Gewalt
 
Trauriges Kind
Keine Gewalt gegen Kinder!
Kinder sollen in ihrem Leben weder zu Opfern von Gewalt noch zu Tätern werden. Erfahren sie von ihren Eltern Respekt, Anerkennung und Wertschätzung und können sie zu ihnen uneingeschränktes Vertrauen entwickeln, kann dies wie ein „Schutzschild“ gegen Gewalt wirken.

November 2000: Gesetzliches Verbot der Prügelstrafe

Häufigkeit körperlicher Misshandlungen bei Kindern in Deutschland

„Das hat mir auch nicht geschadet!“ – Und ob!

Körperliche „Züchtigungen“ – Handlungen mit schweren Folgen

Nicht nur körperliche Gewalt ist Gewalt!

Alternativen überlegen – es lohnt sich!

Wohl für alle Eltern ist es eine der schlimmsten Vorstellungen, dass ihr eigener Nachwuchs einmal zum Opfer von Gewalt werden könnte. Auch möchte wohl keiner, dass seine Tochter oder sein Sohn selbst einmal Gewalt ausübt. Mütter und Väter können viel dafür tun, ihre Kinder zu stärken und sie gegen – selbst erlittene oder ausgeübte – Gewalt zu schützen. Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist dabei, dass die Mädchen und Jungen in ihrem eigenen Elternhaus vor Gewalt jeglicher Art sicher sind. Körperliche Bestrafungen, aber auch seelische und verbale Gewaltausübungen durch die Eltern sollten deswegen in jedem Fall tabu sein!

November 2000: Gesetzliches Verbot der Prügelstrafe
Zu früheren Zeiten war es gang und gäbe, Kinder körperlich zu bestrafen. Keiner wäre dabei auf die Idee gekommen, diese elterliche Handhabe in Zweifel zu stellen oder gar zu kritisieren. Kinder sollten gehorsam und folgsam sein, Widerspruch wurde nicht geduldet. Über die Folgen, die Gewaltausübungen im Elternhaus auf Kinder haben, machte sich niemand Gedanken.

Erst vor zehn Jahren wurde das elterliche Züchtigungsrecht, das aus den Paragraphen 1626 und 1631 alter Fassungen des Bürgerlichen Gesetzbuches abgeleitet wurde, abgeschafft. Laut einem Internetportal für Recht waren zwar bereits in diesen alten Versionen „quälerische, gesundheitsschädliche oder demütigende Züchtigungen verboten“ – ein gesetzliches Verbot der Prügelstrafe gibt es aber erst seit beinahe zehn Jahren: Im November des Jahres 2000 wurde der Paragraph 1631 geändert. Sein Inhalt lautet nun: „Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Damit wurde das „Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung“ verabschiedet.

Häufigkeit körperlicher Misshandlungen bei Kindern in Deutschland
Genaue Angaben zur Häufigkeit körperlicher Gewalttaten gegen Kinder sind nur schwer zu finden. Experten gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer in diesem Bereich aus. Allerdings scheint die Gesellschaft innerhalb der letzten Jahre sensibler geworden zu sein, was die Anwendung körperlicher Gewalt gegen Kinder angeht. Übergriffe werden heute vielfach schneller zur Anzeige gebracht als dies früher der Fall war.

Im Jahr 2003 wurden in der Broschüre „Gewaltfreie Erziehung“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend die folgenden Zahlen einer Studie veröffentlicht, die im Auftrag der Bundesregierung durchgeführt worden war: Nur 28 Prozent aller Eltern erzogen ihre Kinder zu diesem Zeitpunkt überwiegend sanktions- beziehungsweise weitestgehend körperstrafenfrei. Hingegen bedienten sich 54 Prozent der Eltern der so genannten „konventionellen Erziehung“ und wendeten dabei neben körperstrafenfreien Sanktionen öfter auch leichte körperliche Strafen an. 17 Prozent sanktionierten ihre Kinder im Rahmen einer gewaltbelasteten Erziehung generell häufiger. Dabei wandten sie auch psychische Formen und insbesondere schwere Körperstrafen an.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zeigt, dass es bei den angezeigten Fällen von Misshandlungen in den Jahren von 1990 bis 2007 zu einem Anstieg kam: Lag im Jahr 1990 die Zahl der betroffenen Kinder in einem Alter unter sechs Jahren bei 600, gab es im Jahr 2007 bereits 1.707 angezeigte Fälle. Bei den unter 14 Jahre alten Mädchen und Jungen belaufen sich die entsprechenden Zahlen auf 1.337 (1990) und 3.926 (2007) Fälle. Es muss allerdings in Betracht gezogen werden, dass diese Anstiege auch durch die erhöhte Anzeigebereitschaft seitens der Bevölkerung erklärt werden könnten.
 
Laut PKS 2009 kam es im Jahr 2009 im häuslichen Bereich zu 16.349 Gewaltstraftaten im häuslichen Bereich, wobei 14 Prozent (2.289) von ihnen auf Kind-/Eltern-Beziehungen entfielen.

„Das hat mir auch nicht geschadet!“ – Und ob!
Auch heute noch hört man vielfach den Satz: „Ich habe als Kind auch mal eine Ohrfeige bekommen – das hat mir nicht geschadet!“ Diejenigen, die eine derartige Äußerung machen, sind meistens felsenfest von ihrem Inhalt überzeugt. In Wahrheit ist dieser Satz aber nur ein Versuch, damit umgehen zu können, dass man in der Kindheit selbst sehr wohl unter den körperlichen Gewaltanwendungen gelitten hat. Auch wollen die Betroffenen häufig das Verhalten ihrer Eltern rechtfertigen. Besonders tragisch ist, dass diejenigen Erwachsenen, die als Kinder geschlagen wurden, dieses Verhalten in ihrem späteren Leben bei ihren eigenen Kindern wiederholen. Die Gewaltspirale dreht sich weiter – gemäß dem Motto „Kinder, die geschlagen werden, werden Eltern, die schlagen.“ Die Frauen und Männer haben nicht gelernt, Konflikte anders zu lösen und ziehen somit häufig nicht einmal in Betracht, dass die Erziehungsmaßnahmen, die sie anwenden, falsch sind. Gerade sie sollten jedoch darüber nachdenken, wie sie verhindern können, dass ihr Nachwuchs dieselben furchtbaren Erfahrungen machen muss wie sie selbst in ihrer Kindheit.

Jedem sollte klar sein, dass Schläge in keiner menschlichen Beziehung Platz haben – nicht zwischen Erwachsenen und schon gar nicht zwischen Erwachsenen und Kindern. Annegret Schulte, Sozialpädagogin beim Deutschen Kinderschutzbund Lahn/Dill sagt hierzu: „Bei den Erwachsenen ist uns schon lange klar, dass Prügel gegen die Menschenwürde verstoßen. Und das muss natürlich auch für Kinder gelten.“

Körperliche „Züchtigungen“ – Handlungen mit schweren Folgen
Jeder „Klaps“ schadet jedem Kind auf erhebliche Weise. Dabei müssen die betroffenen Mädchen und Jungen nicht „nur“ den Schmerzmoment verkraften – vielmehr sind die seelischen Folgen dieser Übergriffe für ihr gesamtes Leben beträchtlich. Am ehesten wird dies vorstellbar, wenn man sich in die Lage des Kindes hineinversetzt: Ein Mensch, dem es bis zu diesem Moment voll und ganz vertraut hatte und den es vor allen Dingen über alles liebt, wendet plötzlich Gewalt gegen es an. Die Ängste, die ein Kind in diesem Moment ausstehen und der Vertrauens- sowie der Würdeverlust, den es erleiden muss, sind demzufolge unvorstellbar groß. Die Folgen bleiben zudem häufig ein Leben lang bestehen und behindern das Kind in seiner Entwicklung. Vielen Opfern körperlicher Gewalt durch die Eltern fällt es schwer, in ihrem späteren Leben vertrauensvolle Beziehungen einzugehen. Viele haben Probleme damit, mit ihren Aggressionen umzugehen und wenden diese entweder gegen andere oder aber gegen sich selbst.

Von weiteren gravierenden Folgen körperlicher Gewalt gegen Kinder berichteten Forscher der University of New Hampshire im September des Jahres 2009 auf der Internationalen Konferenz zu Gewalt, Missbrauch und Trauma in San Diego. Sie konnten in einer vierjährigen Studie feststellen, dass ein Zusammenhang zwischen körperlicher Bestrafung und der Intelligenz eines Kindes besteht. Forschungsleiter Murray Straus fasst diesen Zusammenhang so zusammen: „Je öfter Kinder geschlagen werden, desto langsamer verläuft ihre geistige Entwicklung.“ Dies konnte bei 1.500 zwei- bis vierjährigen sowie fünf- bis neunjährigen Kindern festgestellt werden. Auch eine Untersuchung von 17.000 Studenten wies diesen Zusammenhang nach, dessen Ursache von den Studienautoren in den Stresserfahrungen gesehen wird, die Kinder bei Anwendung körperlicher Gewalt durchleben: Bei wiederholten Schlägen könne es zu einem chronischen Stresszustand und unter Umständen auch zu posttraumatischen Stresssymptomen kommen, die einen Einfluss auf die Entwicklung der Intelligenz haben.

Eltern sollten sich zudem stets darüber bewusst sein, dass Gewaltanwendungen wie beispielsweise das Schütteln von Babys auch zum Tod führen können!

Nicht nur körperliche Gewalt ist Gewalt!
Nicht nur die Anwendung körperlicher Gewalt hat schlimme Folgen für die Mädchen und Jungen. Auch diejenigen Kinder, die im Laufe ihres Lebens von ihren Eltern immer wieder angeschrien, beleidigt, gedemütigt und verbal herabgesetzt werden, leiden massiv unter dieser psychischen Gewaltanwendung. Gleiches gilt beispielsweise für die Mädchen und Jungen, die als Strafe für „Ungehorsam“ von ihren Eltern ignoriert, missachtet oder angeschwiegen werden oder denen Liebesentzug angedroht wird.

Der Soziologe und Pädagoge Lothar Krappmann begründet in seinem Artikel „Psychische Gewalt in der Familie“ die Schwere der Auswirkungen psychischer Gewaltanwendung auf ein Kind damit, dass es durch diese „wie ein nutzloses minderwertiges Wesen behandelt wird“. Krappmann schreibt dazu weiterhin: „Geschieht dies außerhalb der Familie, kann es zu Mutter oder Vater fliehen und wird hoffentlich getröstet. Geschieht dies in der Familie, gibt es zumeist keine andere Zuflucht. Das Kind ist in größter Gefahr, seine Existenzgrundlage zu verlieren. Daher ist psychische Gewalt in der Familie so tief verletzend und nachhaltig schädigend.“

Alternativen überlegen – es lohnt sich!
Alle Menschen kommen in ihrem Leben in Situationen, in denen sie völlig überlastet und überfordert sind. Das gilt insbesondere für Eltern, denn Kinder können diesen buchstäblich bisweilen „den letzten Nerv rauben“. Damit es nicht dazu kommt, dass Kindern gegenüber Gewalt angewendet wird, sollten Eltern sich schon frühzeitig alternative Verhaltensweisen für Stressmomente überlegen. Wer dabei alleine nicht weiterkommt oder sich so hilflos und überfordert fühlt, dass er befürchtet, ihm werde irgendwann doch einmal „die Hand ausrutschen“, sollte sich nicht scheuen, sich an eine Erziehungsberatungsstelle zu wenden. Dabei braucht niemand zu befürchten, für sein Verhalten kritisiert zu werden. Vielmehr kann davon ausgegangen werden, dass der elterliche Wunsch, sich seinem Kind gegenüber niemals gewalttätig verhalten zu wollen, anerkannt wird und Mütter und Väter nützliche Ratschläge und Hilfestellungen erhalten.

Weitere Informationen zum Thema „Häusliche Gewalt gegen Kinder“ finden Sie hier.

Eine Bilanz nach Einführung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung finden Sie hier.