Die Suche nach sich selbst
Mädchen und Jungen sind im Laufe ihrer Jugendzeit auf der Suche nach sich selbst. In diesem Prozess stehen sie vor unterschiedlichen Entwicklungsaufgaben, die sie selbst, aber auch ihr soziales und gesellschaftliches Umfeld an sie heranträgt. Diese gilt es zu bewältigen.
Sind die Eltern schuld?
Kriterien des Erwachsenseins
Zu bewältigende Entwicklungsaufgaben
Wann ist man erwachsen?
Eine Vielzahl von Rollen und Positionen
Identität finden durch Exploration und Verpflichtung
Professor Dr. Malte Mienert, Entwicklungs- und Pädagogischer Psychologe an der Universität Bremen, arbeitet zu den Schwierigkeiten von Jugendlichen heute erwachsen zu werden. Bevor Mädchen und Jungen das Ziel der eigenen Identitätsfindung erreichen, stehen sie vor einem langen Weg der Entwicklungsaufgaben.
Sind die Eltern schuld?
Mädchen und Jungen machen es ihren Eltern nicht immer leicht. Bereits der alte griechische Philosoph Sokrates, der etwa 400 Jahre vor Christi Geburt lebte, sagte: "Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. " Allein dieses eine Zitat zeigt, dass es schon immer Reibungspunkte zwischen Jugendlichen und Erwachsenen gegeben hat. Das ist gut so, denn durch Reibungspunkte entstehen neue innovative und kreative Ideen.
Für viele Mütter und Väter ist die Jugendphase der Mädchen und Jungen nicht immer leicht, deshalb sollte eine größere Offenheit bestehen über Probleme zu sprechen. So wird den Eltern der Druck genommen, denn sie müssen sich nicht selten vor ihrem Umfeld rechtfertigen, warum ihre Kinder sich beispielsweise die Haare rot färben, die Schule abbrechen und nicht das Abitur zu Ende machen, nur noch schwarze Kleidung tragen oder an Familienfeiern lieber zu Hause bleiben. Nicht selten geraten Mütter und Väter in eine "Eltern-Schuld-Hypothese". Sie sind verantwortlich für ihre Kinder, sie haben sie erzogen und somit alleinige "Schuld" an ihrem Verhalten. Dabei wird häufig vergessen, dass Kinder ihren eigenen Kopf besitzen, dass sich die gesellschaftlichen Anforderungen an die Mädchen und Jungen wandeln und auch der Freundeskreis das Verhalten der Jugendlichen beeinflusst.
Kriterien des Erwachsenseins
Jugend ist ein individuelles Entwicklungsstadium, das jedes Mädchen und jeder Junge unterschiedlich durchläuft. Die Altersgruppen und Cliquen stehen unter einem zeitgeschichtlichen Wandel.
Jugend kann auf unterschiedliche Arten definiert werden. Nicht selten wird Jugend über biologische Kriterien bestimmt, wie beispielsweise den ersten Samenerguss oder die erste Menstruation. Eine weitere Definitionsmethode sind die Marburger Richtlinien von 1953. Nach diesen Richtlinien sind Mädchen und Jungen im Alter von 14 bis 17 Jahren Jugendliche - ab dem 18. bis 21. Lebensjahr gelten sie als Heranwachsende. Diese Definition findet Anwendung in juristischen Bereichen. Eine weitere Unterscheidungsmöglichkeit bieten sozialhistorische Kriterien. Dies ist beispielsweise die Konfirmation oder Firmung. Bei Naturvölkern finden beispielsweise Übergangsrituale statt die aus Angst-, Ausdauer- oder Schmerzproben bestehen.
Von jugendlichen Mädchen und Jungen wird von der Gesellschaft ebenfalls gefordert, erwachsen zu werden. Dabei besteht für Jugendliche eine große Unsicherheit darüber, woran sie sich orientieren sollen, denn ihnen steht eine Vielzahl von Möglichkeiten offen.
Zu bewältigende Entwicklungsaufgaben
Die Entwicklungsaufgaben vor denen Jugendliche stehen sind vielfältig. Zum einen sind es gesellschaftliche Forderungen, die an sie herangetragen werden, zum anderen haben sie eigene Wünsche und Ziele. Hinzu kommen biologische und körperliche Veränderungen. Diese Aufgaben müssen sie wahrnehmen und versuchen zu bewältigen.
Konkrete Entwicklungsaufgaben zu benennen ist schwierig, denn viele Modelle scheinen veraltet. Typische Entwicklungsschritte sind der Aufbau neuer und reifer Beziehungen zu beiden Geschlechtern, die Übernahme einer weiblichen oder männlichen Geschlechtsrolle, Akzeptanz des eigenen Körpers, berufliche Karriere und Vorbereitung auf Ehe- und Familienleben, ein Wertesystem entwickeln, das als Leitfaden für das Verhalten dient, die Ablösung vom Elternhaus und finanzielle Unabhängigkeit sowie der Beginn einer Partnerschaft und erste sexuelle Erfahrungen.
Wann ist man erwachsen?
Heute besteht eine Unsicherheit oder Unklarheit darüber, wann man dieses "Ziel des Erwachsensein" erreicht hat. Waren früher finanzielle Unabhängigkeit und die Gründung einer eigenen Familie Kriterien für Erwachsensein, so sind diese Kriterien heute kaum noch gültig, entschließen sich doch viele Paare kinderlos zu bleiben. Zudem sind viele junge Erwachsene durch die schwierige Lehrstellen- und Arbeitsmarktsituation auch mit Mitte 20 noch nicht finanziell unabhängig. Heute suchen Jugendliche nach Anhaltspunkten, diese können sein: Auto fahren, der erste Personalausweis, Ausgehen dürfen, Bärte wachsen lassen. Wegen der unklaren Anhaltspunkte versuchen einige Jugendliche ihr Erwachsensein durch Rauchen, Alkohol trinken oder Schwangerschaft darzustellen.
Eine Vielzahl von Rollen und Positionen
Die Frage "Wer bin ich wirklich?" beschäftigt Jugendliche und junge Erwachsene ebenso wie Mütter und Väter. In einer Person sind mehrere Identitäten miteinander vereint, die sich im Laufe der Zeit entwickeln. So sind wir auf der einen Seite in einem großen Unternehmen angestellt und haben dort eine bestimmte Rolle oder Identität. Wir sind gleichzeitig Mutter oder Vater sowie Tochter oder Sohn unserer eigenen Eltern. Wir sind Trainer beim Heimatverein, aktiv in einer politischen Partei und singen im Kirchenchor mit. Zudem leben wir in einer Paarbeziehung. Die eigene Identität teilt sich somit in unterschiedliche Bereiche, in denen wir verschiedene Rollen oder Positionen einnehmen. Auch dies erschwert Jugendlichen die Suche nach sich selbst.
Identität finden durch Exploration und Verpflichtung
Bei der Identitätsfindung durchlaufen Mädchen und Jungen unterschiedliche Phasen, in denen sie experimentieren und unterschiedliche Identitätsangebote erproben. Dabei können Mädchen und Jungen unterschiedliche Formen von Identität wahrnehmen. Probieren sie viel aus und entwickeln im Anschluss daran eine hohe Verpflichtung gegenüber dieser Identitätsform, bezeichnet man dies als "erarbeitete Identität". Hat ein Jugendlicher beispielsweise viele Sportarten ausprobiert, bis er letztendlich beim Hockey gelandet ist und schwört nun seiner Mannschaft absolute Treue, hat sich der Jugendliche eine "Hockey-Identität" erarbeitet. Wird hingegen wenig ausprobiert und ist man mit wenig Herzblut dabei, dann spricht man von einer "diffusen Identität".
Diffuse Identitäten gibt es nicht nur bei Mädchen und Jungen, sondern auch bei Erwachsenen.
Über die Entwicklung von Mädchen und Jungen hat Professor Dr. Malte Mienert einige Thesen aufgestellt, wie beispielsweise:
- Menschen werden erwachsen, aber sind es wohl nie.
- Typisch jugendliches Verhalten ist ein Ausdruck des unklaren Erwachsenenstatus.
- Die Pluralität von Lebensentwürfen erschwert die Identitätsfindung, statt sie zu erleichtern.
Die Suche nach sich selbst und der Weg ins Erwachsenenleben scheint in der heutigen Gesellschaft gar nicht einfach. Denn es gibt keine klaren Anhaltspunkt, wann man erwachsen ist. Professor Dr. Malte Mienert fragte die Mütter und Väter während seines Vortrags auf der 3. Eltern-Universität, ob sie sich erwachsen fühlen. Die Mehrheit antwortete: "Ein klein wenig."