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Fördern und Fordern
 
Jasmin Kaiser
Schulsozialarbeiterin Jasmin Kaiser
Wenn das Werkzeug fehlt - Schulsozialarbeiterin Jasmin Kaiser
Der Weg in den ersten Stock ist düster. Neonleuchten werfen ihr weißlich-trübes Licht in breiten Fluren auf grün-brauen Teppich und Wände, an denen gemalte Bilder hängen. Produkte des Kunstunterrichts: Gesichter, Muster, bunte Farben. Draußen scheint die Sonne. Ein paar Jungen und Mädchen schlendern an der Tür von Jasmin Kaiser vorbei, ein paar Worte werden gewechselt, es wird geflachst, gelacht. Dann geht es schnell auf den Schulhof.

Jasmin Kaiser ist Schulsozialarbeiterin in der Haupt- und Realschule Varel. 26 Jahre jung, klein und zierlich, dunkle lange Haare, schick und modern gekleidet - fast würde auch sie als Schülerin durchgehen. "Ich bin keine Klischeesozialpädagogin", warnt sie gleich lachend vor. Vor zwei Jahren hat sie sich in dem Beratungsraum eingerichtet. Ein Regal mit Spielen, Sessel und Sofa, bunte Bilder und Poster an den Wänden. In den großen Pausen bietet sie Beratungen an. Dann kommen Schüler und erzählen von Problemen zu Hause, in der Schule. Stress mit Freunden. Mobbing. Probleme mit Hausaufgaben. Sie unterstützt die Lehrer in den Dingen, die im normalen Schulalltag untergehen. Die aber die großen Probleme machen.

"Die Aufgabe der Schule besteht nicht mehr nur im Lehren und Bilden. Man muss erst eine Basis schaffen, um zu lehren. Schüler sind früher "gebrauchsfertiger" in die Schule gekommen. Ganz normale Benimmregeln werden nicht eingehalten, die kennen die Kinder teilweise gar nicht. Es geht schon lange nicht mehr um Feinarbeit, sondern darum, Schüler unterrichtsfähig zu machen." Das fängt bei kleinsten Geschichten an. Zum Beispiel der Wortwahl und Tonwahl gegenüber Mitschülern und Lehrern. "Es braucht jemanden, der nur dafür zuständig ist."

Nebenan liegt der "Trainingsraum". Hierher werden Schüler geschickt, wenn sie den Unterricht stören. Sobald hier jemand öfter auftaucht, ist er ein Fall für Jasmin Kaiser. Zusammen wird ein Reflektionsbogen ausgefüllt: Wodurch habe ich gestört, welche Folgen hatte das für den Unterricht, für Mitschüler, wie kann ich das nächste Mal reagieren? Jasmin Kaiser versucht, andere Verhaltensmöglichkeiten aufzuzeigen. "Es fehlt das Werkzeug. Oft fühlen sich die Jugendlichen ungerecht behandelt, das möchten sie dem Lehrer rüberbringen, und machen das auf eine Art, die sie zu Hause, im Fernsehn oder sonst wo aufgeschnappt haben. So kann der Lehrer nicht anders reagieren, als sie rauszuschicken."

Mit Rollenspielen und Videotraining wird das Verhalten analysiert. Neulich hat sie einen Schüler extra provoziert, ein Kollege hat gefilmt. Der Schüler ist - wie erwartet - ausgerastet. Danach haben sie sich die Aufnahme zusammen angeguckt und analysiert: An welchem Punkt hast du für dich gemerkt, du platzt gleich? Was für eine Möglichkeit hättest du gehabt zu reagieren? Was meinst du, wie man dann reagiert hätte auf dich? "Eigentlich sind die Schüler auch immer ganz glücklich, wenn man ihnen anderes Werkzeug an die Hand gibt, weil es für beide Seiten anstrengend ist: für den Schüler, der ohnmächtig ist in seiner Wut und für den Lehrer. Aber auch für die Mitschüler ist es langweilig, zudem bekommt der Lehrer schlechte Laune und so weiter."

Manchmal passiert es, dass eine Schülerin oder ein Schüler seine Nase in Jasmin Kaisers Büro steckt und stolz verkündet: "Frau Kaiser, heute war eine Situation, da hätte ich eigentlich ausrasten müssen. Aber ich habe daran gedacht, was Sie mir gesagt haben und bin ruhig geblieben und habe das nach dem Unterricht geklärt mit dem Lehrer." Diese Momente sind es, die die anderen aufwiegen. Die, in denen es um die existentiellen Dinge geht. Um Schläge zu Hause, um Missbrauch, um Suizidversuche.

Diese Geschichten werden oft erst auf den zweiten Blick sichtbar. Aus ihrer Erfahrung weiss Frau Kaiser, dass sich hinter Verhaltensauffälligkeiten oft familiäre Probleme verbergen, die erst bei intensivem Nachfragen und Hausbesuchen zu Tage kommen. Ein Mädchen, das mit schmerzender Schulter in die Beratung kommt. Und ihr Blick sagt: Frag mich! Jasmin Kaiser versucht, die Situation zu verstehen, einzuschätzen. Das Potential zu nutzen, eine Veränderung herbeizuführen. Und wenn das nicht geht und Selbstgefährdung für den Schüler besteht, die Lösung des Betroffenen zu unterstützen, die meist lautet: Ich will von zu Hause weg. Wie kann ich das anstellen? "Oft heißt es dann: Die Sozialarbeiterin nimmt uns die Kinder weg! Es sieht aber niemand, dass ein Mädchen zuvor mit gebrochenem Schlüsselbein im Krankenhaus lag. Mir geht es allein um das Wohl des Jugendlichen." Oft muss sie in solchen Fällen an andere Stellen weitervermitteln. Viele Fälle werden vom Jugendamt übernommen. Viele brauchen eine Therapie.

Jasmin Kaiser hat Erfahrung mitgebracht, auch mit den "härteren" Fällen. Schon während ihres Studiums arbeitete sie ehrenamtlich als Sozialarbeiterin in ihrer alten Schule in Oldenburg. Ihr Anerkennungsjahr machte sie im Heimbereich. Sie war sehr jung, als sie mit ihrem Studium fertig war. Doch hat sie mittlerweile ihre Rolle gefunden: nah und freundschaftlich mit den Schülern und dennoch Autoritätsperson. Vieles macht sie aus dem Bauch heraus. Viele ihrer Methoden sind unkonventionell. "Ich bin echt. Wenn ich schlecht drauf bin, sage ich das. Wenn ich mich im Ton verfehle, dann entschuldige ich mich. Auch ich bin ein Mensch und mache Fehler." Eine Einstellung, die die Jugendlichen schätzen. Und wichtig in dem Bereich, der fast ausschließlich in der Beziehungsarbeit besteht. Als Halbtürkin, die ihre Laufbahn in der Hauptschule begonnen hat, ihren Realschul- und Fachhochschulabschluss machte, um dann zu studieren, ist sie vielen ein Vorbild. "Auch ich dachte mal, mir bliebe nichts anderes als eine Lehre. Ich bin ein lebendiges Beispiel, dass das nicht stimmen muss."

Ihren Weg als Schulsozialarbeiterin hat sie sich früh gewählt. "Das Studium ist sehr problembelastet. Ich wollte gerne in einen Bereich, der mehr in sich birgt, wo man auch mal was Nettes machen kann mit Jugendlichen." Ihre Stelle an der HRS Varel bringt ihr viel Abwechslung: sie macht Vertretungsunterricht, bietet nachmittags Freizeit-AGs an, neben der Schülerberatung arbeitet sie auch mit Eltern zusammen. Ihre Aufgaben hat sie sich selbst gesucht, sie hat ihre eigenen Methoden entwickelt und probiert immer noch viel Neues aus. "Von jedem sozialpädagogischen Bereich habe ich etwas und bin sehr frei in der Gestaltung. Das finde ich ganz klasse."

Wichtig für ihre Arbeit ist ein guter Kontakt zu den Lehrern. Dieses Vertrauen hat sie sich erarbeiten müssen. "Ich bin für das Wohl der Schüler da. Wenn es ihnen gut geht, läuft es auch im Unterricht gut. Das ist für manche schwer zu verstehen. Jetzt geht es aber schon viel besser als am Anfang. Ich werde mittlerweile überwiegend als Hilfe und nicht als Störer empfunden." Mittlerweile bekommt sie auch viele Hinweise von Lehrern, die sich Sorgen um bestimmte Schüler machen. "Dennoch: ich bin keine Reparaturwerkstatt. Man muss auch bereit sein, selber sein Verhalten zu überdenken. " 

17 "laufende Fälle" betreut Jasmin Kaiser zur Zeit. Das ist relativ wenig. Anfang des Jahres waren es 36. Laufender Fall bedeutet: kontinuierliche Treffen zu einem Problem. Eventuell Hausbesuche, um die Situation besser zu begreifen. Die Zusammenarbeit mit Eltern und Lehrern suchen. Andere Stellen einbeziehen. Abgeschlossen ist ein Fall erst dann, wenn es dem Schüler besser geht, oder er weitervermittelt werden konnte in andere kompetente Hände. "Es gibt immer wieder kleine Dinge, die mich freuen. Zum Beispiel, wenn ich jemanden dazu gebracht habe, mit einer Therapie anzufagen. Insgesamt empfinde ich es jeden Tag als ein großes Dankeschön, dass Schüler zu mir kommen und mir ihr Innerstes preisgeben." Kein Zufall - diesen Umstand kann Jasmin Kaiser mit Sicherheit ihrem ungeteilten Engagement zu gute schreiben.