Gewalt
 
Emotionale Nähe statt Gewalt
Emotionale Nähe statt Gewalt
Jugendlichen Straftätern fällt es häufig schwer, sich in ihr Gegenüber hineinzuversetzen. Empathieförderung kann hingegen gewaltpräventiv wirken, so die Ergebnisse einer psychologischen Untersuchung. Wie Sie diese Fähigkeit bei Ihrem Kind fördern können, erfahren Sie hier.

Emotionale Defizite

Die Entwicklung reflexiver Kompetenz

Der Zug ist niemals abgefahren

Warum ein Mensch straffällig wird, ist nicht so einfach zu beantworten. Mit Sicherheit spielen dabei viele Faktoren eine Rolle. Die Psychologin Svenja Taubner von der Universität Kassel hat lange Zeit mit jugendlichen Straftätern gearbeitet. Im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs hat sie als Vermittlerin mit den Betroffenen über das Vorgefallene gesprochen und gemeinsam versucht, eine Lösung für den Konflikt zu finden.

Emotionale Defizite

Im Laufe ihrer Arbeit hat Svenja Taubner festgestellt, dass jugendliche Straftäter oft große Schwierigkeiten damit haben, sich emotional mit dem eigenen Verhalten und dessen Auswirkung auf andere auseinanderzusetzen. Das heißt, es fällt ihnen schwer, die Ursachen für ihr eigenes Handeln zu begreifen und welche Gefühle dieses bei anderen auslöst. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von einer mangelnden reflexiven Kompetenz. Mit reflexiver Kompetenz ist die Fähigkeit gemeint, zu verstehen, warum andere Menschen oder man selbst etwas Bestimmtes tut. Das heißt, man erkennt die Wünsche, Gefühle oder Ziele, die hinter dem eigenen oder dem Verhalten anderer stehen.

Die Entwicklung reflexiver Kompetenz

Mit reflexiver Kompetenz wird man nicht geboren. Sie ist erlernbar. Experten gehen davon aus, dass die Fähigkeit im Laufe der ersten Lebensjahre grundgelegt wird. Sie entsteht im Kontext einer engen emotionalen Bindung. In der Regel ist das die Beziehung des Kindes zur Mutter oder zum Vater. Indem die Bezugsperson die Gefühle und Absichten seines Handelns reflektiert, versteht und ihm diese spielerisch widerspiegelt, lernt das Kind nach und nach, seine eigenen Befindlichkeiten zu verstehen. Wichtig dabei ist, dass die Handlung des Kindes übertrieben widergespiegelt wird, wie beispielsweise bei der Babysprache: Das Kind lächelt und sagt „Da!“. Die Mutter lächelt noch stärker und wiederholt das Wort „Da!“ in gesteigerter Form. Dadurch erlebt das Kind, dass es sich um die Darstellung seines Gefühls handelt. Es lernt den Unterschied zwischen seinem Gefühl und den Gefühlen anderer kennen und entwickelt nach und nach reflexive Kompetenz. Eltern tun das in der Regel automatisch und ohne darüber nachzudenken. Haben sie früher Ähnliches erlebt, verfügen sie gewissermaßen über das „Repertoire“.

Problematisch wird es, wenn Eltern das Verhalten ihres Kindes nicht richtig interpretieren. Wenn das Baby beispielsweise an den Haaren der Mutter zieht und diese denkt, das Kind tue das mit böser Absicht. Spiegelt die Mutter dem Kind nun wider, es sei böse, entwickelt dieses schon früh die Vorstellung, es selbst sei böse - denn Kinder übernehmen die Bedeutung ihrer Handlung, die die Eltern ihnen zuschreiben. Im Falle von Gewalterfahrungen kann es sogar passieren, dass Kinder ganz aufhören zu reflektieren, um sich selbst zu schützen. Die Entwicklung der reflexiven Kompetenz wird in diesem Fall erheblich blockiert.

Svenja Taubner hat in ihrer Untersuchung herausgefunden, dass straffällige Jugendliche, die eine geringe reflexive Kompetenz aufweisen, nach einer Behandlung durch den Täter-Opfer-Ausgleich wesentlich häufiger rückfällig werden. Jugendliche, denen es gelingt, sich emotional mit dem auseinanderzusetzen, was sie getan haben, sind hingegen nicht rückfällig geworden. Um Straftaten im Voraus zu verhindern ist es demnach sinnvoll, reflexive Kompetenz durch gezielte Maßnahmen zu fördern, so die Psychologin.

Der Zug ist niemals abgefahren

Durch alle Entwicklungsphasen hinweg können Sie Ihrem Kind bei der Entwicklung der reflexiven Kompetenz helfen. Dabei ist ein spielerischer Umgang mit ihm besonders wichtig. Das beginnt bereits im Säuglingsalter mit den Lächelspielen zwischen Mutter und Kind: Das Kind lächelt der Mutter zu. Die Mutter lächelt zurück. Das tut sie in der Regel automatisch und spiegelt dem Kind damit sein eigenes Verhalten wider. Doch auch wenn Kinder älter werden, können Sie viel durch das gemeinsame Spiel lernen. Im Zusammenhang mit der Entwicklung von gewalttätigem Verhalten sind Spiele im aggressiven Bereich besonders wichtig. Wenn der Vater mit dem Sohn beispielsweise Cowboy und Indianer spielt, der Sohn auf den Vater schießt und der Vater in übertriebener Weise umfällt, wissen beide, dass dies nur gespielt ist. Das Kind lernt hierbei den Unterschied zwischen Realität und Phantasie.

Auch wenn die Entwicklung der reflexiven Kompetenz in den ersten Lebensjahren grundgelegt wird, kann sie später noch erlernt werden. Dabei ist immer der Beziehungskontext von zentraler Bedeutung:

  • Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass Sie sich für seine Belange interessieren.
  • Hören Sie ihm zu und versuchen Sie, seine Beweggründe zu verstehen.
  • Kinder und Jugendliche brauchen das Gefühl, dass sie und ihre Befindlichkeiten ernstgenommen werden.

Mehr über die Arbeit der Diplom-Psychologin Svenja Taubner erfahren Sie hier.