darüber schreibe, merke ich es wieder: Ja, zu den Jungen fällt mir Vieles und auch Neues und Genaues ein, zu Borderline-Symptomen auch (in „Drama des modernen Kindes. Hyperaktivität, Essstörungen, Selbstverletzungen“). Dort bin ich sozusagen seelisch zuhause.

Worin sehen Sie wesentliche Veränderungen der Lebenswelt heutiger Kinder und Jugendlicher, ihrer Eltern und Erzieher?

Die enorme Präsenz der Medien hat die Selbstbilder der Kinder verändert, die gleichaltrigen Gruppen orientieren sich an Kino, Computer und TV. Die Vorbilder, Glücksbilder, die Tagträume, die in den Medien gestiftet werden, prägen das Selbsterleben der Kinder und Jugendlichen. Insofern mühen sie sich ab, ebenso perfekt zu sein, repräsentationssicher. Es ist eine enorm rivalisierende und ego-zentrierte Kultur, in der sie aufwachsen. Die Globalisierung reicht heute mit ihren Auswirkungen bis in die Familien, das Zerreißen gesellschaftlicher Bindungen tut ein Weiteres – moderne Kinder sind oft sehr allein, auch wenn sie in Gruppen oder mit ihren Eltern zusammen sind.

Welchen Einfluss nehmen diese Medien auf die Entwicklung unserer Kinder?

Etwas detaillierter kann man die obige Antwort so ergänzen: Moderne Kinder haben innere Idealbilder, aus der Heidi-Klum-Show oder den coolen Broker an der Börse, sie agieren diese Tagträume teilweise in ihren Chats und so weiter aus: Die Jungen spielen Klein-Jungen-Träume in den Rollen-Online-Spielen. Das Reale, das Gespräch auf dem Schulhof, erst recht die Schule insgesamt, wird für sie immer fremder, bedrängender. Sie machen ihnen Angst, weil sie das innere hybride Ich-Ideal stören, gefährden. Diese seelische Struktur findet man bei den Computerabhängigen ebenso wie bei magersüchtigen Teenagern. Die enorme Faszination der Hyperaktiven für Computerspiele – kaum erforscht! – gehört auch dazu

Jugendlichen wird eine erhöhte Gewaltbereitschaft nachgesagt. Wie werten Sie diese Annahme – unabhängig von aktuellen Ereignissen?

Die kriminologisch erfasste Gewalt sinkt. Die heimliche Gewalt, das Mobben, auch die Aggression gegenüber dem eigenen Körper, die Selbstverletzungen steigen. Zugleich sinkt die Hemmschwelle, anderen Böses zuzufügen, gleichsam einem Verschwinden des sozialen Gewissens. Das ist für jeden, der mit Kindern zu tun hat, offensichtlich.

Sie sind selbst Vater dreier Kinder. Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, Kindern verlässliche Grenzen zu geben?

Mit den „Grenzen“ hab ich es nicht so – das Leben setzt den Kindern fortwährend Grenzen. Wichtiger ist, vor allem dem Vater gegenüber, ein liebevoller Respekt. Respekt, weil die modernen Kinder in einer so unübersichtlichen Welt leben, viel ausgesetzter sind als frühere Generationen. Eltern müssen Bindung und Halt geben, sonst tut es ja keiner. Aber Respekt hat nichts mit altdeutscher Disziplin zu tun – darauf muss man, angesichts eines kalten Windes, der durch die Erziehungspublikationen geht und auch durch manche Familien, unbedingt hinweisen.

Welchen Stellenwert sollten Disziplin, Autorität und Gehorsam überhaupt in der Erziehung einnehmen?

Disziplin brauchen moderne Kinder nicht. Sie wachsen in eine informationstechnologisch geprägte, mediale Realität hinein, die ganz andere Fähigkeiten und Eigenschaften fordert: Kreativität, Einfallsreichtum, geschicktes und rasches Reagieren, ein Offenhalten der Lebenspläne. Unsere Kinder werden nicht einen Beruf und eine durchgängige Lebensgeschichte haben, sondern drei oder vier, parallele, differente.

Gehorsam ist etwas anderes – jedenfalls dann, wenn man ihn so versteht, wie ich das gern formuliere: Das Hören, das Hinhorchen und die Sinne anspannen auf einen wichtigen Menschen, der Sinnhaftes zu sagen weiß, Stützendes. Das ist, wenn man so will, eine Autorität, die aus der Zuneigung des Kindes und seinem Wunsch, nach Geborgenheit in einer unübersichtlichen Welt hervorgeht – ich habe das mal „gute Autorität“ genannt.

Das Präventionsprogramm Sign unterstützt Lehrerinnen und Lehrer bei der Umsetzung ihres Bildungsauftrags in Sucht- und Gewaltprävention. Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, Lehrkräften und Schulen auf diesem Gebiet verlässliche und nachhaltige Unterstützung und Begleitung anzubieten?

Äußerst wichtig. Dabei kommt es aber mehr auf die Persönlichkeit des Lehrers, das Vertrauen zu ihm und eben den „Respekt“ an als auf Programme. Ich stelle mir eine gute Unterstützung und Begleitung immer auch als Stabilisierung der Lehrerpersönlichkeit vor – ist sie nicht überzeugend, helfen alle Aufklärungsarbeit und alle therapieähnlichen Gruppenprojekte nur wenig.

Wo sollten Ihrer Meinung nach zukünftig im Bereich der Gewaltprävention mit Jugendlichen, Lehrern und Eltern Schwerpunkte gesetzt werden?

Gewaltbereitschaft entsteht in der frühen Kindheit – also lautet das allererste Präventionsprogramm: Junge Familien unterstützen, nicht zuletzt finanziell. Wir brauchen mehr Ruhe, weniger Sorgen und weniger finanzielle Ängste bei den Eltern, damit die Kinder Bindung finden in ihren wesentlichen Prägungen von der Geburt bis zum fünften Lebensjahr.

Gewaltprävention ist immer auch eine Frage der Pädagogen, die sie betreiben – ich wiederhole das, weil wir oft gern technokratisch auf Methoden und Programme setzen. Jugendliche und Kinder sind aber nur von Menschen beeinflussbar. Der zentrale Punkt liegt darin, gegenüber dem „sozialen Autismus“ der Kinder, ihrer Unfähigkeit, nicht selber im Mittelpunkt zu stehen, ihrer Ego-Zentrierung, die oft einen stark narzisstischen Charakter hat, und ihrer Kränkbarkeit ein Gegengewicht zu schaffen. Dass Zusammensein Spaß macht, wissen alle Kinder – von Natur aus sind sie Gemeinschaftswesen – viele haben es aber wieder verlernt. Einfallsreich an Kindererfahrungen, wie beispielsweise ihren gemeinsamen Spielen auf dem Kinderspielplatz anknüpfen – darauf reagieren sie. Pädagogen haben oft Angst, zu „kindisch“ zu wirken, aber moderne Kinder sind viel „kindlicher“ und wollen es auch sein, als frühere Generationen. Das Soziale zur Erfahrung machen, wobei Kids sich selber als soziale Wesen wiederentdecken – das ist das Programm. Ob man einen Schulzirkus organisiert oder andere Arten beglückender Gemeinschaft – in jedem Fall lernen Kinder diese Wiederfindung des Sozialen. Sie haben alle ein Bedürfnis danach.

Je weniger „therapeutisch-methodisch“ diese Projekte sind, desto erfolgreicher.

Zu guter Letzt: Als Experte im Bereich Kinder- und Familien-Wissenschaften sind Sie sehr breit aufgestellt. Welche Themen liegen Ihnen dabei besonders am Herzen?

Die moderne Hyperaktivität, die eigentlich eine Art von „Ich kenne mich selber nicht“- und „Ich finde mich in dieser Welt nicht zurecht“-Verfassung schon der Kleinsten ist. Aus derselben „Weltverlorenheit“ und Bindungsarmut gehen auch die Selbstverletzungen hervor, die aber eine Art Gewaltbereitschaft nach innen sind. Latente gestaute Aggressivität, verknüpft mit einem ziellosen gekränkten Zorn, das ist die seelische Basis der beschriebenen Gewaltlatenz. Das ist auch mein wesentliches Thema, und mein tägliches therapeutisch-pädagogisches „Brot“.

Vielen Dank für das Gespräch.