Freundschaft
 
Dr. Ann Elisabeth Auhagen
Interview mit Dr. Ann Elisabeth Auhagen zum Thema Freundschaft
Dr. Ann Elisabeth Auhagen, Diplom-Psychologin, ist Privatdozentin an der Freien Universität Berlin und lehrt und forscht dort im Fach Psychologie. Nach einer Ausbildung zur Redakteurin studierte sie Psychologie in Grenoble, Hamburg und Düsseldorf. Nach dem Studienabschluss folgten die Promotion und die Habilitation. Ann Elisabeth Auhagen hat ihre Schwerpunkte in der Sozialpsychologie, der Angewandten Sozialpsychologie, der Pädagogischen Psychologie und der Positiven Psychologie. Besondere Interessengebiete sind: Soziale Beziehungen, Freundschaft, Verantwortung, Kommunikation, Innovation, mitmenschliche Güte.

Was macht Ihrer Ansicht nach Freundschaft aus?

Freundschaft ist eine persönliche, informelle Sozialbeziehung, die einen Wert für die Freundinnen und Freunde hat, die freiwillig ist, einen Vergangenheits- und Zukunftsaspekt und positive Emotionen beinhaltet sowie eine sexuelle Beziehung verneint.

Das Thema Freundschaft scheint noch ein recht junger Forschungsbericht zu sein. Wann hat dieses Thema einen Stellenwert in der Wissenschaft bekommen?

Einen richtigen Aufwind hat die Freundschaftsforschung bekommen im Zuge der Gründung der internationalen und interdisziplinären Forschung über zwischenmenschliche Beziehungen (Personal-Relationship-Forschung) am Ende der 70er Jahre. Die Personal-Relationship-ForscherInnen fanden und finden, dass es wichtig ist, sich der Freundschaft als einer der wichtigsten Beziehungsformen überhaupt zu widmen und sie zu erforschen, wie sie im Alltag geführt wird. Aus diesen Erkenntnisse können Hilfen und Empfehlungen abgeleitet werden.

Wir erleben in unserer Zeit eine Zerrüttung familiärer Beziehungen. Ehen, Liebesbeziehungen zerbrechen. Verändert sich damit auch das Konzept von Freundschaft?

Erst einmal scheint es mir wichtig, nicht zu pauschal von Zerrüttung zu sprechen. Es gibt viele Beziehungen und Familien, die intakt sind. Im übrigen gab es in früheren Jahrhunderten oft gar die "heile" Familie. Um eine Veränderung im Freundschaftskonzept wissenschaftlich zu untersuchen und zu erfassen, bräuchte man eine Studie, die zu verschiedenen Zeitpunkten - etwa seit 1900 alle 20 Jahre - das Freundschaftskonzept der Menschen erfragt. Wie leicht zu sehen ist, wäre eine solche Studie überaus aufwändig, und sie existiert meines Wissens nicht. So basieren Aussagen über die Veränderungen von Freundschaften und Freundschaftskonzepten vornehmlich auf Hypothesen und Spekulationen. Freundschaft war eigentlich immer wichtig und sie ist es auch heute, weil Menschen auf einer freiwilligen und liebevollen Basis zusammen Freude haben, sich unterstützen und gemeinsam lernen möchten.

Die moderne Gesellschaft fordert mehr Flexibilität. Die Individualisierung nimmt zu, Menschen haben weniger Zeit für soziale Beziehungen. Werden dadurch soziale Beziehungen unverbindlicher, oder stärkt diese Entwicklung eher den Wunsch nach "richtiger" Freundschaft?

Der amerikanische Soziologe Eugene Litwak hat geschrieben, dass wir in unserer westlichen Gesellschaft drei Arten von Freundschaften brauchen: Kurzfristige, mittelfristige und langfristige. Zusammen mit Natalie Sammet habe ich diese Freundschaftsarten in einer Studie untersucht, und wir haben herausgefunden, dass sie sich ähneln, jedoch die langfristigen intensiver sind. Ich vermute, dass viele Menschen nach wie vor den Wunsch nach verlässlicher, enger Freundschaft haben. Das Unverbindliche wird wohl eher durch Bekanntschaften abgedeckt.

Sie sprechen ihren Arbeiten vom "Freundschaftsparadox" - der scheinbaren Unvereinbarkeit von Merkmalen der Freundschaft. Einerseits soll Freundschaft Freiheit und andererseits Sicherheit bieten. Dann soll sie schnell kündbar sein und dennoch Beständigkeit haben. Wie kann Freundschaft bei so unterschiedlichen Ansprüchen überhaupt funktionieren?

Mit Freundschaftsparadox meine ich, dass es ein besonderes Merkmal von Freundschaft ist, dass sie so wenige wirklich eindeutige Merkmale besitzt. Es stimmt schon, dass sich Freundschaft zwischen scheinbar widersprüchlichen Polen zu bewegen scheint. Elementar ist die Freiwilligkeit in der Freundschaft, die alles betrifft, den Beginn und das Ende - von schneller Kündbarkeit würde ich allerdings nicht gern sprechen - sowie die Gestaltung der Freundschaft. Das Freiwillige funktioniert besser als Zwang. Im übrigen sollten wir möglichst wenig Erwartungen an unsere FreundInnen haben und uns lieber fragen, wie wir selbst als FreundInnen sind. Das, was wir uns von anderen wünschen, sollten wir selbst geben.


Foto: Marianne Ertelt, Media BOS Berlin