Prävention praktizieren statt diskutieren
Vor zehn Jahren hat Dr. Werner Brinker, Vorstandsvorsitzender der EWE AG, gemeinsam mit Claudia del Valle das Sucht- und Gewaltpräventionsprogramm Sign ins Leben gerufen. Im Interview verrät er, warum EWE seit zehn Jahren diese soziale Verantwortung übernimmt.
ap: Herr Dr. Brinker, am 24. Mai 2010 feiert das von EWE unterstützte Präventionsprogramm Sign sein 10-jähriges Bestehen. Wie stellt sich die Entwicklung aus Ihrer Sicht dar?
Brinker: Die Entwicklung ist aus meiner Sicht sehr positiv verlaufen. Im Jahr 2000 startete das Projekt mit etwa 3.000 Mädchen und Jungen in den Städten Bremervörde, Leer und Oldenburg. Sehr schnell kam dann die Phase, in der die Anfragen weiterer Schulen kaum mehr bewältigt werden konnten. Das zeigte den enormen Bedarf und überzeugte uns, dass wir uns dem Thema Sucht- und Gewaltprävention stellen müssen. Diese Schwerpunkte wurden später durch die Gesundheitsförderung ergänzt – ein ebenso wichtiges Thema mit hohem Handlungsbedarf. Heute sind mehr als 2.000 Lehrerinnen und Lehrer und über 50.000 Schülerinnen und Schüler mit dem Projekt vertraut.
ap: Sie haben in der Vergangenheit immer wieder betont, dass EWE auch soziale Verantwortung für die Region übernimmt. Was bedeutet das für Sie als Konzernchef sowie für den ganzen Konzern?
Brinker: Eine positive Unternehmensentwicklung zeichnet sich durch mehr aus als durch wirtschaftlichen Erfolg. Soziale Verantwortung haben wir natürlich auch in der Region und für unsere Mitarbeiter. Wir können nicht verlangen, dass junge Menschen sich zu verantwortungsvollen, selbstbewussten und leistungsbereiten Mitgliedern der Gesellschaft entwickeln, ohne ihnen diese Grundwerte schon früh zu vermitteln. Sie wollen und sollen später die Chance haben, als Arbeitnehmer oder selbstständiger Unternehmer, als Wissenschaftler oder in anderen Funktionen einen festen Platz in der Gesellschaft zu finden. Diese Jugendlichen sind auch unsere potenziellen Mitarbeiter von morgen. Die Grundlagen für ihren persönlichen Werdegang bekommen sie vor allem in der Schule vermittelt. Sign ergänzt das Bildungsangebot sinnvoll und gezielt im Bereich Persönlichkeitsentwicklung.
ap: Bereits im Jahr 2000 haben Sie sich mit dem Präventionsprogramm Sign der Thematik „soziale Verantwortung übernehmen“ angenommen – heute tun das weitaus mehr Unternehmen als noch vor zehn Jahren. Sie gehören somit zu den Pionieren. Was waren Ihre Motivation und Vision?
Brinker: Das Thema Prävention war vor zehn Jahren noch ein viel diskutiertes, aber vielerorts erst zögerlich praktiziertes Thema. Gleichzeitig waren Fehlentwicklungen wie der Alkoholkonsum von Jugendlichen, aber auch eine zunehmende Gewaltbereitschaft, bereits absehbar. Es gab also keinen Zweifel an einem akuten Handlungsbedarf und zugleich mit Sign einen vielversprechenden, professionellen Weg, dieser Anforderung gerecht zu werden und Lehrerinnen und Lehrer mit Sign zu unterstützen. Allerdings waren zu dem Zeitpunkt weder die Erfolgsaussichten noch die Tragweite unseres Engagements absehbar. Aus reiner Unternehmenssicht hätte es zudem noch andere Bereiche gegeben, die EWE viel öffentlichkeitswirksamer hätten fördern können – allerdings wenige, die so ernsthaft und überzeugend ihrem sozialen Zweck gerecht zu werden versprachen wie Sign. Deshalb gab die persönliche Überzeugung – nicht nur meine, sondern auch die meiner Vorstandskollegen und des Aufsichtsrates von EWE – den Ausschlag, dieses Risiko einzugehen.
ap: Wie wirkt sich die Übernahme sozialer Verantwortung bei EWE aus?
Brinker: Der soziale Zusammenhalt in einem Konzern unserer Größenordnung ist nur gewährleistet, wenn neben der Leistungsbereitschaft auch weiche und soziale Faktoren das Betriebsklima prägen. Ich glaube, das gelingt uns bei EWE ganz gut. Um zum Beispiel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, haben wir eine betriebseigene Kindertagesstätte eingerichtet. Dazu tragen auch flexible Arbeitszeiten oder bei Bedarf Teilzeitregelungen bei. Betreuungsmöglichkeiten bieten auch andere EWE-Unternehmenstöchter wie BTC ihren Mitarbeitern. Solche Rahmenbedingungen zu schaffen, ist das eine. Soziale Verantwortung wird aber auf allen Ebenen gelebt: Vor kurzem haben zum Beispiel am Tag des Ehrenamtes 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Tag lang soziale Einrichtungen mit ihrer Arbeit unterstützt.
ap: Prävention und Gesundheitsförderung brauchen langen Atem, Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit. Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Präventionsprogramms Sign in Hinblick auf die Kooperationen mit Schulen und externen Partnern?
Brinker: Beharrlichkeit sowie vertrauensvolle und partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe kennzeichnen die bisherige Arbeit der agentur prevent. Auf dieser Basis ist in den vergangenen Jahren ein Netzwerk aus Tausenden Beteiligten entstanden, die zum Erfolg der Präventionsarbeit aktiv beitragen. Das spricht für sich. Ich glaube, damit sind auch die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Weiterarbeiten sehr gut.
ap: Ein adäquater und fachgerechter Umgang mit den neuen Medien wird in der heutigen Gesellschaft unter dem Begriff „Medienkompetenz“ vielfach als selbstverständlich vorausgesetzt. Welchen Stellenwert nimmt das Internet Ihrer Meinung nach heutzutage in Kommunikationsprozessen ein?
Brinker: Neue Medien unterscheiden sich prinzipiell nicht von „alten“ Medien. Der Umgang mit Radio, Fernsehen oder Zeitungen will ebenso gelernt sein, auch hierbei gibt es Qualitätsmedien und solche, deren Nutzen äußerst zweifelhaft ist.
Es kommt deshalb vor allem auf einen sicheren und eigenständigen Umgang mit den neuen Medien an – sowohl seitens der Mädchen und Jungen als auch der Erwachsenen, also der Lehrerinnen und Lehrer, Mütter und Väter. Dann bieten neue Medien vielfältige Chancen: Sie vereinfachen zum Beispiel die Kontakt- und Beziehungspflege über weite Entfernungen; PC-Spiele können unter anderem die Hand-Auge-Koordination schulen. Wenn Eltern ihre Kinder vertrauensvoll und kompetent begleiten, schafft das gemeinsame Entdecken der medialen Welt interessantes Kommunikationspotenzial auch innerhalb der Familie.
ap: Das Präventionsportal www.sign-project.de hat sich in den letzten Jahren weit über die Grenzen Nordwest-Niedersachsens etabliert. Warum ist Ihnen die kostenfreie Bereitstellung der Sign-Unterrichtsmaterialien und der Projektinhalte über das Internet wichtig?
Brinker: Über das Internet erreicht Sign eine Zielgruppe, die weit über die 116 beteiligten Schulen hinausgeht. Die qualitativ hochwertigen Materialien und Projektinhalte sind über das Portal für alle verfügbar. So kann das Projekt auch über die beteiligten Schulen hinaus wirken. Denn um die bisherige hohe Qualität weiterhin zu gewährleisten, können keine weiteren Schulen aufgenommen werden.
ap: Zu guter Letzt – gemäß dem Slogan „Gemeinsam Schüler stark machen“: Was ist für Sie persönlich das Besondere am Präventionsprogramm Sign?
Brinker: Das Besondere ist sicher, dass es ohne finanzielle Hilfe staatlicher Institutionen auskommt. Das funktioniert nur, weil sich viele Lehrerinnen und Lehrer persönlich und mit sehr viel Herzblut dafür einsetzen. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle besonders bedanken. Mein Dank gilt aber auch den Schulleitungen sowie den Behörden, die sich ebenso engagiert der Sucht- und Gewaltprävention sowie der Gesundheitsförderung im Rahmen des Präventionsprogramms Sign widmen.
Vielen Dank für die langjährige Unterstützung und für das Gespräch.