Bauklötze und Börsenkurse - Hochbegabung bei Kindern
Diplom-Pädagogin Martina Wilkens hat sich auf das Gebiet der besonderen Begabungen (Hochbegabung) spezialisiert. Im Sommer 2001 absolvierte sie ihr Diplom im Bereich der Sonderpädagogik. Dem folgte das Lehramtsstudium für Sonderschulen, welches sie im Sommer 2005 abschloss. Seit November 2005 befindet sich Martina Wilkens im Referendariat. Zugleich ist sie Lehrbeauftragte an der Universität Oldenburg und beschäftigt sich in ihrem Promotionsvorhaben mit der Entwicklung von Unterstützungsformen für Lehrer/-innen im alltäglichen Umgang mit Kindern mit besonderen Begabungen. Weiterhin hält sie in ganz Deutschland Vorträge zum Thema Hochbegabung.
Frau Wilkens, wie definieren Sie persönlich Hochbegabung?
Es ist sehr schwierig, Hochbegabung kurz und knapp zu definieren. Das heißt, was eine Gesellschaft in Bezug auf ihre Normen und Werte als Hochleistung ansieht, wird vielfach gleichgesetzt mit Hochbegabung. In einem Land wird jemand als hochbegabt definiert, weil er derjenige ist, der am besten Wasser suchen kann und Wasser Hauptnahrungsmittel und damit notwendig zum Überleben ist. In einer anderen Gesellschaft kann das jemand sein, der fit ist in Computertechnik und in der Lage, jegliches Problem zu lösen.
Hochbegabung im Allgemeinen erfasst eher den Bereich, sich auf neue Gebiete sehr schnell einstellen zu können, ohne dass dafür Erfahrung sondern das Erkennen von Beziehungen das Wesentliche ist. Ich persönlich definiere Hochbegabung als Fähigkeit, sich schnell in neuen Situationen zurecht finden zu können und dies wirklich durch das Erkennen von Beziehungen.
Wie oder wodurch entsteht Hochbegabung?
Es gibt zwei Richtungen in der Wissenschaft. Die eine forciert immer noch die Idee, dass Hochbegabung vererbt wird. Die andere Richtung präferiert den Ansatz, dass sie im Laufe des Lebens erworben wird. Ich sage: Es ist eine Kombination aus beidem.
Vielfach ist es so, dass wir Hochbegabung gar nicht wahrnehmen, sie aber dennoch vorhanden ist. Hochbegabung ist wie ein Potenzial, das ich erkennen muss. Stellen Sie sich einen Schüler vor, dessen gute Leistungen nicht honoriert werden. Stattdessen bekommt er immer zu hören: "Ach, der Streber schon wieder. Was hat der denn schon wieder zu sagen? Muss der schon wieder seinen Mund aufmachen?" Dann fehlt die Motivation zu zeigen, was man kann. Deswegen kann dieses Kind möglicherweise aber trotzdem hochbegabt sein, zeigt es jedoch nicht.
Ab welchem Alter lässt sich denn Hochbegabung erkennen? Gerade Kleinkinder sind ja auch sehr unterschiedlich in ihrer Entwicklung.
Aber sind es nicht größere Kinder auch? Ich habe in Hannover ein Praktikum in einem Kindergarten gemacht. Da war ein Junge, drei Jahre alt, der kam morgens mit der Frankfurter Allgemeinen im Arm, breitete sie aus, holte die Börsenberichte heraus und diskutierte sie mit dem Jungen, der neben ihm saß. Nachdem sie das alles besprochen hatten, packten sie die Zeitung weg und widmeten sich den Bauklötzen.
Das war enorm auffällig. Ich bin in diesen ersten Wochen immer nur mit offenem Mund durch diese Einrichtung gelaufen. Ich war die einzige. Kein anderer hat sich daran gestört. Das war in dieser Einrichtung normal.
Deswegen ist dieses "ab wann" ganz schwierig. Häufig ist es so, dass mit Eintritt in die Schule plötzlich Schwierigkeiten auftauchen, die vorher nicht da waren. Schule strebt an, Chancengleichheit zu ermöglichen. Ich habe aber das Gefühl, wir versuchen nur, etwas in der Mitte anzugleichen. Das heißt, wir ziehen die, die nicht mitkommen, hoch und bremsen die, die schon schneller sind. Das sind diejenigen, um die ich mich nicht auch noch kümmern muss. Die sind ja schon so weit.
Die Vermutungen, irgendetwas machen zu müssen, beginnen mit dem Schuleintritt. Im Kindergarten ist es so, - auch auf Grund der Altersmischungen innerhalb der Gruppen - dass häufig noch nicht so große Probleme auftreten: Gerade, wenn unterstützt wird, was das Kind macht. Es sei denn, Sie sind in einem Kindergarten, wo es heißt: "Man liest nicht. Das kommt erst in der Schule dran. Im Kindergarten wird gespielt und nicht gelesen." Dieser Aspekt, dass der Ernst des Lebens noch früh genug beginnt, ist fatal. Die Kinder begeben sich dann in eine Warteschleife, in der sie nicht tun können, was sie wollen.
Dieses Risiko ist aber noch viel größer nach Schuleintritt. Wir haben ja immer noch diese starre Altersbindung, die ich sehr schlecht finde. Kleine Vorschau: Thema Entdecken. Es geht darum: Jetzt geht lernen los. Dass sie ja eigentlich schon früher sehr viel mehr gelernt haben, ist ihnen nicht bewusst. Schule ist ein Synonym für Lernen. Dann stehen sie da und nichts passiert. Alles, was dort passiert, wissen sie schon. Es kommt nichts Neues und es kommt möglicherweise auch noch der Kommentar: "Ich weiß, dass du es weißt, deswegen nehme ich dich jetzt nicht dran. Stellen Sie sich die Situation vor. Es ist tödlich für jedes Kind. Schulfrust taucht auf, es entstehen Störungen, die dann Handlungsdruck mit sich bringen, herauszufinden, was da ist.
Aber dann gibt es noch das gefährliche, dass vermehrt in die andere Richtung geschaut, dass das Kind überfordert wäre, vielleicht noch zu jung ist, einfach nicht schulreif ist. Es treten soziale und emotionale Defizite augenscheinlich auf, weil derjenige herumkaspert, den Klassenclown macht, stört oder aggressiv wird. Das sind Zeichen, die sagen: "Es geht so nicht, ich brauche Hilfe, tut etwas!" Ich habe in dem Moment, wo ich solche Zeichen anzeige, Aufmerksamkeit. Sofort ist ein Lehrer bei mir, auch wenn diese Aufmerksamkeit negativ ist. Es ist völlig egal: Ich habe Aufmerksamkeit, jemand kümmert sich um mich. Dann mache ich doch weiter damit. Dann bin ich halt der Klassenclown oder der Blöde in der Klasse. Das macht mir nichts. Hauptsache, ich kriege Aufmerksamkeit.
Gefährlich ist es nur, dass wir so in einen Teufelskreis kommen, in eine Abwärtsschraube. Es ist nirgendwo so eine hohe Überweisung an Förderschulen wie in der Grundschule. Nach der Klasse zwei wird der höchste Prozentanteil von Schülern in eine Förderschule überwiesen. Gucken Sie mal an Förderschulen, speziell für Lernen und Erziehungshilfe, was dort für Kinder sitzen. Ich habe schon mehrfach dort Kinder getroffen mit einem getesteten hohen IQ, die eben auf Grund von diesen hohen Verhaltensauffälligkeiten dort waren, weil sich Lehrer einfach nicht zu helfen wissen. Und ich kann keinem Lehrer einen Vorwurf machen, weil es nicht Gegenstand der Ausbildung ist. Man muss sich nicht damit beschäftigen, wenn man nicht möchte.
Kann man überhaupt sagen, wie viele hochbegabte Kinder es in Deutschland gibt?
Man findet in der Literatur immer wieder Zahlen. Die schwanken zwischen zwei und vier Prozent und das sind ganz schön viele. Wenn man sich überlegt, in einer Grundschule, in der vielleicht vierhundert Schüler sind, haben sie also zwischen acht und sechzehn Schüler. Wo sind die? Wer achtet auf diese Kinder? Wo bleiben die?
Es ist wirklich so, dass diese Zahl unterschätzt wird. Wenn wir uns einmal die Förderschüler anschauen: Der Anteil der Förderschüler in der gesamten Schülerschaft liegt bei sieben Prozent. Das sind also ungefähr vierhundertvierzigtausend Schüler. Nehmen wir nur mal an, die Hälfte davon, also dreieinhalb Prozent an der Gesamtschülerschaft - ungefähr 200 000 Schüler - , sind hochbegabt: Wo bleiben die? Wo fallen sie auf? Sie fallen nirgendwo ins Gewicht. Es gibt zwar inzwischen zahlreiche Internate für Hochbegabte. Aber auch die können auf keinen Fall diese Massen, die aufgrund dieser theoretischen Zahl da sein müssten, in irgendeiner Form aufnehmen. Die müssen sich dann also wirklich in den regulären Schulen aufhalten und halt entweder dort in der Masse untergehen, leicht mitschwimmen, oder Förderschulen aufsuchen.
Gibt es dabei Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen?
Man kann sagen, dass Jungen eher auffallen. Jungen zeigen ihren Unmut darüber, dass sie nicht wahrgenommen oder erkannt werden nach außen durch aggressives, clownhaftes Verhalten. Einfach durch das Nicht-in-sich-Hineinfressen sondern durch Rauslassen.
Was machen dagegen Mädchen vermehrt? Sie beziehen die Abneigung, die sie verspüren, auf sich selbst: "Es muss ja irgendetwas mit mir nicht stimmen. Ich ziehe mich zurück, beobachte erst einmal, schlucke alles in mich rein und warte ab, was passiert." Das heißt, Mädchen legen vermehrt ein sehr diplomatisches Verhalten an den Tag und nehmen sich dabei ganz stark zurück.
Deswegen tauchen auch Mädchen in Beratungsstellen, die sich mit der hohen Begabung beschäftigen, nur im Verhältnis eins zu drei auf. Einfach, weil für viele Eltern und Erziehungsberechtigte der Anlass gar nicht gegeben ist. Sie nehmen gar keine Störung wahr. Jungs hingegen werden vielfach sehr auffällig, auch nach außen hin, so dass man irgendwann sagt: "Das ist so nicht mehr tragbar. Wir müssen hier etwas machen." Daraufhin sucht man Beratungsstellen auf, wodurch dann auch eher mal in diese Richtung geguckt werden kann.
So platt wie es auch klingen mag: Es ist immer noch so, dass das männliche Geschlecht in unserem Land, was die Bildung angeht, eher ein höherer Wert oder auch ein höheres Potenzial zugesprochen wird, das man fördern muss. Schauen Sie sich Managerpositionen an oder auch Professorinnen bei uns an der Universität. Wie hoch ist der Anteil von Frauen und Männern? Und das liegt nicht daran, dass die Männer klüger sind, sondern daran, dass sie einfach ein anderes Verhalten an den Tag legen. Deswegen erhalten sie sehr viel eher Hilfe, weil dann auch sehr viel eher das Risiko besteht, in Förderschulen überwiesen zu werden. Gerade in Förderschulen für Erziehungshilfe ist der Anteil der Mädchen sehr gering. Er ist nicht einmal eins zu zehn. Das heißt, Jungs haben immer noch häufig die Möglichkeit, viel schneller auf ihre Problematik aufmerksam zu machen. Mädchen haben unter Umständen einen längeren Leidensweg mit sehr viel größeren persönlichen Beschwerden. Die zeigen sich auch in psychosomatischen Störungen. Mädchen erscheinen in den Studien auch höher selbstmordgefährdet in diesem Zusammenhang.
Sollte es in der Förderung von Hochbegabten auch geschlechtsspezifische Unterschiede geben?
Generell präferiere ich immer geschlechtsspezifische Differenzierung. Denn es ist so, dass wir Unterschiede haben, in dem, was Kinder brauchen. In einem gewissen Alter ist es auch ganz gut, möglicherweise einzelne Unterrichtsstunden geschlechtsspezifisch abzuhalten, weil sich Kinder so vielleicht mehr trauen. In einem gewissen Alter achten die Kinder stark darauf, was das andere Geschlecht von einem denkt und dadurch reglementiert man sich möglicherweise sehr stark. Der Austausch ist immer wichtig. In gewissen Situationen gleichgeschlechtlich zu arbeiten, kann sehr förderlich sein.
Ich bin allerdings nicht für diese Dogmatismen wie "Wir machen Mathe und Deutsch und Sport in einen gewissen Alter ausschließlich getrennt." Das finde ich ganz fürchterlich und hätte das für mich, wenn ich an meine Schulzeit denke, auch nie gewollt. Ich hätte nie auf eine Mädchenschule gewollt. Das sind so Dinge, bei denen ich denke, dass man auch da einen gesunden Kompromiss finden kann. Ich finde geschlechtsspezifischen Unterricht, den ich dann ja auch nur mit Mädchen mache, sehr erbaulich - auch für mich, weil ich in diesem Moment auch einen anderen Blick auf meine Schüler habe. Dadurch ermögliche ich mir auch Perspektiven, die ich vielleicht in einem gemischten Unterricht so nicht wahrnehme. Das heißt, es kann sehr, sehr förderlich sein, so etwas zu machen.
Sie bauen gerade an der Universität Oldenburg ein Projekt zum Thema Hochbegabung auf. Worum handelt es sich dabei genau?
Wir haben letztes Jahr im Juli unter der Schirmherrschaft der Fakultät I im Bereich der Sonderschulpädagogik die Arbeitsstelle Hochbegabung und Schulversagen gegründet. Doch wir stoßen auf sehr viele organisatorische Barrieren. Es ist einfach weder der Platz da, noch finanzielle Ressourcen, so dass wir uns momentan aus einer kleinen Gruppe - vorwiegend Studierende - zusammensetzen, die versuchen in diesem Bereich ihre Examens- und Diplomarbeiten zu schreiben.
Unser Ziel ist es, wirklich als Anlaufpunkt an der Universität zu fungieren - für Lehrer, Studierende, Betroffene und Schüler. Wir möchten ein zentraler Dreh- und Angelpunkt sein. Für Fragen, für mehr Informationen und auch für die Weiterleitung, wenn eine Diagnostik erforderlich sein sollte, weil man sich einfach an einem Punkt befindet, wo man Klarheit haben muss. Das heißt, wirklich wie eine Schlüsselstelle zu sein, wo auch Schulen sich Rat holen können und wo Fortbildungen organisiert werden.
Wie erleben Sie Eltern hochbegabter Kinder?
Es gibt diese große eigene Angst, sich schämen zu müssen, ein hochbegabtes Kind zu haben. Sie glauben gar nicht, wie oft Eltern mich kontaktieren und mir sagen: "Machen Sie mein Kind wieder normal" Das geht so nicht. Da muss doch irgend etwas passieren. Genau solche Situationen haben Sie dann auch, wenn Sie solch ein Angebot machen. Das heißt, diese Hemmschwelle zu überwinden, einfach hinzugehen und zu sagen "Hallo, ich brauche Informationen. Ich komme einfach nicht weiter." Das dauert enorm lange. Der Leidensdruck muss wirklich hoch sein bevor man sich traut, diesen Schritt zu tun. Sie glauben gar nicht, wie lange vielfach Eltern an dieser Problematik, sofern es überhaupt eine ist, herumdoktern, was für Therapien diese Kinder schon gemacht haben, bevor überhaupt erst einmal das, was ich eigentlich schon lange im Kopf habe wirklich angegangen wird. Und wer ist der Leidtragende? Das Kind.
Deswegen sage ich einfach: Wir müssen sehr viel früher anfassen. Wir müssen Erzieher und Lehrer dazu bekommen, sich mit der Thematik auseinander zu setzen, damit sie Eltern dann Hilfestellung geben könne. Dann kommen wir gar nicht erst in diese Bredouille, dass das Kind - noch nicht mal in der Schule - möglicherweise schon drei bis vier Therapien gemacht hat und keine Besserung eingetreten ist. Ganz im Gegenteil: Es wird immer schlimmer mit jeder Therapie, die hinzukommt, weil ich immer merke: "Keiner kann mir helfen. Ich muss was ganz Schlimmes haben, weil keiner mir helfen kann."
Wenn sich das manifestiert, sind Sie an einem Punkt, den Sie ganz, ganz schwer wieder beseitigen können. Dann geht es auf alle Fälle nur, wenn sie positiv anfangen und nicht noch wieder auf irgendwelchen Defiziten herumreiten. Stellen Sie sich vor, Sie als Erwachsener kriegen in ihrem Arbeitsverhältnis immer nur gesagt: "Das und das müssen sie aber noch mal machen. So geht das nicht." Und sie erhalten nie Lob für Dinge, die sie gut gemacht haben. Das frustriert und nagt an ihrem Selbstwertgefühl. Und bei Kindern ist es noch viel schlimmer, weil sie gar keine Vergleichsmöglichkeiten haben. Sie sehen nur sich und erfahren: "Mit mir ist etwas falsch." Wir wollen mit Informationen einfach die Möglichkeit geben, mehr darüber zu erfahren. Das heißt, Prävention zu leisten, und nicht erst anzusetzen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.
Danke für das Gespräch.